"Zweisprachigkeit ist ein Geschenk."

04. Januar 2021

In einem der letzten Interviews vor der Babypause verrät uns Justizministerin Alma Zadić, welches Buch bei ihr am Nachtkästchen liegt, welchen Wert Zweisprachigkeit für ihren Beruf hat und wie sie den „leisen Tod der Justiz“ abgewendet hat.


Von Amar Rajković und Delna Antia-Tatić

 

biber:  Stört es Sie, als Ministerin Interviews zum Thema Geburt und Kinderkriegen zu führen?
ALMA ZADIĆ: Am Tag als ich verkündet habe, dass ich schwanger bin, war es ein großes Thema. Danach gar nicht mehr. Das zeigt, dass unsere Gesellschaft viele Schritte gegangen ist. Als Karin Gastinger (Anm.: Justizministerin 2004-2007) schwanger wurde, war es ein Riesenthema, weil sie damit die erste Ministerin war. Sie wurde von Journalisten permanent auf ihre Schwangerschaft angesprochen und gefragt, wie sich das mit ihrem Job vereinbaren lässt. Das war bei mir nicht so. Das zeigt, dass es mittlerweile selbstverständlich geworden ist. Und: Männer bekommen genauso Kinder!

Haben Sie sich Tipps von Landwirtschaftsministerin Köstinger, die 2018 als Ministerin zum ersten Mal Mutter wurde, geholt?
Bei einem gemeinsamen Frühstück haben wir uns über die täglichen Herausforderungen ausgetauscht. Es war ein sehr spannendes Gespräch. Ich habe von ihr mitgenommen, dass man sich einfach nicht stressen lassen darf und auf sein Gefühl hören soll. Und das sagt mir: Unser Kind wird zwei liebevolle Eltern und vier Großeltern haben.

 

Alma, Zadić, Schwanger, Babypause, Karenz

 

Sie sind genauso wie die werdende Vize-Präsidentin in den USA, Kamala Harris, ein doppeltes Vorbild. Als Frau und Migrantin haben sie es nach ganz oben geschafft. Beginnt eine neue Ära der „migrantischen Frauen“ – auf Augenhöhe?

Ich glaube, je mehr Frauen mit Migrationshintergrund sichtbar werden, sei es im Journalismus, in der Politik, oder anderen Berufen, umso weniger wird es zum Thema gemacht. Deshalb finde ich es extrem wichtig, junge Frauen auf ihrem Weg zu unterstützen. Kamala Harris kann für viele Mädchen und Frauen Vorbild sein, dass sie sichtbar sind und selbstbewusst ihren Weg gehen – und vor allem, dass sie zu keinem Zeitpunkt hinterfragen, ob man die richtige Haut- oder Haarfarbe hat.

Als Diversitätsmedium wissen wir, dass es auch nicht darum geht, „trotz“ des Migrationshintergrunds Karriere zu machen, sondern mitunter auch gerade durch ihn. Inwieweit hilft Ihr Background in Ihrem Job?

Natürlich bringt die Sprache einen enormen Vorteil. Ich habe einen guten Draht zu Kolleg*innen im Justizbereich aus dem südslawischen Sprachraum. Und natürlich habe ich einen Bezug zu Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben.

In welcher Sprache werden Sie und Ihr Mann das Kind aufziehen?
Sowohl mein Mann als auch ich haben das Glück, zweisprachig zu sein. Dieses Geschenk wollen wir an unser Kind weitergeben.

 

Melisa Erkurt ist eine Powerfrau, die mit ganz vielen Aussagen den Nagel auf den Kopf getroffen hat. 

 

Und wer wird welche Sprache übernehmen?

Ich behaupte mal, ich spreche besser BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) als mein Mann. (lacht)

Für viele Frauen ist Kinderkriegen noch immer eine Karrierebremse. Für Sie auch?
Es gibt Statistiken, die zeigen, dass es negative Auswirkungen auf das Einkommen einer Frau hat, sobald sie ein Kind bekommt - und das ein Leben lang. Wir müssen als Gesellschaft daran arbeiten, diese Lohnschere zwischen Männern und Frauen zu schließen. Ich wünsche mir, dass es in unserer Gesell- schaft keine negativen Konsequenzen mehr haben wird, wenn jemand die Kinderbetreuung übernimmt.

Ebenfalls ein Vorbild mit bosnischen Wurzeln ist die Journalistin und Autorin Melisa Erkurt. Haben Sie ihr Buch „Generation Haram“ gelesen?

Das liegt tatsächlich auf meinem Nachtkästchen. Melisa Erkurt ist eine Powerfrau, die mit ganz vielen Aussagen den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Ich habe mich in vielen ihrer Buchpassagen wiedererkannt, in einigen sogar namentlich (lacht).

Viele Migranten wünschen sich, dass endlich anerkannt wird, dass ihr Leben von Rassismus und Diskriminierung geprägt ist. Andere möchten nicht ständig als Opfer stigmatisiert sein. Wo stehen Sie?

Ich glaube, es ist entscheidend für jeden mit Migrationsbiografie, das Gefühl zu bekommen, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Das habe ich in den USA ganz stark gespürt. Dort sind Doppelidentitäten möglich. Amerikaner und Mexikaner gleichzeitig zu sein, ist dort kein Problem. Ich glaube viele Menschen mit Migrationshintergrund wünschen sich, akzeptiert zu werden, ohne sich rechtfertigen zu müssen, woher sie kommen und warum sie dazugehören. Man sollte seine Eigenheiten bewahren können, ohne sich entscheiden oder assimilieren zu müssen, um dazuzugehören. Das darf kein Wiederspruch sein.

Nach einem guten Jahr als Justizministerin. Worauf sind Sie stolz?
„Ich freue mich, dass wir mit dem umfassenden Paket gegen Gewalt und Hass im Netz den Betroffenen die Unterstützung zukommen lassen, die sie benötigen. Auch konnten wir im Bereich des Opferschutzes wesentliche Verbesserungen erreichen. Erstmals werden Kinder als Zeugen von häuslicher Gewalt staatliche Unterstützung durch juristische und psychosoziale Prozessbegleitung bekommen. Mit den Erhöhungen der Budgets 2020 und 2021 haben wir den von meinem Amtsvorgänger zurecht prognostizierten „stillen Tod der Justiz“ erfolgreich abgewendet und eine Trendwende eingeleitet. Nach dem Terroranschlag vom 2. November in Wien haben wir den ersten Teil eines Antiterrorpakets vorgelegt. Damit sorgen wir für mehr Sicherheit und eine wirksame Bekämpfung von Terror auf Basis der Rechtsstaatlichkeit, der Verfassung und der Grundrechte.

 

Sowohl mein Mann als auch ich haben das Glück, zweisprachig zu sein. Dieses Geschenk wollen wir an unser Kind weitergeben.

 

Wenn Sie zurück in Ihr Amt kommen, was wollen Sie angehen?
2021 werden wir weitere Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen setzen. Wir erleichtern dazu das Verfahren zur Erlassung einer einstweiligen Verfügung. Viele Unternehmen sind coronabedingt unverschuldet in finanzielle Not geraten. Sie brauchen eine zweite Chance nach der Pandemie. Die erhalten sie über eine neue Reform des Insolvenzrechts. Auch die Korruptionsbekämpfung ist mir ein wichtiges Anliegen. Der Ibiza-Skandal und die darauf folgenden Enthüllungen haben uns das drastisch vor Augen geführt. Hier werden wir Lücken im Korruptionsstrafrecht schließen.

Wie geht es Ihnen als werdende Mutter und Mensch, der selbst Fluchthintergrund hat, wenn Sie Bilder aus den Flüchtlingslagern in Griechenland oder auch ihrem Geburtsland Bosnien sehen?

Die Situation ist schrecklich. Die Schicksale in Griechenland machen mich tief betroffen. Was wir dort sehen ist eine humanitäre Katastrophe, geprägt vom Brand im Lager in Moria, Traumata, eisiger Kälte – und Corona dazu. Wir Grüne haben seit langem auf die unhaltbaren Zustände hin- gewiesen. Diese Zustände gilt es, direkt in den Krisenregionen zu bekämpfen, um den Menschen zumindest ein bisschen ihres Elends zu nehmen. Wir werden weiterhin Druck machen, gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, kirchlichen Organisationen, NGOs und BürgermeisterInnen und vielen mehr. Wir geben hier nicht auf und arbeiten in Gesprächen mit dem Koalitionspartner daran, da eine Lösung zu finden, dass wir im europäischen Geist - gemeinsam mit anderen EU Ländern - ein bestimmtes Kontingent an Kindern und ihren Familien aufnehmen.

Alma, Zadić, Schwanger, Babypause, Karenz

 

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