Sarajevo Film Festival: Zwischen Multikulti, Film und Party

22. August 2014

Damen mit Sonnenhüten und langen Kleidern fächern sich auf der Ferhadija gegen die Hitze ein wenig Luft ins Gesicht und unterhalten sich über die Filme im Wettbewerb. Eine Gruppe italienischer Besucher macht ein Foto vor der Statue Johannes Paul 2 während Yugoschwaben aus Frankfurt am Main daneben stehen und in einer Mischung aus Bosnisch und Deutsch über Berlusconi diskutieren.

 

(Credit: Frenkie Facebook)

Gegen Abend sind die Straßen überfüllt mit Menschen aus aller Welt und in meine Stammclubs komme ich kaum noch rein, weil die Stadt voll ist wie sonst nie. Gegen 6.00 Uhr morgens nehme ich einen Iraner in die Arme, denn ich wenige Stunden zuvor kennenlernte und wir versprechen uns, dass wir eine Sauftour durch Teheran machen wenn die Mullahs endlich weg sind - ganz nüchtern sind wir da nicht mehr.
 

 

Herzlich willkommen auf dem 20. Sarajevo Film Festival! Acht Tage in denen sich das Gesicht der Stadt völlig verändert. Das Versprechen der Multikulturalität das Sarajevo jeden Tag von neuem macht, wird dieser Tage eingelöst.

 

(Mirsad Puritvara:“Wenn wir sehen wo wir angefangen haben und was für einen Weg wir zurückgelegt haben, dann ist das 20 Sarajevo Film Festival ein Grund zum Feiern")

Sarajevo ist keine Metropole, sondern die 310.000 Einwohner zählende Hauptstadt eines Staates, welcher kaum mehr Einwohner hat als Berlin. Der Direktor des Sarajevo Film Festivals bekam dieses Jahr einen Anruf von den Organisatoren des Odessa Film Festival, weil diese wissen wollten wie man ein Festival in Bürgerkriegszustand realisiert. Als 1995 das erste Sarajevo Film Festival stattfand war die Stadt noch belagert. Wer sich auf die Straße traute, riskierte bereits sein Leben. Die Lage Sarajevos in einem Talkessel hat die Stadt zum perfekten Opfer einer Belagerung gemacht.

 

(Credit: SFF) (Gael García Bernal ist einer der bekanntesten Schauspieler Mexikos. Beim Film Festival in Sarajevo wurde der Film "Amores Perros" abgespielt.)

 

 

 

 

 

 

Dennoch kamen 15.000 eingeschlossene Menschen um sich 37 Filme anzuschauen. Dies war die Geburt des Sarajevo Film Festivals zu einer Zeit als es weder fliesendes Trinkwasser, funktionierende Heizungen oder auch nur genügend zu Essen gab. Zu dieser Zeit wurde Sarajevo zu einer globalen Allegorie für Multikulturalität und die Bedeutung von Kunst und Kultur in Ausnahmesituation. Dies lag nicht zuletzt am schlechten Gewissen einer Weltöffentlichkeit, die sich das Gemetzel jahrelang vor heimischen Fernseher anschaute, ohne das Morden zu verhindern. Mirsad Puritvara sagt: “Wenn wir sehen wo wir angefangen haben und was für einen Weg wir zurückgelegt haben, dann ist das 20 Sarajevo Film Festival ein Grund zum Feiern. Das Filmfestival spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Films in der Region”. Inzwischen hat sich das Sarajevo Film Festival zum wichtigsten Schauplatz für den südosteuropäischen Film entwickelt, Mirsad Puritvara ist darauf sichtlich stolz.
 

 

 

 

 


In Bosnien Herzegowina wird das Erasmus-Programm gerade erst eingeführt und viele Jugendliche haben kein Geld zu Reisen und kaum Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer kleinen Lebenssphäre. Das wichtigste dieses Festivals ist vielleicht, dass die junge Sarajlija Ideen mit anderen Jugendlichen aus aller Welt austauschen können. Auch deswegen ist es wichtig, dass die Ticketprese moderat sind - 1.50 bis 4.00 Euro kostet eine Vorstellung.

Die Bedeutung des Sarajevo Film Festivals kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Natürlich geht es um Filme und Parties, aber es geht vor allem um das multikulturelle Sarajevo, dass im vergangenen Bürgerkrieg vernichtet werden sollte. Jahrhundertelang lebten in Sarajevo Sunniten, Sephardim, Katholiken und Orthodoxe relativ friedlich miteinander und nebeneinander. Sarajevo wurde das Jerusalem des Balkans genannt. Dann kam der Krieg, zerstörte die jugoslawische Idee von „Brüderlichkeit und Einheit“ und was sich stattdessen durchsetzte war die Idee, dass diese Stadt einem Volk gehören müsse. Dabei gehört Sarajevo doch der ganzen Welt.

 

Von Krsto Lazarević

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