Gebändigte Göttinnen - Von Frauen in Indien

2017 habe ich als Austauschschülerin vier Monate in Indien verbracht - zehn hätten es eigentlich sein sollen, aber ich habe abgebrochen - ich konnte die Einschränkungen meiner Freiheit als Frau nicht mehr ertragen. 

 

Ich laufe durch die engen Gassen in das bunte Markttreiben hinein und höre schon von weitem die Rufe der ehrgeizig werbenden Verkäufer*innen, rieche die frisch aufgeschnittenen Mangos. Aber trotz dieser euphorisierenden Umgebung fühle ich mich unwohl. Und verletzlich. Eingeschüchtert und angestarrt. Denn es ist nicht die Hitze, die mir aufs Gemüt drückt, sondern die Tatsache, dass ich eine Frau bin. Jung, weiß, weiblich. Und in Indien. 

Als privilegierte, junge Österreicherin einige Monate in Indien zu leben ist das Eine. Ich kann nicht urteilen, nur versuchen, meine Erlebnisse zu schildern - aber junge Inderin zu sein - das ist das Andere.

 Von zwei verschiedenen Perspektiven und zwei hoffnungsvollen Visionen für eine gerechtere Zukunft.  

Tradition, Brauch, Indien, Kleider

Doppelmoral und festgefahrene Vorstellungen

Auf mich wurde immer geachtet: Zu groß war die Angst, das ohnehin schon angeschlagene Bild Indiens im Westen zu verschlechtern. Von den Lehrern und Schülern wurde ich respektiert und als etwas Besonderes angesehen, ein exotisches Tier, ein Popstar fast schon - wertvoll und selten. Aber das über Jahrhunderte geprägte Frauenbild, das so tiefe Wurzeln in der Gesellschaft schlägt, ist allgegenwärtig: Oftmals werden Frauen in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht und als schwach angesehen. Direkt am eigenen Leib erfahren habe ich die Unterdrückung nur in einigen Situationen - ich war ja weiß und kostbar. Aber die haben geprägt. Und aufmerksam gemacht. Als meine Gasteltern einmal an meine Türe klopften und ich ihnen in meiner bis zum Knie reichenden Schlafhose öffnete, druckste der Gastvater, Patriarch und Oberbefehlshaber des Hauses, verlegen herum, woraufhin seine Frau entrüstet meinte, ich solle mich doch verdecken, es sei gerade ein Mann anwesend! Ich fühlte mich wie eine Verbrecherin.

 

Göttinnen verehrt - Frauen unterdrückt

Die 17-Jährige Anjika R. ist eine der 675.591.635 Frauen Indiens und bezeichnet sich selbst als glückliche und privilegierte junge Dame, die in einem guten Umfeld mit elterlicher Unterstützung und einem Zugang zu Bildung aufgewachsen ist. Aber auch sie sieht die deutlichen Missstände: „In einem Land, in dem Göttinnen angebetet werden, bleibt das Bild der Frau unverändert.“ Obwohl immer mehr Frauen im Begriff seien, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, steht ihnen die traditionelle Erwartungshaltung der patriarchalen Gesellschaftsstruktur im Weg: Vor allem in konservativen ländlichen Gegenden müssen Frauen den Haushalt schmeißen, kochen, für die Kinder sorgen und sollen unbedingt und zu gar jeder Zeit höflich, respektvoll und unterwürfig sein. Arbeiten zu gehen ist Männersache, wenn man bereits verheiratet ist erst recht. Und wehe der Frau die ihre Stimme erhebt!

Gesellschaft in Bewegung

Aber es tut sich was. Indien ist eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit und rühmt sich außerdem damit, die, an der Bevölkerungszahl gemessen, größte Demokratie der Welt zu sein. Gleiche Rechte für alle - ein Grundsatz der Demokratie, ein Ziel für indische Frauen. Auf Instagram gibt es täglich Posts von aktivistischen Seiten wie „theindianfeminist“ oder „crownthebrown_“, die vor allem junge Menschen erreichen und damit einen wichtigen Beitrag leisten, das Problem an der Wurzel zu packen und die Ungerechtigkeiten sinnvoll aufgearbeitet und verständlich zu präsentieren. 

Gerade in Weltstädten wie Mumbai, hat sich ein Zentrum für emanzipierte Frauen gebildet, die eine kritische Haltung annehmen und für ihre Rechte und die derer, die ihre Stimme nicht erheben können, auf- und einstehen. Auch Anjika R. meint, dass Frauen sehr wohl eine Stimme haben und ihre Geschichten erzählen wollen - aber noch viel zu wenig gehört werden. Das zu ändern sei ein schwieriger, langwieriger Prozess, aber sie ist zuversichtlich. Ich bin es auch.

Ich glaube an ein besseres Indien, an eine bessere Welt - aber nur wenn wir sie gemeinsam erschaffen. Nicht als Männer und Frauen, nicht als Alte und Junge - sondern als Menschen. 

Cosima Rudigier ist 17 Jahre alt und angehende Maturantin am Bundesgymnasium Bludenz. 

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