Was "sich gehört", bestimme ich.

24. Februar 2022

illustration,Was sich gehört
Illustration: ©Alias Abou Kaddour

Putzen, kochen und nebenbei die Hausaufgaben erledigen, während der eigene Bruder vor der Playstation chillen kann: Unsere 15-jährige Autorin hat es satt, dass in ihrer Community von Mädchen alles verlangt, aber von Jungs nichts erwartet wird. Sie will keine Verbote und Gebote mehr hören und bestimmt selbst „was sich gehört.“

 

Text: Anonym, Illustration: Aliaa Abou Khaddour

 

"Du bist ein Mädchen, das gehört sich so nicht, was werden die anderen über dich sagen? Dass deine Eltern dich nicht richtig erzogen haben und dass du eine Schande bist? Und wer wird dich bitte heiraten, wenn du dich so benimmst? Willst du auch so in Zukunft mit deinen Schwiegereltern reden?“ Diese Aussagen bekommst du als Mädchen täglich zu hören, wenn du mal was machst, was „sich als Mädchen halt nicht gehört“. Zumindest bei uns. Und ich kann das alles nicht mehr hören.

„Lebt sie wie eine Europäerin?“

Als die älteste Tochter in einem ägyptischen Haushalt stoße ich oft an meine Grenzen. Während meine Eltern von mir erwarten, dass ich gute Noten nachhause bringe und gleichzeitig wollen, dass ich den Haushalt mache, kann mein älterer Bruder nach der Schule gechillt schlafen und hat absolut keine Verantwortung zu tragen. Er kann rausgehen und nachhause kommen, wann er will, und muss niemandem sagen, wohin er geht und was er macht. Ich möchte mich nicht mit ihm vergleichen, weil er älter ist als ich. Mir macht es nichts aus, dass ich eben nicht so oft raus darf, weil ich mich vor allem zur Schulzeit oft gerne von allem isoliere. Aber um mich allein geht es hier nicht – ich spreche für viele junge Frauen aus meiner Community. Was gehört sich denn alles nicht? Die Liste ist lang. Es wird über uns Mädchen geredet, wenn wir oft rausgehen. Ob wir uns einen schönen Tag mit Freundinnen machen oder nur ein bisschen Zeit im Park verbringen, macht keinen Unterschied. „Sie hält sich nur auf der Straße auf, hat sie kein Zuhause? Warum lassen das ihre Eltern zu? Lebt sie das Leben einer Europäerin?“ Mit „Leben einer Europäerin“ meinen sie das „freie Leben“. Dass eine Frau sich von niemandem was sagen lässt und lebt, wie sie will. Am liebsten ist es den Eltern, wenn ihre Töchter immer zuhause sind, brav im Haushalt mitmachen, stets auf die männlichen Personen in der Familie hören und alles tun, was die Familie und ihre Söhne wollen. Es ist eine Schande, wenn ein Mädchen widerspricht oder für ihre Gerechtigkeit spricht. Aber wer bestimmt denn überhaupt, was sich gehört? Ich denke ja, dass in manchen Familien die Männer einfach Minderwertigkeitskomplexe haben und sich nur mächtig oder männlich genug fühlen, wenn sie kleinen Mädchen, ihren Frauen oder Schwestern Befehle geben oder sie sogar schlagen. Wenn du ihnen widersprichst, ihnen Unrecht gibst oder deine Stimme bei Ungerechtigkeit hebst, fühlen sie sich in ihrem Stolz gekränkt.

Bei mir zuhause ist das zum Glück nicht ganz so arg – aber diese patriarchale Denkweise wird im Alltag trotzdem gelebt: Meine Mutter erlaubt meinem Bruder so gut wie alles und behandelt ihn wie ein kleines Baby. Das hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass er sich sogar getraut hat, meine Eltern zu beschimpfen, und dann bekomme ich von meiner Mutter zu hören, dass sie nicht mehr weiß, was sie tun soll, weil sie ihm als Jungen ja nichts verbieten kann und weil er schon „erwachsen“ ist. Ist man denn mit 18 Jahren wirklich erwachsen? Oder ist man einfach nur volljährig und kann alles ohne Erlaubnis der Eltern machen? Denn meiner Meinung nach ist man mit 18 noch lange nicht erwachsen oder reif genug, um ganz allein über sein Leben zu bestimmen. Im Haushalt muss er nie was machen, das wird uns Mädchen überlassen. . Aber ich lass mir nicht gerne sagen, was ich zu tun habe. Aufgaben wie Geschirrabwaschen, Putzen oder Aufräumen mache ich gerne, wenn es aus meinem eigenen Willen kommt, aber wenn mir jemand sagt, wann ich was zu tun habe, dann will ich es nicht mehr machen und mach es in den meisten Fällen dann auch nicht.

 

„Du wirst es nie schaffen, einen Haushalt zu führen!“

Wenn ich bis 19 Uhr Unterricht habe, nachhause komme und es gerade mal schaffe, meine Hausübungen zu machen, und keine Zeit mehr habe, den Abwasch zu erledigen, ist am nächsten Tag ein Riesendrama los. Entweder heißt es, dass wir als Mädchen eine Schande sind und es nie schaffen werden, ein Haushalt zu führen. Meine Eltern schaffen es manchmal, mir ein so schlechtes Gewissen zu machen, dass ich am nächsten Tag um zwei Uhr nachts noch die Küche putze und meinen Schlaf opfere, weil es sich mit der Schule anders nicht ausgeht. Wenn ich es anspreche, endet es in Streit, Vorwürfen und es eskaliert alles.

 

„Wenn du verheiratet bist und Kinder hast, dann kannst du es besser machen.“

Ich liebe meine Eltern sehr, sie sind Menschen, die mich sehr geprägt haben. Was mich aber stört, ist diese moralische Erziehung, dass Mädchen so und so sein sollen und dass ihre Söhne erst dann männlich genug sind, wenn sie über alles selbst bestimmen und ihre Freiheit bekommen. Es stört mich, dass sie ihrem Sohn so grundlegende und lebensnotwendige Fähigkeiten, wie Putzen oder Kochen nicht beibringen. Warum die Söhne sowas gar nicht lernen sollen? Weil das Frauenaufgaben sind, die ihre Männlichkeit gefährden. Das ist doch lächerlich. Wie soll ich mich darüber nicht ärgern? Meine Eltern sind selbst so aufgewachsen, weshalb ich verstehe, warum sie so sind, meine Mutter kennt es nicht anders. Auch sie musste sich früh fügen und gehorchen. Sie hat meinen Ärger nicht verdient, aber genauso wenig habe ich ihn verdient. „Wenn du verheiratet bist und Kinder hast, dann kannst du es besser machen!“ – Genau, das werde ich. Ich will, dass wir die Generation werden, die mit dieser Doppelmoral und diesen veralteten Traditionen bricht. Die Generation, die den Söhnen Kochen und Putzen beibringt. Die Töchter ermutigt, ihre Meinung zu sagen und nicht dafür verurteilt. Unsere Kinder, unsere Töchter vor allem, sollen nicht zu hören bekommen, dass etwas „eben so ist“, oder dass man „es selbst auch schwer hatte“. Lasst uns die Generation werden, die all das hinterfragt. Jungs alles zu erlauben und nichts von ihnen zu erwarten und von Mädchen alles zu verlangen und ihnen noch mehr zu verbieten – lasst uns die Generation werden, die DAZU sagt: Das gehört sich so nicht! ●

 

 

Die Autorin ist 15 Jahre alt, hat ägyptische Wurzeln und geht noch zur Schule. Sie
hinterfragt Rollenbilder innerhalb ihrer Community und will sich in Zukunft für Frauenrechte
einsetzen.

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