Ost special: BUKAREST - eine Verwandlung

05. September 2011

Mercedes, Porsche, manchmal auch ein Bentley – Bukarests Straßenbild hat sich verändert. Das triste Stadtbild aus Straßenkindern und Trabanten Marke Dacia ist verblasst. Heute verleihen Luxuskarossen, durchgestylte Gassen und moderne Shopping-Malls dem „Paris des Ostens“ neuen Glanz.

Von Monika Bratic und Stefan Sersea (Fotos)

Fast vier Jahre ist es her, seit Stefan Sersea, der biber durch die Stadt seiner Geburt führt, das letzte Mal in Bukarest war. Große Parks, breite, lange Boulevards und moderne Hochhäuser – seine Heimatstadt hat sich in den letzten Jahren so sehr verändert, dass er sie nicht wiedererkennt. „Unglaublich, sieh dir dieses Blumenbeet an! Die pflanzen jetzt Blumen!“ Wo früher Kinder um „Lei“ bettelten, wachsen heute Nelken und Rosen. Wo früher Häuser verfielen, breiten sich heute moderne Shopping-Malls und Kinocenter aus.

MEIN BLOC
Graue kommunistische Bauten, umringt von kleinen Märkten und bunten Kiosken: Fast jeder Bukarester lebte oder lebt noch immer in so einem „Bloc“. „Da oben am Balkon stand ich als Vierjähriger und beobachtete schäbige Autos. Die Wohnung meiner Großeltern war klein, aber ich habe mich immer sehr zu Hause gefühlt“, sagt der heute 30-Jährige, zeigt auf die bunten Läden und stellt fest: „Früher gab es aber keine Supermärkte und Blumengeschäfte.“

War es abends früher gefährlich auf die Straße zu gehen, trifft man sich heute auf neu gebauten Grillplätzen und picknickt manchmal sogar bis in die frühen Morgenstunden. Obwohl sich die Umgebung verändert hat, sind die Leute genauso herzlich geblieben und die „Mići“  schmecken immer noch genauso gut wie damals, findet Stefan und beißt genüsslich in ein rumänisches Ćevapčići.

"ALLES NUR ALIBI FÜR DIE EU"
Seit dem EU-Beitritt 2007 sieht man in diesem und anderen Vierteln auch immer mehr Kinderspielplätze und Klettergärten. Auch große bunte Müllfässer stehen an jeder Ecke. Grund: Seit dem EU-Beitritt sollen die Bukarester Müll trennen. „Das landet doch eh alles wieder auf einem Haufen“, kommentiert ein älterer Herr im Vorbeigehen,
„alles nur Alibi für die EU“, fügt er schmunzelnd hinzu.

 

DAS DORF MITTEN IN DER STADT
Zurück ins Zentrum von Bukarest, oder dem „Paris des Ostens“, wie der Spitzname der Stadt nicht ganz zu Unrecht lautet: Die sternförmigen Straßen verbinden wunderschöne alte Gebäude und Sightseeing-Hotspots miteinander. Der Bukarester Triumphbogen ist etwas kleiner als der Pariser „Arc de Triomphe“, aber mindestens genauso schön! Seen und große Parks, wie der Cişmigiu-Park, umgeben ihn.

 

 

Ein paar Gehminuten vom Triumphbogen verwandelt sich Bukarest in ein Dorf. Im „Muzeul Satului” (Dorfmuseum) werden Bauernhäuser aus ganz Rumänien ausgestellt.  Dabei wurden sie in den Dörfern abgetragen und orginalgetreu im Museum wieder aufgebaut. Möbel, Teppiche, Decken, sogar Geschirr werden präsentiert. Die kleinen Häuser dürfen, sollen sogar betreten werden. In jedem Häuschen sitzt nämlich eine nette ältere Dame, der man beim Sticken zusehen kann und die über „ihr“ Rumänien plaudert wie ein Wasserfall in den Karpaten.

 

Weniger folkloristisch dafür umso lauter, jünger und stylischer geht es im neuen Fortgehviertel der Stadt rund um die dazugehörige Straße „Lipscani“ zu. Eine Bar steht neben der anderen – und das, obwohl die Straßen und Häuser noch großteils Baustellen sind. Tausende Bukarester und Touristen durch die Gassen des ältesten Viertels Bukarests, das jetzt wieder rausgeputzt wird. Dass es noch steht, ist eigentlich ein Wunder, denn Nicolae Ceauşescus Bauwut ist ein Großteil des alten Bukarest zum Opfer gefallen.

ALLES NUR FASSADE ?
Von Luxuskarossen wird der ganz zentrale „Bulevardul Unirii“ gesäumt. Um sich den Traum einer perfekten Stadt zu erfüllen, wurden unter diesen „Bukarester Champs-Elysées“ besonders schöne Stadtviertel begraben. Drüber rollen jetzt die Porsche Cayenne und Mercedes SUVs der Neureichen oder jener, die so tun. Stefans Cousine Laura Ionescu lebt und arbeitet in Bukarest, sie kennt das Luxusauto-Phänomen:  „Der neuste Trend in Rumänien: Auto-Leasing. Hier legt man sich Autos zu, für die 500 bis 600 Euro Leasingrate zu zahlen ist. Dafür leben viele in halbverfallenen Wohnungen. „Bei uns werden die Prioritäten falsch gesetzt. Eigentlich sollten wir in Bildung und Wohnen investieren.“

 

 


DAS GRÖSSTE GEBÄUDE EUROPAS
Seit jeher mächtig, eindrucksvoll und – angesichts seiner Geschichte – auch angsteinflößend ist der Parlamentspalast, der am Ende des Boulevards den Horizont ausfüllt: Er ist das größte Gebäude Europas und nach dem US-Pentagon das zweitgrößte Verwaltungsgebäude der Welt. Dieses mächtige Beispiel von Ceauşescus Größenwahn ist vielen Bukarestern auch heute noch ein Dorn im Auge, denn der hier ist der Sitz der äußerst unbeliebten rumänischen Regierung und des Parlaments. Genutzt wird freilich nur ein winziger Bruchteil der tausend Räume, von denen einzelne so groß wie ganze Bahnhofshallen sind – Hubschrauberlandeplatz inklusive.

Ein langer Tag in Bukarest neigt sich dem Ende zu. Stefan kann noch immer nicht die Augen vom Blumenbeet am Straßenrand lassen. Die großen Neubauten und Renovierungen scheinen ihn nicht so zu beeindrucken wie die bunten Nelkenbeete. „Bei dem Dreck, der hier geherrscht hat – niemals hätte ich erwartet, dass hier jemals Blumen wachsen.“, sagt er während er sich verabschiedet, „aber irgendwie haben es die Bukarester trotzdem geschafft“.

 

Bukarest
Hauptstadt Rumäniens
Einwohner: 2,6 Millionen

Währung: 1 Lei = 100 Bani
Sprache: Rumänisch

biber Sightseeing-Tipp:

-  Cişmigiu-Park 
Der älteste Park Bukarests

- Arcul de Triumf

Der Bukarester Triumphbogen

- Muzeul Satului
Das Dorfmuseum

- Palatul Parlamentului
Das größte Verwaltungsgebäude Europas und Sitz des rumänischen Parlamentes

- Strada Lipscani
Das älteste Stadtviertel Bukarests mit ganz besonderer Atmosphäre

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