Tel Aviv: Verrückt, verliebt, verheiratet

28. Januar 2014

Warum nicht ein Trip nach Tel Aviv? Redakteurin Delna Antia flog kurz entschlossen mit ihrer Freundin in die Partystadt Israels. Dort erwärmten nicht nur die 25 Grad und der butterweiche Sandstrand ihr Herz. Sie berichtet, warum die Stadt zum Verlieben ist.

Text und Fotos von Delna Antia

 

Der Taxifahrer ist begeistert. „So zentral! Und alle Geschäfte direkt vor der Tür!“, schwärmt er. Iris und ich schauen weniger enthusiastisch aus dem Fenster. Die Straße unseres Apartments für die nächsten 5 Tage sieht aus wie die äußere Mariahilferstraße – nur ramschiger und dreckiger. Nummer 66, unser Haus, ist eindeutig das hässlichste. Am Eingang empfängt uns der beißende Geruch von Katzenpisse, der Hausflur ist heruntergekommen, das Licht funktioniert nicht. Wir werden die nächsten Tage immer die Luft anhalten, wenn wir die Stufen zu unserem Apartment hochflitzen – das richtig schön ist, mit Blick auf Palmen und den Sonnenuntergang. Schalom Tel Aviv!

 

Tel Aviv – Stadt der Gegensätze

Die Häuser wirken abgefuckt. Aber die Mieten könne sich kaum jemand leisten, erzählt man uns. Das Essen ist vegetarisch und gesund, stets gibt es gegrilltes Gemüse, an jeder Straßenecke frisch gepressten Granatapfelsaft, „Fast Food“ beschränkt sich auf Falafel-Imbisse. Die Stadt ist lebendig – aber hip ist keiner. Man sieht weder Bobos noch Prolos und für Mode scheint sich niemand im Entferntesten so sehr zu interessieren wie für Glitzer-Kitsch. Dafür lebt man religiös. Jeden Freitagabend wird groß mit der Familie gespeist, am Samstag grüßt man mit „Schalom Sabbat“, dann ist es ruhig und die Geschäfte haben geschlossen. Was auch mit der zweiten „Religion“ zu tun hat, dem Glauben ans allnächtliche Partymachen. Die wichtigste Frage nach „Wie heißt ihr?“ und „Woher kommt ihr?“ lautet: „Wo geht ihr am Abend fort?“ Es ist eine junge Stadt, Durchschnittsalter 34, eine Oase für Surfer, Musiker und „Flirter“. Tel Aviv boomt.

 

Der erste Abend

Iris und ich schlüpfen aus den Sandalen und tauchen unsere Wiener Winterfüße in den butterweichen Sand. Der Strand ist herrlich und ellenlang, eingesäumt von den Wellen des Mittelmeers und den Hotel-Türmen der Promenade. Es ist 18 Uhr und stockfinster. Die meisten Tel Aviver machen jetzt Sport. Wir bestellen lieber Abendessen: gegrillte Süßkartoffeln, Melanzani und Paprika, danach Zucchini-Käsebällchen mit Tahini und Bulgur. Im Restaurant spielt Livemusik – was nichts Besonderes ist. Wir beobachten unsere Tischnachbarn und können uns nicht entscheiden: Sind wir in einem skurrilen Woody-Allen- oder in einem waschechten Bibel-Film gelandet?!

 

Verliebt und verrückt                                                                                                                                   

Iris und ich verlieben uns in die Stadt. Es fällt leicht, denn alle sind verliebt. Noch nie sahen wir so viele Händchen haltende Paare durch die Straßen schlendern: ob steinalt, schräg oder supernormal, ob religiös oder/und schwul. Überhaupt, in Tel Aviv sind Homosexuelle sehr willkommen. Das haben wir schon bei der Wohnungssuche über Airbnb erkannt. Statt dem Vermerk „kinderfreundlich“ oder „Haustiere erlaubt“, las man stets „gay friendly“ in der Apartmentbeschreibung.

 

 

Bei so viel Liebe ist es nicht verwunderlich, dass die Leute gut drauf sind. Wir verwickeln uns andauernd in lustige Gespräche. Da ist der Fotograf Dinu, der freitags am Künstlermarkt auf der Nahalat Binyamin Straße seine Bilder verkauft. Wieso er mit allen Kunden in deren Landessprache reden könne, wollen wir wissen. „Ich habe Französisch in Tel Aviv gelernt und Deutsch in Rumänien.“ Ach so. Am Abend gehen wir mit der jungen Nofar in einem Nobelhotel am Strand auf die Toilette. Warum sie eine Tiger-Plüschmütze trägt, fragen wir. „Toll, oder?! Ich habe auch noch eine Micky-Maus-Mütze dabei.“ Sie erklärt uns, wo man beide kaufen kann und dass sie als Krankenhaus-Clown arbeitet. Macht Sinn. Auf dem Heimweg sichten wir zunächst einen orthodoxen, jüdischen Mittdreißiger – in voller Kluft, mit Hut und Löckchen – auf Inlineskates, danach einen Mittsechziger mit grauem Bart und weißen Löckchen auf dem Mountainbike. Das ist wohl Tel Aviv – sportlich, liebenswert und verrückt.

 

Funjob in der Army

Schon am Flughafen summte ich den Song „I am in the army now“. Soldaten gibt es in Israel wie Sand am Meer – vor allem Soldatinnen. An einem Abend quatschen wir mit der 23-jährigen Schirin, einer Boutique-Verkäuferin, über ihren „Funjob“  in der Armee. Anders als ihre „kriegsaffinen“ Freundinnen hat sie sich gesorgt, dass sie ihre 24-monatige Wehrpflicht in einer „argen“ Abteilung absolvieren muss. (Männer müssen 36 Monate dienen.) Sie hatte Glück: Ihre Aufgabe war es, Trips für die Offiziere zu organisieren.

 

Sie erzählt uns auch, wie die Anschläge auf Tel Aviv Ende 2012 ihre Welt verändert haben. Davor hatte es jahrelang keine Bomben mehr in der Stadt gegeben. Das Schlimmste sei das Zerbrechen der Illusionen gewesen. „Wir hätten nie gedacht, dass sie auch Tel Aviv angreifen. Wir lebten hier immer in einer Blase. Schließlich sind in Tel Aviv viele Menschen keine begeisterten Armee-Anhänger.“ Danach hatte Schirin im Bus Angst und stets pochte ihr die Frage im Kopf: Sieht er verdächtig aus? Die Ruhe nach den Raketen war am schwersten auszuhalten. Wie ist es jetzt, fragen wir: „Die Tel Aviver leben wieder ihren Traum. Wir sind ,Dreamer‘!“, lacht sie.

 

 

 

Ausgehen mit blauen Augen

Es ist Freitag. Die Stadt hat nur eins im Kopf: die Nacht. Schon in der Früh steckt uns Kobi, der Bäckergeselle von gegenüber, seine Nummer zu. Als Antwort auf unsere Frage, wo wir denn Samstagfrüh, an Sabbat, frühstücken könnten. Auch der 22-jährige Beachboy bei den Plastikliegen am Strand ist ganz erpicht darauf, dass wir seinen FB-Kontakt notieren. Aber vor 23.30 Uhr würde er nicht auftauchen – „Essen mit der Familie“ vorher. Logo.

Mit einer hübschen, blauäugigen Frau durch Tel Aviv zu laufen, bringt viele Vorteile. Kostenlose Eintritte, Desserts aufs Haus, jede Menge Partytipps. Und auch wenn Iris 100 Mal aufklärte, dass „Iris kein jüdischer Name sei, nein, sondern ein griechischer “, löste ihr Name in Kombination mit der Augenfarbe immer nur Freudensausrufe aus. Als ob das Männergehirn sofort kombiniert und sich denkt: „Jackpot, diese blauen Augen kann ich theoretisch heiraten!“ – Apropos heiraten, zweitwichtigstes Thema der Stadt. Wer nicht Single ist und wie wild rumflirtet, will heiraten. Händchenhalten, Herzluftballons, Satinkleider – die Stadt ist romantisch. Anders sind die zahllosen Geschäfte voller kitschigem Glitzer-Ramsch nicht zu erklären. Die Leute müssen blind vor Liebe sein.

Die Nacht ist da. Iris und ich steigen in einen Keller-Club hinab, alles lässig, außer der Gin Tonic um 10€. Wir werden natürlich angegraben. Aber respektvoll. Man muss bedenken, dass die meisten Frauen im Staat Soldatinnen sind und den Umgang mit Sturmgewehren gelernt haben.

 

Letzter Tag

„Warum hat in Tel Aviv jeder einen Hund?“ Ohne diesen Umstand geklärt zu haben, können wir nicht abreisen. So viele junge Männer in Hundebegleitung haben wir noch nie gesehen: Ob zu zweit auf einem Stein ins Meer schauend, gemeinsam kuschelnd im Café, oder im Gleichschritt joggend durch die Stadt. Hier ist die Hundeliebe ausgebrochen. (Und dabei gibt es weniger Hundekacke als in Wien.) Amnon, der junge Dogsitter, weiß auch keine Erklärung. Vielleicht weil so viele Single sind?! „Jedenfalls gibt es mehr Hunde als Kinder“, lacht er. Wir frühstücken im „Cafe 12“, am Rothschild Boulevard. Iris muss wie immer drei Kaffee bestellen. Der israelische Kaffee ist zwar sehr gut, aber macht nicht wach. Dann gehen wir ein letztes Mal nach Hause. Der Geruch von Katzenpisse löst inzwischen ein wohliges Gefühl aus. Die Stadt mag zwar dreckig sein, stinkig und irre, aber das Lebensgefühl ist unvergleichlich leicht. In Israel heißt es deswegen: „In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet und in Tel Aviv gelebt.“

 

Tipps:

Wohnen: Apartment via Airbnb ist günstiger als ein Hotel (zB. 5Nächte 470€ inkl. AIrbnb Gebühren für zentrales 65m2 Wohnung für 2 Personen)

Flug: Direktflüge  Hin-&Rückflug mit der AUA um 300€

Essen: Gegrillte Süßkartoffeln unbedingt probieren/ Top-Café mit Livemusik: Rothschild 12

Shoppen: Auf der Shabazi Street und der Bochtarov Street gibt es zahlreiche kleine Boutiquen

Tipp: Das Viertel Neve Tzedek und der Künstlermarkt am Freitag in der Nahalat Binjamin

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