Taten statt Worte!

02. Juli 2020

Struktureller Rassismus, Polizeigewalt und weiße Vorherrschaft – diese Schlagworte sind seit George Floyds Tod omnipräsent. Es wird an der Zeit, Lehren für die Zukunft zu ziehen. Dazu gehören: Schulbücher umschreiben, Einbindung von Schwarzen Vereinen und mehr Repräsentation in Politik und Medien.


Von Vanessa Spanbauer

Vanessa Spanbauer
Foto: Helena Wimmer


Ein Hashtag hat es die letzten Wochen geschafft, ein Thema an die Oberfläche zu wirbeln, welches sehr lange ignoriert wurde: #BlackLivesMatter. Das Schwarzsein steht eigentlich nie im Zentrum öffentlicher Debatten, die in den Medien ausgetragen werden. Besonders nicht in Österreich. Doch wie in Österreich die Ermordungen von Marcus Omofuma (1999) oder Seibane Wague (2003) zeigen, haben wir mit dem selben Problem zu kämpfen wie die Amerikaner. Verurteilungen und Konsequenzen gibt es bei Polizist*innen, die Gewalt ausüben, in Österreich ebenso wie in den USA selten bis gar nicht. Schwarze Menschen fordern auch in unserem Land seit Jahrzehnten einen anderen Umgang der Polizei mit den Themen Racial Profiling, Polizeigewalt oder Fehlerkultur und Konsequenzen. Es bleibt zu hoffen, dass die zahlreichen Forderungen von Schwarzen Menschen in der derzeitigen Situation nicht weiter so ignoriert werden, wie sie es leider seit Ende der 90er Jahren geschieht.


WEISSE MIGRANTEN > SCHWARZE MENSCHEN

Die eigenen Privilegien erkennen, ist eine weitere Forderung, die mittlerweile immer mehr gestellt wird. Denn die weiße Mehrheitsgesellschaft in  diesem Land ist sich meist nicht bewusst, welche Vorteile und Privilegien sie genießt. Weißsein wird nicht als Kategorie wahrgenommen, denn besonders Manfred, Manuela, Herbert, Lisa, Daniel und Anna bestehen darauf, als Individuum wahrgenommen zu werden. Genau diese Menschen schaffen
es allerdings immer wieder, Menschen als „die Anderen“, die Afrikaner*innen, die Migrant*innen und vieles weitere zu definieren und in Gruppen einzuteilen. Diese Gruppen werden oft mit negativen Eigenschaften und Vorurteilen behaftet, während weiße Menschen nur als Einzelpersonen gesehen werden wollen. Besonders Schwarze Menschen werden meist in einen Topf geworfen, da sie sich äußerlich klar von einer weißen Person unterscheiden. Weiß zu sein und weiße Privilegien zu haben, heißt nicht gleich Österreicher*in sein. Denn auch weiße Menschen, die Migrant*innen sind, haben klare Privilegien gegenüber Schwarzen Menschen. Obwohl Diskriminierung aufgrund der Herkunft, des Namens und der Sprache ebenso große Probleme sind, unterscheidet sich diese Art der Benachteiligung und Herabwürdigung ganz klar von Anti-Schwarzem-Rassismus. Wenn man Schwarz ist, ist es egal, ob eine Person deinen Namen, deine Herkunft oder deine Sprachkenntnisse kennt. Sobald du auf die Straße gehst und gesehen wirst, wirst du in eine Schublade gesteckt.

Das Privileg des Weißseins gipfelt noch in einem weiteren Thema, das endlich angesprochen werden muss, nämlich die White Supremacy, auf Deutsch „weiße Vorherrschaft“. Eine weiße Grundordnung, von der weiße Menschen profitieren. Seit Jahrhunderten. Es gibt weiße Menschen, die klar dafür kämpfen, dass diese Ordnung bestehen bleibt. Jedoch sind die meisten weißen Menschen nicht so klar rassistisch, sondern achten einfach nicht drauf, dass die gesamte Welt sie als herrschende Gruppe sieht und alles nach ihren Bedürfnissen und Wünschen auslegt. Deswegen ist es auch so wichtig, nicht in den „ich sehe keine Farben, für mich sind alle gleich“ Ansatz zu verfallen, den viele weiße Menschen, die sich als nicht rassistisch sehen wollen, für sich gewählt haben. Es ist zwar im Gedanken schön, wenn eine Person keinen Unterschied sieht und absolute Gleichberechtigung will, aber mit diesem Ansatz leugnet diese Person in der Realität gleichzeitig die Unterschiede, die fehlenden Privilegien und die Diskriminierung, die viele nicht-weißen Menschen täglich erleben. Geleugnet wird dabei auch die Struktur, die es weißen Menschen erlaubt, in allen Machtpositionen zu sein und ohne Zutun als Norm, also als „Normalität“ gesehen zu werden. Diese Machtposition spiegelt sich klar in Bereichen wie dem Bildungssystem, den Medien und der Politik wider, wo diskriminierende und rassistische Bilder von Schwarzen Menschen immer noch dazugehören. In all diesen Bereichen gibt es zahlreiche Forderungen zu Veränderung und Projekte von Schwarzen Menschen, die hier etwas verändern wollen.


SCHWARZE MENSCHEN IN SCHULBÜCHERN

Durch #BlackLivesMatter stehen all diese Schlagworte plötzlich auf Schildern und Bannern, die teilweise auch selbstkritische, reflektierte weiße Menschen in die Luft halten. Genau dahin sollen wir als Gesellschaft kommen, denn egal welche Forderungen Schwarze Menschen auch stellen, solange die weiße Mehrheitsgesellschaft nicht mitmacht, kann keine notwendige Veränderung geschehen. Die bereits seit Jahren im Raum stehenden Forderungen beziehen sich zum Beispiel auf mehr Repräsentation in der Politik und Medienwelt mit einer klaren Reduktion der kriminalisierenden und erotisierenden Darstellungen von Schwarzen Menschen in diesen Bereichen. Sie beziehen sich ebenso auf ein adäquates Afrikabild und eine angemessene Darstellung von Schwarzen Menschen in Schulbüchern und dem gesamten Bildungsbereichund einer Untersuchung und Entfernung von diskriminierenden Inhalten in diesen Sektoren. Außerdem wird seit Jahren auf die immer noch stark ausgeprägte Diskriminierung gegen Schwarze Menschen bei der Wohnungs- und Jobsuche aufmerksam gemacht, die mit Hilfe von klaren Maßnahmen und  Schulungen adressiert werden muss. Für die Polizei wurden, wie oben bereits erwähnt, seit Jahren zahlreiche Forderungen gestellt, die derzeit neu veröffentlicht werden und sich hier für eine klare Einbeziehung von Schwarzen Vereinen in die Ausbildung und Fehlerkultur der Exekutive aussprechen.

Möglicherweise kommen in dem Text Begriffe vor, die nicht jeder Person bekannt sind. Suchmaschinen, Podcasts und Bücher schaffen hier Abhilfe, diese Begriffe und Konzepte zu verstehen. Obwohl diese Begriffe für viele Menschen neu erscheinen, gibt es seit Jahrzehnten Schwarze Menschen, die diese Themen – sehr oft gratis - immer wieder erklären. Deshalb ist es so wichtig, endlich zuzuhören und aufzuhören, die Augen und Ohren zu verschließen. Denn die Forderungen sind da, nehmt sie endlich auch wahr.

Vanessa Spanbauer
Foto: Vernes Lahloh
Vanessa Spanbauer wurde 1991 in Wien geboren und ist Journalistin und Historikerin. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin des Magazins fresh – Black Austrian Lifestyle und seit 2019 im Redaktionsteam des feministischen Magazins an.schläge.

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