Warum mich rechter Terror nicht überrascht.

21. Februar 2020

Es wäre ja eigentlich ein ganz normaler Donnerstag gewesen, aber vielleicht gehören solche Tage nun zu unserer Normalität. 
Wenn ich über Hanau nachdenke und überlege was da passiert ist, bin ich einerseits unglaublich traurig über diese Tragödie. Andererseits bin ich enttäuscht und empört darüber, wie die Öffentlichkeit und unsere Gesellschaft mit diesem Terroranschlag umgehen. Gleichzeitig bin ich aber auch irgendwie gleichgültig und abgestumpft, weil mich das nicht überrascht. Es war zu erwarten.

Gastkommentar von Derai Al Nuaimi

Traurig, weil mich dieser Anschlag schockiert. Weil diese Jugendlichen meine Freunde und ich hätten sein können. Traurig darüber, dass ein Anschlag auf unseren Lifestyle verübt wurde und junge Menschen mit einer Geschichte, mit Träumen und Zukunftsplänen zu Opfern von rechtem Terror wurden.  Es ist aber auch unglaublich hart zu sehen, dass diese jungen Menschen von der Öffentlichkeit nicht als ein Teil der Gesellschaft gesehen werden.
Und da kommt auch schon meine Enttäuschung und Empörung ins Spiel. Es kann doch nicht sein, dass diese Jugendlichen nach wie vor wie Fremde behandelt werden. Selbst nach ihrem Tod. 
Man spricht von einer „fremdenfeindlichen Attacke“. Das waren doch keine Fremden. Leute wie ich, die zwar eine andere Herkunft haben, aber in Europa aufgewachsen sind, sind doch keine Fremden mehr. Das waren Jugendliche, die zur Schule gingen, studiert oder gearbeitet haben, wie alle anderen in ihrem Alter. Sie waren ein Teil der Gesellschaft, so wie ich ein Teil dieser Gesellschaft bin – aber anscheinend nicht für alle. 
Wo bleibt der gesellschaftliche Aufschrei, rechten Terror zu bekämpfen? Wo bleibt die öffentliche Empörung über diese rassistische Entwicklung in Europa?  Ist wirklich jedes Menschenleben gleich viel Wert oder macht man bei uns Menschen mit Migrationshintergrund und Muslim*innen eine Ausnahme? 

Müssen erst Menschen sterben, damit die Gesellschaft sich empört? 

Und nun zur Abgestumpftheit: Seit mehreren Jahren ist die Stimmung im öffentlichen Diskurs gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und Muslim*innen schon so aufgeheizt und strotzt nur so von verbaler Gewalt, dass es mich nicht mehr überrascht. Anfangs dachte ich mir: Müssen erst Menschen sterben, damit die Gesellschaft Islamophobie und rechte Hetze ernst nimmt und sich darüber empört?  Mir ist mittlerweile klar, dass sogar nach so einem Anschlag die großflächige öffentliche Empörung ausbleibt und es keine breitere Diskussion darüber gibt, wie wir als Gesellschaft gemeinsam auf Rassismus, Islamophobie und rechte Gewalt reagieren können.
In Berichterstattungen wird über ein „Blutbad“ berichtet, Worte wie „mutmaßlich“ oder „politisch motiviert“ liest und hört man überall, aber wer redet von einem rassistischen Attentat oder von einem Rechten Terroranschlag? Im öffentlichen Diskurs hat es sich wohl etabliert mit populistischen Parolen, Hass oder Hetze gegenüber einer Minderheit Profit zu machen.
Manchmal denken wir uns dabei „Worte sind nur Schall und Rauch“. Aber in Wahrheit wird jedes Wort irgendwann zur Tat. Wir müssen was tun. Ja, tun. Und nicht bloß reden. Es braucht Maßnahmen, die Minderheiten von rassistischen Morden schützen. Es braucht gesamtgesellschaftliche Solidarität und klare Worte und Handlungen gegen jegliche Formen von Rassismus und Islamophobie. Egal wann, egal wo und egal wer rassistische Parolen von sich gibt und Hetze und Angst verbreitet.

Derai Al Nuaimi ist Vorsitzender der Bundesjugendvertretung und Wiener Landesvorsitzender der Muslimischen Jugend Österreich.

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