Out of Aut: Schön sperrig

10. Oktober 2011

Die bulgarische Hauptstadt Sofia bietet gelassenes Leben zwischen Verfall und Neubeginn. biber-Fotografin Lucia Bartl hat sich vom biber-Kolumnisten Todor Ovtcharov herumführen lassen und weiß jetzt mehr über kommunistische Paläste, Kuttelflecksuppe und Turbofolk.

 

 


Von Lucia Bartl und Todor Ovtcharov

Im Park vor dem Palast steht das Denkmal „1300 Jahre Bulgarien“. Es ist mit einem Bauzaun umgeben, weil die schweren Marmorplatten, mit dem dieses gewaltige Gebilde einmal verkleidet war, alle heruntergefallen sind. Seitdem wartet es auf Renovierung oder Abriss.

TODOR: Das Denkmal wird von den Sofiotern liebevoll „Der Fünfschwanz“ genannt. Ein anderes Gebäude, das ehemalige Mausoleum des ersten Parteigenossen in Sofia, wurde 1998 gesprengt. Ich glaube, das war nicht besonders klug, denn das Vergessen der Vergangenheit ist kein Schritt, um sich davon loszureißen.

Sofia ist geprägt von Monumenten und Prachtbauten aus der kommunistischen Zeit. Einer davon ist der „Palast der Kultur“ im Zentrum. In der Stadt kann man aber auch durch weiträumige Parks und nette Baumalleen schlendern.

TODOR: Sofia bietet seinen Besuchern eine unbeschreibliche Architektur-Melange von Stalinbarock bis hin zu gläsernen Shoppingmalls des neuen Jahrtausends. Dass Sofia in einem Tal liegt, merkt man am dichten Smog, der mitunter über der Stadt hängt.

Zwischen den Plattenbauten blitzen immer wieder schöne alte Häuser aus der Jahrhundertwende hervor. Sie erzählen vom einstigen Glanz der Stadt und strahlen morbiden Flair aus. Zum größten Teil sind diese Häuser heruntergekommen und stehen leer. Leider fehlt das Geld oder das Gespür, sich um so was zu kümmern.



TODOR: Das Renovieren alter Häuser in Sofia ist nicht so einfach, wie es scheint. Viele dieser alten Häuser sind Gegenstand einer jahrelangen Besitzstreites.

Auf dem „Frauenmarkt“, einem Straßenmarkt, findet man alles, was man zum Leben braucht. Bauern aus der Umgebung beliefern die Stände und Frauen verkaufen am Gehsteig zum kleinen Preis Gewürze aus dem eigenen Garten. Mit einem Durchschnittseinkommen von 400 Euro im Monat ist Bulgarien das ärmste Land der EU. In großen Supermärkten wie „Billa“ oder Penny einzukaufen, die ihre Preise nicht angepasst haben, ist für die meisten Sofioter nicht leistbar.

Am Platz vor dem Volkstheater kann man stundenlang abhängen. Alte Männer spielen Schach, Backpacker schlafen auf den Bänken und überall stehen Leute, die plaudern. Die Bulgaren scheinen ein sehr gemütliches Volk zu sein.



TODOR: In diesem Land gab es schon so viele Krisen, dass sie sich die Leute auch von der derzeitigen Wirtschaftslage nicht beeindrucken lassen. 45 Jahre Kommunismus und dann der extreme Wertverlust des Geldes in den 1990er-Jahren haben erfinderisch gemacht. Jeder schaut, dass er über die Runden kommt. Die Kehrseite: für die Politik des Landes interessieren sich nur wenige und damit haben Korruption und Misswirtschaft leichtes Spiel.

 

TODOR: Die Wohnviertel in Sofia haben schöne Namen – „Jugend“ , „Freundschaft“, „Freiheit“ oder „Hoffnung“. Dort, wo Hoffnung endet, fängt das Viertel an, wo ich aufgewachsen bin – „Obelia“. Legenden zufolge sind italienische Kreuzritter durch die Gegend marschiert. Einer sah das schöne Vitoscha Gebirge, das im Süden von Sofia liegt, kniete nieder und rief voller Begeisterung „O, Bella!“. Ein zufällig vorbeikommender Einheimischer wiederholte das mit slawischer Aussprache und so kam „Obelia“ heraus.

An vielen Türen sind Bilder von Toten angebracht. Am Anfang war ich verwirrt. Wie können so viele Leute gleichzeitig in einem Haus gestorben sein? Doch Todor erklärte mir, dass es Brauch ist, nach einer Woche, nach einem halben Jahr, nach zwei Jahren, neue Bilder aufzuhängen. Somit wird daran erinnert, wer hier mal gelebt hat.

TODOR: Ich bin einfach damit aufgewachsen und habe es nie als etwas Spezielles gesehen. Außerhalb Bulgariens ist mir so etwas aber noch nicht untergekommen.

In der ganzen Stadt findet man Graffiti auf den Wänden – manchmal auch in Kombination mit einem coolen T-Shirt Shop. Der überall gegenwärtige Turbofolk tönt aus den kleinen Läden und heißt hier Chalga.

TODOR: Während des Kommunismus war Chalga verboten. Heute dominiert diese Mischung zwischen MTV und Balkanfolklore die Popkultur des Landes. Seine Anfänge hat der Turbofolk aber in Ex-Jugoslawien.

Eigentlich hält sich meine Leidenschaft für Autos in Grenzen, aber beim Anblick der schönen alten Lada, die dort überall  herumstehen – und manchmal auch fahren – hätte ich doch Lust gehabt, zuzuschlagen. Laut Auskunft aus verlässlicher Quelle könnte man für 500 Leva, sprich 250 Euro, schon einen kaufen, „der es bis Österreich schafft“. Mmm ... und dann?

TODOR: Die Russen haben ihre Autos so produziert, dass sie wahrscheinlich im Notfall auch als Panzer dienen könnten. 20 Jahre nach der Wende ist Bulgarien immer noch voll von diesen Panzern. Egal ob „Lada“ oder „Moskvitsch“ – ich glaube diese Autos halten ewig.

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