Quarantäne mit scharf

10. April 2020

Diese Ausgabe ist aus dem Homeoffice und in sozialer Isolation entstanden. So vielfältig unsere Redaktion ist, so unterschiedlich sind auch die Wahrnehmungen der Quarantäne. Hier liest du die persönlichen Erfahrungsberichte unserer Redaktion – aufgeschrieben Ende der zweiten Woche nach den Ausgangsbeschränkungen. Jetzt, wo du das Heft in der Hand hältst, sind wir möglicherweise schon alle durchgedreht. Aber wir haben’s geschafft! Für euch und wie immer – mit scharf.

Amar Skype

Mein Sohn ist schuld.
Amar Rajković – stv. Chefredakteur

Eigentlich hätte ich – abwechselnd mit meiner Frau – auf unseren zweijährigen Sohn aufpassen, den Haushalt schmeißen und natürlich meiner Arbeit als stv. Chefredakteur des Bibers nachgehen sollen. Eigentlich. Es kam alles anders. Der kleine Wirbelwind mag es nämlich nicht, wenn ich auf den Bildschirm starre und nicht stattdessen mit ihm kleine Fruchtfliegen auf dem Balkon fange oder zum 94sten Mal an dem Tag die Tiere der Savanne durchzähle. Er meint es auch ernst, das bewies er, indem er zuerst unseren Stand- PC und dann tatsächlich auch den Uralt-Laptop meiner Frau in den Computer-Himmel schickte. Deswegen gibt es von mir in dieser Ausgabe Interviews und kurze Texte zu lesen – für zusammenhängende Artikel und eine dahinterstehende Recherche war an Tagen wie diesen einfach kein Platz, keine Zeit, keine Chance. Danke jetzt schon an die KollegInnen, die kinderlos einen Großteil der Arbeit geschupft haben – als Belohnung dürft ihr auf meinen Sohn aufpassen.

 

Skype Ola

Ihr seid mir zu sozial.
Aleksandra Tulej – Chefin vom Dienst

Social Distancing ist auch ohne Corona mein zweiter Vorname, wie ich in den letzten Wochen gelernt habe. Aus meiner unglaublich privilegierten Situation, in der ich meine Quasi- Quarantäne verbringe: Ich habe nicht das geringste Problem damit, alleine in meiner Wohnung zu sitzen. Meine Freunde scheinbar schon. Plötzlich wollen sich alle ständig zum Spritzertrinken via Skype, zum Online-Zocken, zum Sport auf Zoom, zum FaceTimen im virtuellen Museum und was weiß ich noch verabreden. Leute, ich komme nicht mehr nach vor lauter virtuellen sozialen Verpflichtungen. Mein Handy hat keinen Speicher mehr für eure ganzen sozialen social distancing Apps. Ich fühl mich langsam schon sozial bedrängt. So viele Abendpläne hatte ich seit 2014 nicht mehr. Nur, dass ich jetzt schwer Ausreden erfinden kann, wenn ich wo nicht erscheinen möchte. Versteht mich nicht falsch, ich vermisse meine Freiheit genau wie ihr – aber scheinbar lebe ich das, was ich seit immer predige: Ich kann gut mit mir selbst auskommen und das gibt mir viel Ruhe und Kraft für die nächste Zeit. Ich gehe jetzt wieder den Raben vor meinem Fenster zusehen, die sich scheinbar jeden Vormittag auf dem Dach gegenüber treffen, um den Hood-Gossip auszutauschen. Verdammt, sogar die blöden Vögel sind sozialer als ich.

Skype Delna

Mein psychologischer Quarantänevorsprung
Delna Antia – Chefredakteurin

In puncto exzessiven Daheimseins bin ich in Übung. Ich besitze einen psychologischen Quarantänevorsprung. Im Jänner lag ich mit Lungenentzündung danieder, im Februar folgte die Influenza und auf die SMS eines Bekannten, der mir damals zur Genesung schrieb: „Gut, dass derzeit nicht die Pest grassiert“, kann ich nur milde lächelnd zurückblicken. Über Wochen weder Kollegen, Freunde oder Familie zu treffen, gehört zu 2020 für mich wie die Jogginghose zum Laptop. Die Tränen der Asozialität habe ich schon geweint. Auch die tägliche Verwunderung darüber, dass man trotz so viel Zeit zu Hause das Gewürzsortiment noch nicht sortiert hat, kenne ich. Soweit für mich alles beim Alten. Im Homeoffice das Handy in der einen und den Kinderpopo in der anderen zu jonglieren, während E-Mails beantwortet und das Mittagessen umgerührt gehören, auch nicht neu. Tägliches Fiebermessen, totale Routine. Welcome to my life „erstes Kindergartenjahr“. Andererseits neu ist: Der Ehemann hat einen Totalausfall an Dienstreisen und ist derzeit so sehr da, dass es in unserer Ehe die Premiere des gemeinsamen Badezimmerputzens gab. Ohne Fortsetzung. Auch der Sohnemann baut neuerdings lieber Krankenhäuser als Zugstrecken, das mag an seinen neuen Freunden Rudi & Armin liegen. Und ich habe tatsächlich an einem Wochentag einen Kuchen gebacken. Doch so heimelig das Glück in unserer kleinen Welt auch anmutet, eines dabei ist so fremd, dass es Angst macht: Das Wissen um die Welt da draußen und das Unwissen um unsere Zukunft. Es gibt kein normales Leben im Ausnahmezustand.

Skype Nada

Plötzlich lebe ich in einem Callcenter
Nada El-Azar – Kulturressortleiterin

Die Quarantäneregelungen trafen mich in besonderer Weise, da ich für das Kulturressort zuständig bin. Schon in der Woche vor der allgemeinen „Ausgangssperre“ bekam ich reihenweise Absagemails von Museen und Theatern… ich wusste gar nicht, worüber ich denn noch schreiben sollte. Ich freute mich heimlich schon literatenmäßig im Kaffeehaus zu arbeiten, aber als klar wurde, dass auch diese ihre Türen schließen würden, verwandelte sich mein gemütliches Wohnzimmer in ein winziges Callcenter. Denn mein Freund hat auch einen Medienjob und arbeitete ebenfalls von hier. Den ersten Tag hatten wir eigentlich souverän gemeistert, wir saßen jeweils mit unseren Laptops und Kopfhörern im Raum. Doch am zweiten Tag schon überlagerten sich unsere Skype-Calls, was dem häuslichen Frieden nicht immer zuträglich war … Der Besuch von Kulturveranstaltungen hatte meinen Alltag bereichert – das alles war aber bis auf Weiteres nicht mehr möglich. Meine ganzen Routinen und Wege durch die Stadt waren plötzlich also futsch. Abgesehen davon war es auch schwierig, Interviewpartnern nicht face-to-face zu begegnen. Ich konnte mich anfangs nicht mit dem Gedanken abfinden, abends nicht in eine Bar gehen zu können oder Freunde spontan zu treffen. So eine Einsamkeit spürte ich lange nicht mehr. Wenigstens gehe ich dafür aber öfter laufen.

Skype Hannah

Schmetterling unter Quarantäne
Hannah Jutz – Akademie

Homeoffice war für mich immer ein Traum. Mit Musik im Wohnzimmer sitzen und an Texten schreiben? Klingt perfekt. Ich bin gerne allein. Als die Ausgangsbeschränkungen kamen, fand ich das also gar nicht so schlimm. In meiner Vorstellung sah ich mich beim Yoga, Zeichnen und Bachelorarbeit schreiben. Einzig der soziale Schmetterling in mir zuckte beim Wort „Selbstisolation“ zusammen. Ich treffe mich normalerweise fast täglich mit Freunden und gehe gerne aus. Aber ein bisschen social detox und Entschleunigung können ja nicht schaden. So die These. Nach wenigen Wochen allein habe ich realisiert: man hat nicht mehr Zeit, nur weil man zuhause ist. Während andere töpfern, Gedichte schreiben und gemeinsam trainieren bin ich nach acht Stunden Homeoffice (die übrigens um einiges weniger produktiv sind, als erwartet), gelegentlichem Einkaufen, Aufräumen und Spazieren schon wieder müde. Und: Trotz stundenlanger Telefonate fühlt man sich bei so viel Zeit mit sich und seinen Gedanken irgendwann einsam. Mein neuer Traum ist also ein Sommer ohne Corona. Ein Sommer mit Festivals, Menschenmengen und nackter Haut. Ein Sommer mit vielen Freunden und noch mehr tanzen. Und: ein Sommer mit unendlich viel Zeit.

Jara Skype

Homeoffice gesucht!
Jara Majerus – Akademie

Es ist merkwürdig still im Haus meiner Eltern in Tirol, als ich von meinem Laptop aufschaue. Immerhin wohnen hier gerade sieben Menschen. Ich verlasse mein Homeoffice, das ich heute in der Küche eingerichtet habe, und mache mich auf die Suche nach meinem Freund, der amüsanter Weise immer noch in Tirol ist. Eigentlich hätte er schon vor zwei Wochen wieder in die Niederlande fliegen sollen, aber Corona hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich öffne die Terassentür und höre ein leises mechanisches Kreischen. Mein Freund sägt wahrscheinlich wieder unter dem Carport, er baut gerade einen Tisch. Da muss ich nicht unbedingt dabei sein, denke ich, und mache mir zurück auf den Weg in mein Homeoffice. In der Küche angekommen muss ich feststellen, dass mein Büro zu einem Frisörsalon umfunktioniert wurde. Meine Mutter ist die Frisörin und mein Bruder ihr erster und einziger Kunde. Er schaut etwas resigniert aus, nicht hundertprozentig zufrieden mit dieser Situation. Ich packe also meine sieben Sachen, verlasse den Frisörsalon und mache mich auf den Weg in mein zweites Büro – das Wohnzimmer. Aber auch das Wohnzimmer ist besetzt, meine kleine Schwester sitzt auf der Couch. Sie tätowiert mit ihrer neu erstandenen Tätowiermaschine auf Fake-Skin, die aussieht wie ein großes Stück Cheddarkäse. Hier kann ich also auch nicht bleiben, denke ich, und mache mich weiter auf die Suche nach meinem Büro für heute.

Skype Zoe

Not macht erfinderisch
Zoe Opratko – Fotochefin

Diese Ausgabe ist eine Premiere im doppelten Sinne. Sie ist nicht nur die erste, die aus dem Homeoffice entsteht. Sie ist gleichzeitig mein Debüt als Fotochefin beim BIBER. War der Ausnahmezustand anfangs noch in weiter Ferne, wurde innerhalb weniger Tage klar: Kaum an die scharfe Redaktion gewöhnt, muss ich auch schon radikal umdenken. Das übliche Fotoshooting kann plötzlich nicht mehr stattfinden. Neue Ideen müssen her! Da wird mir klar: Ausnahmesituationen sind immer auch eine Gelegenheit, Neues auszuprobieren und mit alten Mustern zu brechen. Collagen basteln, Puppenmöbel fotografieren und einfach improvisieren lautete die Devise. Was bedeutet Normalität in Zeiten wie diesen schon? Auch das Zeitgefühl scheint ausgehebelt. Während ich also abwechselnd gespannt und besorgt mein Umfeld beobachte, zwischen über- und unvorsich-tigen Mitmenschen Einkäufe erledige und meine sozialen Kontakte weitgehend problemlos mit frisch entfachter Pflanzen-Leidenschaft ersetze, stelle ich fest: Es sind immer Ausnahmesituationen, die uns auf neue Ideen bringen.

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