„Such dir ein Umfeld, das zu dir passt!“

16. Oktober 2020

 

Maria Popov ist 27 und Redaktionsleitung und Moderatorin des YouTube-Formats „Auf Klo“. Uns erzählt sie, warum ein Outing in Bulgarien gefährlicher ist als in Deutschland, welche Rolle Social Media dabei spielt und welche Klischees sie auf die Palme bringen.

 

BIBER: Du bist Moderatorin und Chefredakteurin bei dem erfolgreichen YouTube- Format „Auf Klo“. Kannst du unseren Leser:innen erklären, worum es dort genau geht?

Maria Popov: „Auf Klo“ ist ein öffentlich-rechtliches Talkformat auf YouTube. Wir laden unsere Gäst:innen Auf Klo ein, weil einem auf der Toilette eigentlich nie etwas peinlich ist. Dort besprechen wir die wichtigen Dinge des Lebens: Sexualität, Freundschaft, Mental Health, Liebe und Politik. Wir laden Menschen ein, die in der Gesellschaft oft nicht gehört werden und sprechen vor allem nicht über, sondern mit ihnen.

 

Nach deinem letzten Besuch in Bulgarien hast du deinen Instagram-Follower:innen von deinem „Outing“ dort erzählt. Du schreibst, dass es sich für dich gefährlich angefühlt hat. Warum?

Ich oute mich mit meinem Job automatisch, weil wir bei „Auf Klo“ Themen behandeln, die die LGBTQIA+ Community beschäftigen. In Berlin fühle ich mich wohl und erfahre ganz viel Interesse und Anerkennung für meine Arbeit und meine queerness*. In Bulgarien habe ich aber mehr Angst durch „Auf Klo“ geoutet zu werden, da der Großteil der Gesellschaft dort sehr konservativ denkt. Mir ist aber total wichtig hinzuzufügen, dass diese Unterschiede zwischen Bulgarien und Deutschland, die ich erlebe, auch Ursprünge haben. Die wirtschaftliche Lage eines Industrielandes wie Deutschland begünstigt gute Bildung und Zugang zu Aufklärung. Nur zu sagen „Bulgar:innen sind per se queerfeindlich und konservativ“ ist also total verkürzt.

 

Wie gehst du mit Menschen um, die deinen Lebensstil nicht verstehen/akzeptieren können oder wollen?

Natürlich ist es am besten, wenn es kein Outing geben muss. Ich habe allerdings die ganze Palette an unschönen Reaktionen erlebt und weiß wie verletzend das sein kann. Mir ist dabei bewusst, dass fehlender Zugang zu Bildung auch in Deutschland oft die Quelle für sowas ist. Ich weiß oft gut, mit welchen Personen ich diskutieren kann, da bin ich dann auch so: „Come at me, bro!“. Sich selbst zu schützen ist aber immer wichtiger, deshalb halte ich mich in unsichereren Umfeldern auch mal zurück.

 

Gibt es eine Reaktion auf dein Outing, die dir besonders im Kopf geblieben ist?

Ich habe Familienmitglieder, die nach meinem Outing sehr verletzend waren. Von Konversionstherapie bis „Ich tu einfach so, als sei deine Partnerin deine beste Freundin“. Da wusste ich, so sehr ich diese Menschen auch liebte, die werden ab jetzt dann leider kein Teil meines Lebens mehr sein. Das tut schon weh. Ich habe aber glücklicherweise Eltern und Freund:innen, die mich immer wieder auffangen, mich lieben wie ich bin und auch bereit sind dazuzulernen.

 

Kannst du Menschen, die im Balkan leben und sich outen wollen, diesbezüglich Tipps geben?

Das Wichtigste meiner Meinung nach: Such dir ein Umfeld das zu dir passt! Und damit meine ich nicht nur im Reallife, sondern auch auf Social Media. Umgib dich mit Menschen, die dich akzeptieren, wie du bist und dir ein gutes Gefühl geben. Folge Leuten, die zu dir passen, die ähnlich aussehen wie du, die die gleichen Werte und struggles haben. Wir verbringen so viel Zeit im Internet, dabei ist es das Schöne, dass wir uns unseren Content selbst aussuchen können.

 

Würdest du sagen, du bist „typisch bulgarisch“ erzogen worden?

Ich wurde ziemlich deutsch sozialisiert und hatte daher nicht so viele Berührungspunkte mit anderen Bulgaren. Ich bin eher in manchen Teilen typisch postmigrantisch. Ich war früh auf mich alleine gestellt, meine Eltern haben sehr viel gearbeitet und hatten oft keine Zeit. Das hat mich auf jeden Fall früh selbstständig gemacht. Bulgar:Innen wird eher nachgesagt, sie würden ihre Kinder bis ins Erwachsenenalter betüdeln und da wird sehr früh in die erste eigene Wohnung eingezahlt. Was bei mir eher zutrifft ist, ist die Strenge in Sachen Bildung, die mir vermittelt wurde. Ich hatte zum Beispiel Angst, schlechte Noten nachhause zu bringen.

 

Welche Klischees gegenüber Bulgar:innen regen dich so richtig auf?

Was mich richtig sauer macht sind Jokes über Alkoholismus! Menschen aus dem Balkan werden ständig darauf festgenagelt. Die meisten vergessen jedoch, dass es die Lebensumstände sind, die die Menschen dort dazu verleiten in den Alkoholismus abzudriften. Die wirtschaftliche Lage in Bulgarien führt zu mentaler Krankheit und fehlende Bildung führt dazu diese Beschwerden zu verschweigen und mit Alkohol vermeintlich zu löschen.

 

Lachst du solche Vorurteile weg oder stellst du die Personen sofort zur Rede?

Ich habe das Privileg, dass ich „white passing“ bin, also weiß gelesen. Das bedeutet, man sieht mir meinen Migrationshintergrund äußerlich nicht an, ich werde auch selten über meine Herkunft befragt und erfahre demnach auch keine Diskriminierung. Vorurteile als Witz verpackt bekomme ich schon trotzdem mit und mache dann klar, dass ich das uncool finde. Gerade wenn Deutsche über Missstände Witze machen, die zum Beispiel Osteuropa betreffen. Das finde ich undurchdacht und inakzeptabel.

 

*queer/queerness: Übersetzt aus dem Englischen: anders. In den USA war der Begriff früher eine Beleidigung z.B. gegenüber nicht-Heteros. Der Begriff wurde von den LGBTQIA+ Community zurückgewonnen und erkennt damit auch die strukturellen Diskriminierungen und Mehrfachdiskriminierungen an.

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