Was können/dürfen Frauen/Männer?

10. Dezember 2021

Welche Schimpfwörter schreibt man welchem Geschlecht zu? Was ist verbale Gewalt und wo beginnt Belästigung? Wir waren gemeinsam mit ausgebildeten Trainerinnen an Wiener Mittelschulen (NMS) unterwegs, um mit den SchülerInnen über Gewalt, Genderrollen, Grenzen und Selbstbewusstsein zu sprechen. 

 

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© Zoe Opratko

 

Von Aleksandra Tulej, Fotos: Zoe Opratko

 

Cringe“, verzieht der 13-jährige Thomas* sein Gesicht. „Das ist ja mal wirklich cringe“, stimmen seine Klassenkameraden mit ein. Wir befinden uns in der dritten Klasse einer Wiener NMS in Donaustadt. Die 15 Jungs der Klasse haben sich gerade auf dem riesigen Klassen-Bildschirm einen Kurzfilm angesehen, in dem ein Junge ein Kleid trägt und deswegen gemobbt wird. In dem Kurzfilm geht es um Männlichkeit und stereotypisierte Bilder, die wir gesellschaftlich so ziemlich alle verinnerlicht haben. „Warum ist das cringe?“, fragt Trainer Philipp Leeb. Philipp ist der Gründer des Vereins „poika“ – einer Organisation, die gendersensible Bubenarbeit betreibt. Er ist heute in die Klasse gekommen, um mit den Jungs über genau die Themen zu sprechen, die in dem Alter enorm wichtig sind:  Belästigung, Flirten, Rollenbilder, Genderkonstrukte, Körpersprache, Grenzen und Selbstwahrnehmung.

Es entsteht innerhalb der Klasse eine Diskussion darüber, warum die Burschen einen Jungen, der ein Kleid trägt, als „cringe“ ansehen. (Übrigens ist der Begriff „cringe“ zum Jugendwort des Jahres 2021 gewählt worden und bedeutet, dass die Handlung einer Person für peinlich gehalten wird, dass man sich fremdschämt.)

Warum ist ein Junge in einem Kleid für viele „cringe“? Weil es ungewohnt ist? Weil es etwas Neues ist? Weil es „unmännlich“ ist? Hasan* zuckt mit den Schultern: „Naja schon. Aber eigentlich sollte das auch egal sein.“ „Aber es ist so mädchenhaft“, kontert sein Klassenkamerad Jan*. Warum sollte aber „mädchenhaft“ etwas negativ Konnotiertes sein, auch für Männer?

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Gewalt hat viele Gesichter - auch das lernten Jungs in dem Workshop mit Trainer Philipp.

 

"Warum darf man einem Mädchen nicht auf die Brüste greifen?"

 

In einem dreistündigen Workshop bespricht Philipp mit den Schülern nicht nur Konzepte von Männlichkeit und Genderkonstrukte, sondern vor allem auch das Thema der persönlichen Grenzen und der Belästigung.

 „Warum darf man einem Mädchen nicht auf die Brüste greifen? Ich hätte nichts dagegen, wenn mir ein Mädchen auf den Po grapscht!“, schreit ein vorlauter Bub aus der Menge. Trainer Philipp kontert mit einer Frage: „Woher weißt du denn, dass das für das Mädchen okay ist? Nur, weil dir etwas gefällt, heißt das noch lange nicht, dass das für die andere Person auch in Ordnung ist.“ Daraufhin entsteht ein Austausch über Consent (gemeinsames Einverständnis) und darüber, wie wichtig es ist, Grenzen einer anderen Person zu respektieren. Auch Gewalt ist ein Thema.

„Welche Formen von Gewalt kennt ihr?“, fragt Philipp in die Runde. Die Schüler schreien wild durcheinander: „Vergewaltigung! Belästigung! Prügel! Mobbing! Totschlag!  Bestechung! Bedrohung! Erpressung! Beleidigung! Rassismus! Provokation! Folter!“ Die Liste ist lang. Gewalt hat viele Gesichter und es gilt, jede ihrer Formen ernst zu nehmen. „Wir sprechen nicht über Gewalt. Und wenn wir das tun, ist es oft zu spät“, resümiert Philipp.

Genau deshalb bekommen auch die Mädchen der Klasse ihren eigenen Workshop im Turnsaal der Schule mit Trainerin Renate Wenda. Renate ist Trainerin im Verein Drehungen, dessen Ziel es ist, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein bei jungen Frauen aufzubauen und gleichzeitig Selbstverteidigungstechniken für den äußersten Notfall beizubringen. Auch das machen die Mädchen heute mit Renate. Sie lernen Techniken, die sie anwenden können, wenn jemand sie körperlich belästigt oder angreift. Sie lernen, wie wichtig es ist, laut „NEIN!“ zu schreien. Aber sie sprechen mit der Trainerin auch darüber, dass Belästigung viel früher als bei körperlichen Angriffen anfängt. „Jede von euch bestimmt ihre persönlichen Grenzen selbst!“, bekommen sie zu hören. „Niemand hat das Recht, euch ohne eure Zustimmung anzufassen.“ Genau dieses Bewusstsein in dem Alter zu stärken, ist enorm wichtig.

 

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Grenzen, Selbstbehauptung und Verteidigung: Das stand bei den Mädchen auf dem Programm.

 

"Was ist ein Hurensohn?"

 

Währenddessen diskutiert die Jungs-Gruppe rege darüber, welche Formen von Gewalt eher welches Geschlecht betreffen. Dann schwappt das Gespräch auf das Thema Schimpfwörter und Beschimpfungen um – also verbale Gewalt. Auf die Frage, welche Schimpfwörter die Burschen kennen, wird wieder wild herausgeschrien: „Hurensohn! Spast! Tschusch! Schlampe!“ Wieder ist die Liste lang. Was der Begriff „Spast“ bedeutet, weiß keiner der Jungs. Philipp erklärt, dass der Ausdruck davon stammt, Menschen mit einer Behinderung, also „Spastiker“ abzuwerten. „Das ist eigentlich voll nicht okay.“ Meldet sich ein Schüler zu Wort. Und weiter:

„Wen beschimpfst du eigentlich, wenn du jemanden als „Hurensohn“ bezeichnest?“, fragt Philipp nach. „Naja, die Mutter von demjenigen“, kommt als Antwort zurück. „Und was heißt das dann genau?“ – „Dass die Mutter von ihm eine Prostituierte ist, genau. Wusstet ihr, dass Prostitution das älteste Gewerbe der Welt ist? Und wer nimmt hauptsächlich Dienstleistungen von Prostituierten an?“ – „Männer“, lautet die einstimmige Antwort.

 

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Die Schüler kommen ins Grübeln und es wird sich darauf geeinigt, dass es auch harmlosere Schimpfwörter gibt, um seinen Unmut auszudrücken. „Du Koffer! zum Beispiel“, bietet Philipp an. „Hä? Wieso ist „Koffer“ ein Schimpfwort ? Ein Koffer ist doch was Schönes, weil er die ganze Welt sieht“, analysiert ein Schüler. Die Diskussion über die Ursprünge verschiedener Beschimpfungen will kein Ende nehmen – muss sie aber, da der Pausen-Gong den dreistündigen Workshop beendet. „Das waren wirklich coole drei Stunden. Wir konnten so viel reden, und haben auch Neues gelernt“, resümiert ein Schüler. Auch, dass ein Junge in einem Kleid nicht „cringe“ ist. 

 

 

* Die Namen der SchülerInnen wurden von der Redaktion geändert

 

 

 

Verein Drehungen

Kurse für Mädchen und Frauen, um Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstverteidigung zu fördern. Prävention gegen verbale, physische und psychische Gewalt an Frauen und Mädchen. 

www.verein-drehungen.at

 

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Poika

Verein für gendersensible Bubenarbeit in Ergänzung und Zusammenarbeit mit Mädchenarbeit. Poika orientiert sich an emanzipatorischen Modellen, die es den Buben ermöglichen sollen, in reflektierter Umgebung sich mit diversen Themen wie Geschlechtskonstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit, Berufsorientierung, Gewalt, Sexualität, uvm. auseinanderzusetzen

www.poika.at

 

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Über das Projekt:

„Ich bin kein Opfer!“ und „Ich bin kein Täter!“ – dieses Gefühl und Selbstverständnis stärkt biber gemeinsam mit dem Österreichischen Integrationsfonds mit einem gezielten „Selbstverteidigungs- und Sensibilisierungs“-Projekt zur Gewaltprävention schon bei Schülerinnen und Schülern. Unter der Leitung von erfahrenen Trainern erlernen die jungen Mädchen neben körperlichen Verteidigungstechniken auch psychologisch taktisches Vorgehen. Gleichzeitig setzt das Projekt auf der Seite der Burschen an – ohne mit dem Finger auf sie zu zeigen. Mit Rollenspielen zum Thema Mobbing, sexueller Orientierung und sexuelle Belästigung soll auf Tabu-Themen eingegangen und das Thema der „Prävention sexualisierter Gewalt“.

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