Zwei Länder. Ein Name. Ein Leben.

02. April 2012

Lange war mir mein eigener Name so fremd wie das Land und die Kultur, aus dem er stammt. Bis es mir unmöglich wurde, meine Augen vor mir selbst zu verschließen.

Seit 27 Jahren lebe ich in Wien. Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen. Eine richtige Österreicherin eben. Eine andere Herkunft hätte mir auch niemand zugeschrieben, solange ich meinen Namen nicht sagte. Ja, mein Name. Er war bislang das Einzige, das mich mit meiner zweiten Herkunft, dem Irak, verbunden hatte: Al-Hashimi. Es ist der Name meines Vaters. Ein stolzer Name. „Prophet Mohamed ist unser Vorfahr“, versuchte mir mein Vater unsere Geschichte näher zu bringen. In seiner Heimat hatte er ein schönes großes Haus, mit einem Riesengarten in dem er frische Früchte von den Bäumen pflücken konnte, die so gut schmeckten, dass er sich sogar heute noch daran erinnern kann. Er lebt seit über 30 Jahren in Wien.

Dass ich mich aber nie als Irakerin sondern als pure Österreicherin sah, dafür sorgte meine Mutter. Es war ihr weder ein Anliegen, dass ich die Sprache meines Vaters lernte, noch wollte sie, dass ich mit seinen Traditionen in Berührung komme. Nur das gute orientalische Essen durfte ich genießen.

Nicht ohne meine Tochter

Meine Eltern sind geschieden. Kein Wunder eigentlich, wenn zwei so verschiedene Menschen mit noch verschiedeneren Werten und extrem unterschiedlicher Weltanschauung aneinandergeraten. Keine Ahnung wie lange ihre Ehe gehalten hätte, wäre ich erst gar nicht zur Welt gekommen. Noch kürzer wahrscheinlich.

Meine Mutter hat mir schon sehr früh wahnsinnig beängstigende Flöhe ins Ohr gesetzt, à la „Nicht ohne meine Tochter“. In diesem Film wird eine wahre Begebenheit geschildert: Eine Amerikanerin heiratet einen iranischen Arzt. Dieser kündigt seinen Job und gibt vor, mit seiner Frau und Tochter zwei Wochen Urlaub in seiner Heimat machen zu wollen. Dort teilt er seiner Frau aber plötzlich mit, nicht mehr in die USA zurückkehren zu wollen, und versucht, sie mit Gewalt festzuhalten. Der Mutter gelingt mit ihrer Tochter die Flucht. Das war der Stoff, aus dem die Ängste meiner Mutter waren.

Beinahe hätte ich ihren österreichischen Namen angenommen – nach einem großen Streit mit meinem Vater. Es war so heftig, dass er zu mir sagte: „Ich will nicht länger, dass du meinen Namen trägst.“ Großer Fehler! Ohne darüber nachzudenken, aus reinem Reflex, antwortete ich: „Nein! Bestimmt nicht!“

Plötzlich war ich mir so sicher wie nie zuvor, dass ich meinen Namen auf ewig behalten würde, selbst wenn ich eines Tages heiraten sollte.

Mein Name bin ich

Aber woher kam dieser Sinneswandel? Aus reinem Trotz? Oder hatte ich doch begonnen, mich für meine arabische Herkunft zu interessieren? Ich wusste es nicht.

Denn eigentlich schämte ich mich sehr lange für meinen Familiennamen. Ich schämte mich dafür, anders zu sein, dafür, nicht Berger oder Meier zu heißen.

Vor einiger Zeit hatte ich eine Beziehung mit einem Österreicher. Eines Tages spazierten wir gemütlich durch die Stadt als zwei Frauen mit Kopftuch an uns vorbeigingen. In mir arbeitete etwas,

das mich dazu veranlasste, meinem damaligen Freund mitzuteilen: „Irgendwie fühle ich mich zu den Menschen dieser Kultur hingezogen.“ Er lachte mich aus und meinte nur zynisch: „Was? Zu denen?“ Großer Fehler! Ich beendete die Beziehung.

Die nächste Person, die ich mit der neuen Sehnsucht nach meiner zweiten Heimat konfrontierte, war meine Mutter. Ich sagte ihr, ich wolle mich mehr mit dem Irak und meiner dort lebenden Familie auseinandersetzen. „Warum? Du bist doch eine waschechte Österreicherin.“ Großer Fehler! Der sich anbahnende innere Widerstand wurde immer größer, sodass ich eine Vertrauensperson bat, meinen Vornamen auf Arabisch zu zeichnen. Den ließ ich mir dann auf die Innenseite meines linken Handgelenks tätowieren.

Nicht ohne meine Heimat

In einem Sommer hatte ich dann sogar die Gelegenheit, den großen Schritt zu tun: in den Irak zu fahren. Kurz nachdem Saddam Hussein von den Amis gestürzt wurde, fuhr mein Vater zu seinen Verwandten. Er sah sie nach 25 Jahren das erste Mal wieder. Doch die Bilder der Angst, die mir meine Mutter einredete, waren noch immer so stark, dass ich mich noch nicht dazu bereit fühlte. Also klapperte ich stattdessen einen Teil meiner Familie ab, der wegen der andauernden hoffnungslosen Lage im Irak nach Europa ausgewandert war. Ich besuchte vier arabische Tanten – mein Vater hat elf Schwestern und zwei Brüder. Ich fuhr nach Deutschland, Holland und Belgien. Es war ein sehr schöner Urlaub, ich fühlte mich richtig wohl bei meinen neu gewonnen Verwandten, die im Herzen noch immer Iraker sind. Meine Befürchtungen waren alle umsonst. Ich konnte mit ihnen sogar über meine Ängste aus der Kindheit sprechen, die ich mit dem Irak verband. Ich spürte: Es war höchste Zeit gewesen, diesen Schritt zu wagen.

Die Angst wird Realität

Zurück in Wien belegte ich gleich im nächsten Semester mein erstes Wahlfach auf der Orientalistik. Die Informationen, die ich über Land und Leute hörte, beflügelten mich. Am liebsten wollte ich gleich mit der nächsten Uni-Exkursion in den Irak mitfahren, um dort nach alten Relikten zu graben. Endlich meine Heimat sehen. In den Städten kommt es regelmäßig zu Bombenattentaten. Zwei meiner Verwandten sind bei einem solchen ums Leben gekommen. Die Pseudoangst meiner Mutter ist zu einer grausamen Realität geworden.

Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, meine zweite Heimat mit eigenen Augen zu sehen. Doch mein Name ist Sarah Al- Hashimi. Ich bin 27 Jahre alt. Ich habe einen österreichischen Pass. Ich lebe in Wien. Ich bleibe in Wien. Aber meine zweite Heimat Irak wird für immer ein Teil von mir sein.

von Sarah Al-Hashimi und Philipp Tomsich (Fotos)

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Kommentare

 

super geschrieben sarah. tolle geschichte

 

toll!

 

gefällt mir! danke sarah

 

Das hast Du superschön formuliert, alle Achtung! 

Hat mich sehr berührt!

 

very nice

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