Wer war der Schriftsteller Ivo Andric?

09. Februar 2009

Von allem, was der Mensch baut und aufbaut, gibt es nichts Besseres und Wertvolleres als Brücken.“ 
Ivo Andrić, Nobelpreis für Literatur 1961

Als während des Bosnienkrieges Extremisten sein Denkmal zerstörten, begründeten sie dies mit angeblich unermesslichem Schaden, den sein Werk den bosnischen Muslimen zugefügt hat. Die Nobelpreiskommission war 1961 da anderer Meinung und verlieh Andric als erstem und bisher einzigem Jugoslawen den Literaturnobelpreis „Für die epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes gestaltet“.

Die Brücke über die Drina
Tatsächlich ist jene Erzählung die seinen Weltruhm begründete, „Die Brücke über die Drina“ (Na Drini cuprija“) eine Beschreibung der „Abgabe in Blut“ – jener Praxis der osmanischen Eroberer, für ihre Elitetruppe, die Janitscharen, Buben aus Bosnien ihren Familien zu entreißen, zu Muslimen zu konvertieren und als Krieger auszubilden. Und genau jene Brücke, die Andric beschreibt, wurde von einem dieser Buben gestiftet. Mehmed Pascha Sokolovic brachte es zu höchsten Ehren im Reich des Sultans und stiftete in Bosnien zahlreiche Bauwerke.

Ein verzogener Elefant
Wer Andrics Werk tatsächlich kennt – was die erwähnten Denkmalstürmer offenbar nicht taten – wird sofort in eine magische aber zugleich reale Vergangenheit Bosniens gezogen und kann sich ihr nicht entziehen. In Andrics Erzählungen und Romanen ist Dummheit und Bösartigkeit genauso wie Edelmut und Weisheit nicht bloß einer Ethnie vorbehalten. Andric schildert uns realistisch die historischen Gegebenheiten einer Vergangenheit, die bis heute in Bosnien nachwirkt. Die Verzauberung beginnt, wenn man sich seinen Schilderungen der Landschaft und der Gedanken, Motive und Taten der Menschen die er beschreibt hingibt. Erwähnt sei hier das einzige Tier, dem Andric eine Erzählung gewidmet hat und die ich jedem als Einstiegsdroge zu Andric empfehle. Es ist ein verzogener Elefant, das Haustier und erklärter Liebling eines Vezirs. Die einheimische Bevölkerung, Muslime wie Serben, Kroaten und Sefarden müssen unter den Zerstörungen, die der verspielte Elefant anrichtet, lange leiden. Bis der Vezir stirbt. Der arme Elefant wird kurz darauf „verunfallt“.

Weltberühmter Autor
Die Biografie von Andric ist fast ein Versatzstück aus Hollywood: Provinzjunge aus ärmlichen Verhältnissen studiert sich zum Diplomaten hoch und wird weltberühmter Autor bis er am Ende die höchste Auszeichnung des Planeten bekommt. Wer die Daten dieses Lebensweges in Jahreszahlen und Details wissen will, braucht nur seinen Namen zu googeln.
Viel wichtiger ist, dass Andric ein Jugoslawe im besten Sinne des Wortes war – zumal gerade seine engere Heimat Bosnien mit der Bezeichnung versehen wurde, „Jugoslawien im Kleinen“ zu sein. Diesen „Jugoslawismus“ teilt er übrigens mit zwei weiteren Ikonen der jugoslawischen Literatur, Tin Ujevic und Vladimir Nazor.

Verbindung zwischen Träumen und Realität
Für Andric zählten nicht die Unterschiede der Ethnien, sondern die Gemeinsamkeiten der lebenden Menschen: das Streben nach Glück, einem selbstbestimmten Leben und bescheidenem Wohlstand. Und all das Dumme, Böse und Ungerechte, das sich diesen einfachen Wünschen in den Weg stellt.
Das Zitat vom Anfang dieses Textes ist also ein Statement über Andric Innerstes. Der Faszination der Brücken als Verbindung zwischen Träumen und Realität, zwischen Menschen, Kulturen und Religionen widmete er gleich drei Werke: „Die Brücke über die Drina“, „Die Brücke an der Zepa“ und „Ex Ponto“.
Inzwischen ist das Denkmal des Ivo Andric wieder an seinem Platz. Aber ich befürchte, jene Menschen, die nichts vom Bauen der Brücken zu einem friedlichen und verständnisvollen Miteinander halten, werden es eines Tages wieder zerstören.
Und wir werden es wieder aufbauen.

Mitarbeit: Biber-Redaktion/Emina Adamović

 

 

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