#Freethenipple

Unter diesem Hashtag finden sich auf Instagram mehr als 4,1 Millionen Beiträge. Der Wunsch: Weibliche Brustwarzen zu normalisieren und zu entsexualisieren, denn wirklich anders als die männlichen sind sie nicht.

Greta Freist
Foto: Anna Egger

Eine pfirsichfarbene und eine zartrosane Brustwarze zeigt Greta Freist in ihrem Gemälde La Danseuse. Gerne würde ich meinem künstlerischen Drang nachgehen und das Bild mit mir als Fotomodell nachstellen. Aber lieber nicht – Instagram und Facebook würden mein Bild asap herunternehmen und meine Follower*innen wären irritiert: Ist sie gerade aufmerksamkeitsgeil oder will sie Männer aufreißen? Vielleicht sollte ich also doch lieber ins Schwimmbad gehen und einen dieser dickeren Männer, deren „Brüste“ meine vom Volumen her deutlich übertreffen, vor die Linse bitten.

 

Eine Einladung zum Glotzen

Denn, richtig erraten, meine Brustwarzen gehören zu einem weiblichen Körper - 18, haarig, feministisch und kunstliebend - und deshalb, so der gesellschaftliche Konsens, versteckt. Nicht nur am Strand und in den sozialen Medien, auch durch mein T-Shirt sollten sich die Konturen der Nippel auf gar keinen Fall abbilden. Das provoziert nämlich die Männer, habe ich schon aus familiären Kreisen zu hören bekommen.

Weibliche Nippel scheinen tatsächlich zu provozieren: Die 21-jährige Maryam Al-Mufti war einmal auf einem Markt unterwegs, als ein Mann im mittleren Alter sie nach minuten-langem Starren darauf aufmerksam machte, dass man ihre Nippel sähe. „Er dachte, er tut mir damit einen Gefallen und hat beleidigt reagiert, weil ich mich geärgert habe.“ Dabei hat die Studentin an diesem Tag sogar einen BH getragen – obwohl sie die Dinger hasst. Denn nach längerem Tragen bekommt Maryam öfters extreme Schmerzen. „Deshalb ist es das geilste Gefühl nach Hause zu kommen und den BH auszuziehen.“

Aus ebendiesem Grund hat Alexandra Stanic, Chefredakteurin von Vice, vor zwei Jahren all ihre BHs aussortiert. Das einengende Gefühl und die roten Druckstellen, die sie seit ihrem 14 Lebensjahr begleitet haben, sind weg, schreibt sie in ihrer Kolumne Ich trage keine BHs mehr – und das ist gut so. Jetzt ersetzen stierende Blicke die „gottverdammten Büstenhalter“. „Viele glauben, das ist eine Einladung zum Angaffen“, sagt sie, „Oder, dass es sich um einen Akt der Aufmerksamkeit handelt.“

 

Männer- oder Frauennippel?

Dabei scheint es verrückt, dass es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, was Frauen unter einem T-Shirt zu tragen haben. Immerhin, Brustwarzen, die haben wir alle, es ist das Fett- und Bindegewebe, das eine weibliche Brust von einer männlichen unterscheidet. In einem Interview 2015 bei Jimmy Kimmel Live beschreibt die Sängerin Miley Cyrus diese Absurdität: „Humans aren’t afraid of the human breast. It’s the nipple that’s the issue.“ (Menschen fürchten sich nicht vor der Brust. Die Brustwarzen sind das Problem.) Von ihrer Brust könne sie alles zeigen, was sie wolle, solange sie die Brustwarzen bedecke. Das habe sie nie verstanden, „Because the nipple – what you can’t show – everyone has.“ (Denn die Brustwarze – die du nicht zeigen darfst – die hat jeder.)

Über diese Absurdität mokiert sich die Seite @genderless_nipples auf Instagram. Sie fordert ihre Follower*innen dazu auf, Nahaufnahmen der eigenen Brustwarzen zu schicken. Das soziale Medium kann die Bilder nicht wie üblich mit der Begründung, dass es gegen die Instagram-Gemeinschaftsrichtlinien verstößt, entfernen. Denn: Nicht einmal Instagram kann den Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Nippeln feststellen.

 

Ein Hashtag gegen die Nippelzensur

Unter dem Hashtag #Freethenipple geht die Komödie weiter: Frauen, die Männerbrustwarzen über ihre eigenen fotoshoppen, und Comics, die Frauen zeigen, die sich Männerbrustwarzen transplantieren lassen, um Oben-ohne-Selfies posten zu können. Aber so sehr ich über diese Posts lachen kann, eigentlich ist es zum Ärgern. Denn bereits seit 2014 setzen sich Künstler*innen und Aktivist*innen, unter ihnen auch Miley Cyrus, für das Ende der Nippelzensur auf Facebook und Instagram ein. Die beiden Plattformen erlauben zwar künstlerische Arbeiten, auf denen man die gesamten Brüste sieht, bei Fotografien wird es jedoch kritisch. Stillende Mütter und Frauen, denen man die Brustwarzen aus gesundheitlichen Gründen entfernt hat, dürfen ausnahmsweise unzensuriert gezeigt werden, alle anderen Fotos laufen jedoch Gefahr, heruntergenommen zu werden.

Im Prinzip thematisiert der Hashtag zwei Problematiken: Frauenkörper werden (wieder einmal) hypersexualisiert und patriarchalen Richtlinien unterworfen, zweitens wird Fotografie von den sozialen Plattformen nicht als eigenständiges künstlerisches Medium ernstgenommen – denn ein Aktbild in Acryl, um ein Beispiel zu nennen, ist ja durchaus erlaubt. Was das mit den Künstler*innen macht? Joanne Leah, eine Foto-Künstlerin aus Brooklyn sagte gegenüber der New York Times, dass es sich jedes Mal wie ein Faustschlag in den Magen anfühle, wenn wieder eines ihrer Fotos heruntergenommen würde. „Censoring photography is invalidating it as an art form”. (Fotografie zu zensurieren entwertet es als Kunstform).

 

Meine Brustwarzen und ich

„Je mehr Männer glotzen, umso sicherer bin ich in meiner Entscheidung“, hat mir Alexandra Stanic im persönlichen Gespräch gesagt, „Denn je mehr blöd gegafft haben, desto bewusster ist mir geworden, dass es sich um einen politischen Akt handelt.“ Dieser kleinen politischen Revolte möchte ich beitreten. BHs möchte ich dann tragen, wenn ich sie tragen will, nicht aus einem Pflichtgefühl heraus. Wenn ihr also demnächst meine Nippel unter dem Shirt ausmachen könnt, stellt euch zwei Brustwarzen vor, ähnlich euren eigenen, zimtfarben mit einem Stich von Greta Freists Pfirsichrosa.

Anna ist 18 Jahre alt und angehende Studentin.

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