Widerstand im Zeichen der Teigtasche

08. September 2022

Vom „chinesischen Virus“ über die Teigtascherlmafia bis hin zum Stereotyp der unterwürfigen Asiatin: Die Gründer*innen des Magazins „Perilla“ haben genug von Vorurteilen gegen die asiatische Community. Bei der diesjährigen Wienwoche rufen sie deshalb andere dazu auf, gegen Rassismus und für mehr Sichtbarkeit zu schreiben. Über Corona als Katalysator, fehlende Repräsentation und den Generationenumbruch.

Von Nada El-Azar-Chekh, Fotos: Franziska Liehl

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Maiko Sakurai, Susanne Songi Griem, Weina Zhao, Pete Prison IV und Noo Poravee sind die "Perillas".

„Rassismus gegen asiatische Menschen ist, meiner Meinung nach, so viel unsichtbarer, da es sehr viel positiven Rassismus gegen sie gibt“, sagt Noo Poravee. „Wir sind fleißig, still, brav... Deshalb wird es nicht so ernst genommen und ist nicht so präsent. Das führt dazu, dass es Außenstehenden nicht so bewusst ist, dass diese Vorurteile eigentlich Schaden anrichten. Vieles wird unter den Teppich gekehrt.“ Noo studierte Kultur- und Sozialanthropologie ist eine der Gründer*innen des Zines „Perilla“, welches seit Oktober 2020 die Sichtbarmachung asiatischer Menschen in Österreich zur Mission hat. „Perilla“ ist dabei die Bezeichnung für eine Pflanze, die in verschiedenen asiatischen Küchen verwendet wird und auch unter dem Namen Shiso bekannt ist.

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Für Noo Poravee war Schreiben immer schon ein Ventil.

Im Innenhof des Restaurants „Asia Garten“ im 18. Bezirk treffe ich auf die Initiator*innen des Projekts „Feeling of a Dumpling“, das bei der diesjährigen Wienwoche anläuft. Mit in der Runde: Die chinesischstämmige Filmemacherin Weina Zhao, die japanisch-österreichische Künstlerin Maiko Sakurai, die koreanisch-deutsche Performerin Susanne Songi Griem und der koreanischstämmige Musiker* Pete Prison IV. Sie alle verbindet nicht nur das Magazin Perilla, sondern auch der gemeinsame Wunsch, endlich die Probleme ansprechen zu können, welche ihre Elterngeneration lange verschwiegen hat. Für die Wienwoche starteten die „Perillas“, wie sie sich nennen, einen Aufruf an alle Menschen, die sich zur asiatischen Community zugehörig fühlen, bei einer gemeinsamen Schreibsession über Themen wie Rassismus, Identität und Vergangenheitsbewältigung zu reflektieren. „Der anti-asiatische Rassismus, der zu Corona-Zeiten begonnen hat, war ein großer Auslöser dafür, warum Perilla sich gegründet hat. Vor allem auch, weil es noch viel zu wenig Sichtbarkeit im künstlerisch-politischen Rahmen gibt“, so Pete Prison IV. Noo Poravee pflichtet bei: „Es geht nicht nur darum, auf anti-asiatischen Rassismus aufmerksam zu machen. Das Magazin soll auch eine Plattform sein, um sich zu vernetzen. Bislang gab es in dieser Form keine Möglichkeit, eine Community zu bilden.“

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Musiker* Pete Prison IV ist eine Häflte des Wiener Noise-Duos Bossa.

In einen Topf geworfen

„Für die erste Generation gibt es ja Mai Ling‘“, so Pete Prison IV. Das Kollektiv Mai Ling, das sich künstlerisch mit Diskriminierungsformen asiatisch gelesener Menschen auseinandersetzt, gibt es seit 2019. Der Name ist angelehnt an einen 1979 ausgestrahlten Sketch des bairischen Kabarettisten Gerald Polt, in dem eine fiktive Frau namens Mai Ling vorgestellt wird, inklusive aller gängigen, fernöstlichen Stereotypen: Sie ist unterwürfig, reinlich, trägt einen japanischen Kimono, obwohl sie aus Bangkok kommt, und kocht dabei traditionell chinesisch. Die Ambiguität ihrer Herkunft unterstreicht, wie Menschen aus asiatischen Ländern trotz kultureller Unterschiede in einen Topf geworfen werden. „Bis es Mai Ling gab, fehlte sowieso eine politisch organisierte Community. Kulturelle oder religiöse Vereinigungen existierten zwar, aber ich habe beispielsweise bei chinesischen Studierendenvereinigungen gemerkt, dass sie sehr auf Kulturvermittlung, Freundschaft und Party setzen, statt negative Aspekte unserer Lebensrealität in Österreich anzusprechen“, so Weina Zhao.

„Nun sind wir Perillas alle schon aus der zweiten Generation, und wollten uns auch zusammenfinden“, so Pete. Bekannt ist der Musiker* einigen sicherlich als eine Hälfte des Wiener Noise-Duos Bosna. Die Nummer 4 im Künstlernamen ist eigentlich als Unglückszahl im ostasiatischen Raum verbreitet – ähnlich wie hierzulande die Nummer 13. „Sitzreihen, Stockwerke, Hausnummern gibt es mit der Nummer 4 nicht. Oft steht statt einer 4 der Buchstabe F, für ‚Floor‘, oder es gibt keine Nummerierung“, erklärt Pete. Weina Zhao fügt hinzu: „Das chinesische Zeichen für ‚Tod‘ wird gleich ausgesprochen wie die Zahl 4, und in Japan, wo noch Kanji-Zeichen in der Schrift verwendet werden, sehen die Zeichen auch ähnlich aus.“

Böse Blicke 

Zurück ins Jahr 2020: Ausgehend vom chinesischen Wuhan verbreitet sich das neuartige Coronavirus rasch auf der ganzen Welt. Der damalige US-Präsident Donald Trump sprach medienwirksam über „das chinesische Virus“, das Covid-19 auslöst. Für die Künstlerin und Schmuckdesignerin Maiko Sakurai, die eine japanische Mutter hat, war dies ein prägendes Jahr. „Meine Mutter, die grundsätzlich immer von sich behauptet hat, dass sie nie Rassismus in Österreich erlebt hat, hat sich zum ersten Mal zu Coronazeiten dazu geäußert. Sie meinte, man könne ja nicht einmal mehr in der U-Bahn husten oder niesen, vor allem, wenn man so aussieht wie ich. Das hat mich sehr überrascht. Ich dachte, endlich kommt von ihr diese Feststellung!“ Kollektives Nicken bei den Perillas.

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Maiko Sakurai konnte zuhause lange nicht über Rassismus sprechen. Dies hat sich seit Corona geändert.

Weina Zhao, deren Eltern aus China mit ihr nach Österreich migrierten, als sie drei Jahre alt war, bestätigt: „Bei älteren Freundinnen meiner Mama ist es erstmals seit Covid so gewesen, dass sie überhaupt darüber sprachen, wie sie auf der Straße angefeindet werden. Ich kenne eigentlich keine asiatisch gelesene Person, die nicht im ersten Coronajahr Rassismus erlebt hat.“ Sie erzählt von Situationen, in denen asiatischen Menschen auf der Straße ausgewichen wurde, böse Blicke zugeworfen worden sind oder in ihrer Nähe die Luft angehalten wurde. Zhao produzierte „Weiyena – Ein Heimatfilm“, der im Jahr 2020 erschienen ist und sich mit ihrer persönlichen Familiengeschichte auseinandersetzt. Für die filmische Aufarbeitung der Migration ihrer Eltern aus Peking nach Österreich sowie des Schicksals ihrer Großeltern, das stark von traumatischen Erlebnissen während der Kulturrevolution in China ab Mitte der 60er Jahre geprägt ist, wurde ihr bei der diesjährigen Diagonale der Franz-Grabner Preis für die beste dokumentarische Kinoarbeit verliehen. Weina wurde nach der österreichischen Hauptstadt Wien benannt. „Sie wollten in erster Linie eine bessere Zukunft für mich und möchten gar nicht mehr zurück nach China, weil sie sich nach all dem, was geschehen ist, politisch gar nicht mehr sicher fühlen.“

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Filmemacherin Weina Zhao beklagt, wie sehr asiatische Menschen immer noch im Film und Journalismus fehlen.

„Wir möchten einen Draht zu Leuten aufbauen, die nicht in der Kulturszene sind.“ 

Bevor Weina zu ihrem nächsten Termin aufbricht, überreicht sie Susanne Songi Griem und Maiko Sakurai ein wenig Kleidung, die sie nicht mehr benötigt. Die beiden nähen nämlich an einem Textilobjekt, das während der Schreibsessions zu „Feeling of a Dumpling“ ausgestellt werden soll. Was es genau wird, können die beiden noch nicht verraten – außer, dass es gigantisch sein wird. Die Schreibsessions werden eben hier, im Asia Garten, stattfinden und werden musikalisch mit Improvisationen von Pete Prison IV untermalt. „Wir kommen alle irgendwie aus der Kulturszene und möchten unbedingt einen Draht zu Leuten aufbauen, die es nicht sind. Eigentlich möchten wir alles so niederschwellig halten, wie es nur geht“, so Pete. Der Asia Garten als Austragungsort ist einerseits eine heimelige Verbindung für viele Menschen, die in den Restaurants ihrer Eltern aufgewachsen sind, und spielt andererseits wieder auf die Causa Teigtascherlmafia an, die namensgebend für das Projekt war. Im Sommer des Jahres 2019 machten die Schlagzeilen einer illegalen Teigtaschenfabrik, die sechs Chinesen in einer Wiener Wohnung betrieben hatten, die Runde. Als Folge kontrollierte die Finanzpolizei gezielt asiatische Lokale. „Wir wollten Tribut an die vielen Menschen aus der ersten Generation zollen, die sich in der Gastronomie etwas aufgebaut haben, weil es oft keine andere Möglichkeit für sie gab, hier zu arbeiten“, so Maiko Sakurai.

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Susanne Songi Griem arbeitet als Tänzerin seit letztem Jahr regelmäßig mit Pete Prison IV.

Die Diaspora fehlt – im Film, und auch im Journalismus

Doch es gab auch Entwicklungen in den letzten Jahren, die man als gemeinhin positiv wahrnehmen kann. So haben etwa Elemente aus der koreanischen Popkultur mit dem internationalen Erfolg von Filmen und Serien wie „Parasite“ oder „Squid Game“ sowie der steigenden Beliebtheit von K-Popbands wie BTS oder Blackpink längst in der globalisierten Welt Eingang gefunden. Nicht umsonst kocht man auf Tiktok jetzt Spaghetti mit Gochujang-Paste, oder steht Schlange, wenn im Westen Streetfoodlokale mit koreanischen Corn-Dogs und Tteokbokki ihre Tore öffnen.

Für Weina Zhao als Filmemacherin gibt es trotzdem noch einiges, was sich in der Repräsentation asiatischer Menschen ändern muss. „Einerseits kommen diese koreanischen Produktionen allmählich hier an, aber es ist für mich sehr prägnant, dass wir sonst einfach fehlen, im Sinne der diasporischen Darstellung. Im englischsprachigen Raum hat man da begonnen, umzudenken, beziehungsweise gibt es immer mehr diasporische Filmemacher, die ihre eigenen Erfahrungen verarbeiten. 'The Farewell‘ von Regisseurin Lulu Wang, in der es um die Rückkehr einer Diaspora-Chinesin aus den USA in das ihr völlig fremde China geht, ist ein gutes Beispiel dafür. Auch im Journalismus wird überwiegend über die asiatische Community geschrieben, anstatt dass sie selbst zu Wort kommen. Und sie kommen oft auch nicht weiter als Massagesalons und China-Restaurants – das ist das Ergebnis einer langen Recherche und es gibt wirklich nichts anderes.“

 

 

Die Wienwoche findet vom 16.-25. September 2022 statt.

Open Call:
Du fühlst dich zur asiatischen Diaspora dazugehörig und möchtest an den Schreibsessions teilnehmen? Dann registriere dich bis 15. September unter teigtaschenprotest@gmail.com

 

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