Sie ist sie

21. Januar 2014

 „Auf der bunten Blumenwiese geht ein buntes Tier spazieren…“ So beginnt ein Kinderbuch von Mira Lobe, das Kathi, meiner österreichischen Freundin, vorgelesen wurde, als sie klein war. Das bunte Tier ist anders als alle anderen Tiere und es weiß nicht, wo es eigentlich hingehört. Verzweifelt läuft es von Tierfamilie zu Tierfamilie, denn – so sagt das Tier – „ich bin, ich weiß nicht wer, dreh mich hin und dreh mich her, dreh mich her und dreh mich hin, möchte wissen, wer ich bin.“

 

Ich habe zwei Heimaten, Japan und Österreich, aber ich wusste nie, welche meine richtige Heimat ist. In Österreich wurde mir oft gesagt, dass ich nicht so aussehe wie andere. Besonders wegen meinen dunklen Haaren und asiatischen Augen falle ich auf. In Japan steche ich aus der Menge, weil ich zur Hälfte japanisch und zur anderen Hälfte europäisch aussehe.

 

たくさんの人が私の故郷について羨ましいと言います。そして又、二か国語を流暢に話せるようになりたいと言います。

 

Manche Menschen meinen: „Weil du zwei Heimaten hast, stehen alle Türen auf der Welt für dich offen!“ Ich aber war überhaupt nicht glücklich darüber und wollte schon immer sagen, wie es wirklich ist, zwei Heimaten zu haben.

 

Als ich für einen Monat auf einer japanischen Schule war, bemerkte ich, dass die Mitschüler an meiner Herkunft sehr interessiert waren. Besonders oft führten viele sehr klischeehafte Gespräche. Einmal rätselten sie, ob ich Klavier spielen kann und eine Schülerin meinte: „Natürlich kann sie das! Sie ist ja aus Österreich, da können alle Klavier spielen, wegen Mozart.“ Auch hier in Österreich erlebe ich, dass man sehr klischeehaft über Japan denkt. Das ärgert mich. Viele stellen sich vor, dass man sich Essstäbchen in die Haare steckt, oder beim Begrüßen die Hände faltet und sich verbeugt, aber das ist nicht richtig. Man verbeugt sich, aber man faltet nicht die Hände.

 

「私は日本とオーストリアの出身です。」と言うとオーストリア人ではなくオーストラリア人と間違われます。オーストリアとオーストラリアは日本語だと似て聞こえるからです。又、日本ではオーストラリアの方がオーストリアより身近に感じられるのでしょう。

 

Ich wollte immer wie die anderen sein, die nur eine einzige Heimat haben. Menschen mit nur einer Heimat müssen nicht zwischen zwei verschiedenen Ländern stehen! Deshalb habe ich mir oft als Kind vorgestellt, dass es eine kleine Insel gibt, auf der Menschen wie ich leben. An diesem Ort wird man nicht gefragt, woher man kommt. Es wird nicht festgestellt, wie anders man aussieht.

 

 そこには他の子と私を分けてしまう透明な壁はありません。そうして、そこには人種ごとのグループがありません。だから私は自分が変わっていることに対して心配しなくてもいいのです。けれども、それはただの子供の頃の夢でした。

 

Jetzt weiß ich, dass es einen solchen Ort nicht gibt.

Eine Zeit lang versuchte ich mich zu überzeugen, dass ich Österreicherin bin. Da war ich nicht die Einzige. Ich hörte eine ähnliche Geschichte von einem Südkoreaner, der behauptete, er sei Österreicher. Durch diese Erzählung bemerkte ich, dass es vielleicht normal für Mischlinge ist, eine einzige Heimat finden zu wollen. Für mich ist das aber nicht möglich – in mir sind einfach zwei Kulturen, die ich beide nicht aufgeben möchte.

 

Als Mischling muss man jedoch mit der eigenen Identität kämpfen, man kann sich nicht so einfach in der Masse verstecken und man muss anderen vieles über die zweite Heimat mühsam erklären. Aber ich denke, dass es noch andere, positive Aspekte gibt. Gerade durch den Redewettbewerb ist mir bewusst geworden, dass ich in gewisser Weise ein „Sonderfall“ bin. Ich war eigentlich anfangs sehr bedrückt und als ich an der Rede gearbeitet habe, beschäftigte ich mich mit meiner Persönlichkeit. Langsam erkannte ich, dass ich gerade wegen meinem Anderssein eine große Chance habe, die nicht alle haben!

 

今回の話し方大会に参加することになってから小さな日本ファンクラブができました。彼女たちは、どうやって日本語で字を書くか知りたがります。又、私に、たどたどしい日本語で呼びかけます。そんな時、私はニンマリと笑ってちょっとおかしい日本語を大目に見てあげます。

Es ist nicht wichtig, woher man kommt. Es ist viel wichtiger, wer man ist! Bei einer Freundschaft zählen ja der Charakter und

das Verhalten. Ich gehöre dazu, ich bin mitten drin – da spielt meine Herkunft keine Rolle. Meine Freundinnen akzeptieren mich so wie ich bin. Allerdings brauche ich wegen meinem Anderssein mehr Selbstbewusstsein und daran arbeite ich.

Ich bin keine Japanerin, ich bin auch keine Österreicherin. Aber ich lerne zu verstehen, dass ich auf mein Anderssein stolz sein kann.

 

„Durch die Stadt und durch die Straßen geht das bunte Tier spazieren; Geht – und denkt so vor sich hin: ,Stimmt es, dass ich gar nichts bin? (…) Ob’s mich etwa gar nicht gibt? Bin kein Fisch, kein Pony und auch kein Nilpferd und kein Hund (…) Aber dann bleibt das Tier mit einem Ruck (…) mitten auf der Straße stehen, und es sagt ganz laut zu sich: Sicherlich gibt es mich: ICH-BIN-ICH!'“

 

Autorin: Anna Billing

 

Anna Billing ist 14 Jahre alt und besucht das St.-Ursula-Gymnasium. Sie macht beim diesjährigen Redewettbewerb „SAG’S MULTI!“ mit und erzählt in ihrer Rede, wie heimatlos sie sich als halbe Österreicherin und halbe Japanerin manchmal fühlt. Der mehrsprachige Redewettbewerb „SAG'S MULTI!“ findet heuer zum fünften Mal mit über 400 TeilnehmerInnen aus ganz Österreich statt. Der vom Verein Wirtschaft für Integration initiierte Wettbewerb soll Jugendliche dazu ermutigen, ihre Mehrsprachigkeit zu fördern.

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