STOLZ und VORURTEIL

30. Januar 2013

STOLZ und VORURTEIL

 

Thea trinkt kein Alkohol, Mirjam ist stolz auf ihre jüdischen Wurzeln und Elzem weiß seit kurzem, dass sie Kurdin ist. Eines haben sie gemeinsam. Sie sind stolz und täglich mit Vorurteilen konfrontiert.

 

 

Nicht ohne mein Kreuz

 

Meine Eltern haben ganz schön gestaunt: Ihre Tochter wünschte sich keine Puppen, Spielkarten oder Legosteine zum Geburtstag. Nein, Gebetsbücher und Rosenkränze waren die einzigen Sachen, die mich als achtjähriges Kind glücklich machten. Ich bin heute 17 Jahre alt und an meiner Einstellung hat sich nichts geändert. Ich trinke und rauche nicht. Doch woher kommt mein Wunsch, Gott möglichst nahe zu sein und lieber Bibel-Verse als Rihanna zu rezitieren?

 

Mein Papa und meine Mama kommen aus Kroatien – ein katholisches Land, seit 1991 unabhängig vom Vielvölkerstaat Jugoslawien. Sie entstammen der Vorkriegsgeneration. Damals herrschte noch Tito und Religion war in der Öffentlichkeit ungern gesehen. Meine Familie hat mich deswegen auch nie gezwungen, zu beten oder in die Kirche zu gehen. Das mussten sie auch nicht, weil ich von klein auf religiöse Bücher verschlang, wie manch anderer Teenie die Harry-Potter-Bände. Jeden Abend vor dem Schlafengehen nahm ich mein erstes Gebetsbuch „Moj mali molitvenik“ (Mein kleines Gebetsbuch) und lernte Lieder und Gebete auswendig.  Ein paar Jahre später traf mich ein Schicksalsschlag, der mir dann auch den Weg zu Gott ebnete. Durch einen Autounfall fiel ich ins Koma. Der Glaube an Gott und die Gewissheit, dass er mir immer zur Seite steht, hat mir wirklich geholfen, vor allem in den Momenten, als ich von anderen Kindern gehänselt und verarscht wurde. Sie warfen mir vor, altmodisch und uncool zu sein, oder schlossen mich gar aus dem Freundeskreis. Das bestärkte mich noch mehr in meinem Glauben. Mir erzählte einmal ein Junge vom Film „Flying Spaghetti Monster“. Darin wird Gott von einer riesigen Portion Spaghetti mit Fleischbällchen gespielt. Anstatt mich abzuhauen, lächelte ich nur müde und erwähnte, dass ich an Jesus glaube. Seine Reaktion war filmreif. Die Stimme verstummte, der Blick erstarrte und er machte zwei Schritte weg von mir. „Ich habe keine ansteckende Krankheit, keine Angst“, beruhigte ich den sichtbar schockierten Jungen. Meine Kraft und mein Glaube halfen mir, alle Skeptiker und Kritiker abzuschütteln. Wieso ich so davon überzeugt bin?

 

Ein wichtiger Grund war die Pilgerfahrt nach Medjugorje. Ich ging mit meiner Familie einen steilen Pfad auf den Berg der Marienerscheinung hinauf. Die Menschen im Walfahrtsort in Bosnien-Herzegowina hatten alle so eine unbändige Entschlossenheit in den Augen, als würde sie jemand führen. Sie gingen barfuß oder nur in Socken. Das faszinierte mich so sehr, dass ich tagelang noch immer darüber sprach. Gott gibt mir das Gefühl, dass alles wieder gut wird. Ich weiß, dass er der einzige Grund ist, wieso ich hier bin und wieso es wert ist weiterzuleben, selbst wenn du jetzt ungläubig die Augen verdrehst und dir denkst: „Die Alte hat 'nen Schuss!“ Es kümmert mich wenig, was Tausende von meinem Glauben halten, solange eine Person mein Schicksal berührt, habe ich alles erreicht. Vielleicht bist du das?

 

Thea Brašnjić, 17, Schülerin.

 

 

Das Herz einer Kurdin

 

Ich wusste schon immer, dass ich ein bisschen anders als die anderen bin.  Meine Familie und ich gehen weder zum Freitagsgebet in die Moschee, noch fasten wir an Ramadan oder beten fünf Mal am Tag. Aber wenn uns jemand früher fragte, was wir sind, antworteten wir: Muslime. Doch ich fragte mich irgendwann, was für eine Art Muslime wir waren? Als meine Klassenkameraden stolz berichteten, dass sie den ganzen Tag zu Ramadan gefastet haben, blieb ich still. Als sie mich fragten, ob ich fastete, blieb ich still, denn ich wusste, bei uns gibt es so etwas nicht.

 

Ich bin kurdisch-zazaischer Abstammung (Volksgruppe der Zaza in Ostanatolien), meine Eltern kommen aus dem Osten der Türkei. Meine Eltern brachten mir Türkisch bei, nicht meine Muttersprache. Warum? Die Antwort bekam ich bis heute nicht zu hören. Ich dachte immer, wir wären Türken und in der Türkei würden nur Türken leben. Doch in der Türkei leben verschiedene Minderheiten: Christen, Juden, Armenier, Aleviten und letztendlich Kurden. Ich präsentierte mich jahrelang als stolze Vollblut-Türkin, obwohl ich selber nicht genau wusste, was ich bin. Ich ging zum türkischen muttersprachlichen Unterricht, wo man über die Türkei lernte, wo man seine Muttersprache vertiefen konnte. Doch es war nicht meine Muttersprache, kein Wort fiel über uns andere. Zuhause bemerkte ich, dass meine Eltern nicht nur Türkisch redeten, dass mein Großvater anfing, mit mir auf einer anderen Sprache zu sprechen. Ich war verwirrt, waren wir doch keine Türken? Als ich zu meinen türkischen Freunden ging, hing bei ihnen die türkische Flagge, bei ihnen hingen Atatürks Bilder, warum nicht bei uns? Ich wusste es nicht. Als mein Onkel mich in einen kurdisch-alevitischen Verein brachte, wo nicht Atatürks Bilder hingen, sondern Bilder von ganz anderen Volkshelden, bemerkte ich, dass ich anders war. Eines Tages beschloss ich meinen Vater zu fragen: „Baba, was sind wir jetzt, sind wir Türken?“ „Nein, wir sind Kurden!“, antwortete er schließlich.

 

Seitdem sind drei Jahre vergangen. Vieles hat sich für mich verändert, einige Fragen haben sich ergeben: Warum gibt es keinen kurdischen muttersprachlichen Unterricht? Wieso werden wir Kurden als Türken abgestempelt? Als ich zum ersten Mal hörte, dass ich Kurdin bin, fing ich an, mich für Politik zu interessieren. Ich fing an herauszufinden, woher ich komme, woher meine Vorfahren kommen. Ich begann mich über den türkisch-kurdischen Konflikt zu informieren. Ich fing an, mich in der Öffentlichkeit als Kurdin zu präsentieren und von da an fing ich an, Freunde zu verlieren. Sie meinten, sie wären nicht gerne mit einer Kurdin befreundet. Sie meinten, dass ich nicht zu ihnen gehöre. Für Österreicher war ich die blöde Ausländerin, für Araber eine Ungläubige und für Türken ein Terroristin. Obwohl mich das am Anfang einschüchterte, stehe ich heute stolz zu meinen Wurzeln. Ich lerne meine Muttersprache Kurdisch, ich lerne die Geschichte meines Volkes. Es ist mir bewusst, dass mich nicht jeder als Kurdin akzeptieren wird, aber mir ist das egal, nie wieder verleugne ich meine Herkunft! Ich wohne in Österreich, habe das Herz einer Kurdin und bin stolz wie eine Löwin und genau das macht mich heute stark.

 

Elzem Sezer 15, Schülerin.

 

 

„Warum soll ich mich verstellen?“

 

Bevor ich diesen Artikel geschrieben habe, habe ich sehr viel mit Freunden und meiner Familie über dieses Thema gesprochen. Es hat mich schockiert, ihre Geschichten zu hören. Warum können wir nicht angstfrei sagen: „Ja, ich bin Jude“? Wieso werden Menschen noch immer nach ihrer Religion und Herkunft beurteilt? Ist nicht genug Menschenunwürdiges passiert, sodass die Menschen heute aufgeklärter und vorsichtiger sein sollten, wenn es um Vorurteile anderen gegenüber geht?

 

Ich weiß, dass ich meine Worte weise wählen muss, denn jedes Wort, das ich schreibe, kann falsch interpretiert und als Attacke ausgelegt werden, was ganz und gar nicht in meinem Sinne ist. Doch ist das überhaupt so? Muss ich aufpassen, was ich sage? Oder gibt es tatsächlich so etwas wie Meinungsfreiheit? Ich will und darf nicht mein Leben lang Angst haben zu sagen, dass ich Jüdin bin!

 

In den letzten Monaten spitzte sich die Situation immer mehr zu. Immer öfter hört man von Vorfällen, die mir beweisen, dass man immer vorsichtiger werden muss. Ein Mann liest in der U-Bahn ein hebräisches Buch. Er wird daraufhin angespuckt und muss sich dann auch noch Vorwürfe wegen all der getöteten palästinensischen Kinder anhören. Wenn die Nachrichten in Österreich nicht so „Anti-israelisch/ Pro-Palästina“ wären, käme es nicht zu solchen, in den Raum geschmissenen Vorwürfen. Es ist immer unmenschlich, wie viele Unschuldige in einem Krieg sterben, und für mich macht es keinen Unterschied, ob das verletzte oder tote Kind ein israelisches oder arabisches ist. Aber wer will schon Gutes über die Juden hören? Schlagzeilen verkaufen sich wahrscheinlich besser, wenn sie böse und aggressiv klingen.

Ich selbst habe in meinen jungen Jahren schon einiges zu hören bekommen. Sei es „Scheißjude“, oder dass alle Juden Mörder seien. Diesen Jugendlichen wird zu Hause beigebracht, dass Juden nichts wert seien und gierig sind. Reich sind sie selbstverständlich auch, und wenn sie reich sind, dann ist ein anderer ihretwegen logischerweise arm. Jemand muss ja Schuld haben, wenn es einem schlecht geht, nicht wahr?

 

Wenn Krieg herrscht, gibt es, wie gesagt, immer Opfer. Aber was ist mit den jüdischen Menschen, die Opfer von Attentaten werden? Diese werden meist nicht betrauert, sondern auch noch gefeiert. Und ein Anschlag wird menschenunwürdiger- und religionsverachtenderweise auch noch als heiliger Krieg deklariert. Die jüdische Religion ist eine besonders familien- und frauenfreundliche Religion. Das Motto des Christentums lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Und ich kenne auch viele Moslems, die wirklich „religiös“ sind. Und damit meine ich, sie sind herzensgut, lieben ihre Mitmenschen, ehren ihre Eltern und sind ein Vorbild.

 

Mich verletzen solche Aussagen, wie z.B. Hitler sei zu früh gestorben, denn er hat es nicht geschafft, alle Juden zu töten. Mir tut es nicht weniger weh, Zeilen wie „Daham statt Islam“ zu lesen. Die Fremdenfeindlichkeit ist dieselbe wie im Jahre 1939. Aber zumindest eines sollte jeder Österreicher aus der Geschichte seines Landes gelernt haben: Sei kein Mitläufer! Und unterscheide Recht von Unrecht!

Der Zweite Weltkrieg wird immer noch von vielen verleugnet. Wann wird das aufhören? Wann werden die Menschen begreifen, dass Hass nur Gegenhass und Rache schürt. Krieg und Hass führen zu nichts, egal ob es ein Krieg zwischen Israel und Gaza oder Syrien und Ägypten ist. Fakt ist, in jedem Krieg sterben unschuldige Menschen und die Träume der nachfolgenden Generation.

 

Mirijam Malaev 17, Schülerin.

 

 

Fotos von Marko Mestrovic

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Kommentare

 

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