Ich bin nicht dein Fragenkatalog!

Nervös fange ich an zu reden. Ich versuche meine zitternden Hände zu ignorieren und so gut wie möglich durch den Raum zuschauen und nicht auf dem Boden. „Der Islam ist…“

Religionsexpertin mit acht

Im Jahre 2009 als acht-jähriges Mädchen in der Volksschule eine Präsentation über den Islam zu halten, ist nicht nur einer der absurdesten Ereignisse, die ich als junge Muslima mit Migrationshintergrund erleben musste, sondern auch mein erster Einsatz als kostenlose Aufklärungsarbeiterin, die ich bis heute noch führe. Mit acht Jahren hat mir meine Mutter noch die Kleidung für die Schule hergerichtet und woran ich bewusst geglaubt habe, ist die Existenz von Meerjungfrauen gewesen. Also ist es noch schräger gewesen, dass man in diesem Alter von mir erwartet hat, mich mit meiner Religion auseinanderzusetzen und es einer Klasse von anderen gleichaltrigen Kindern zu erklären.  

Die Frage, die ich mir damals und bis heute stelle, ist warum?

Warum musste ich mit 8 Jahren wissen, dass es den Islam gibt und was er beinhaltet? Warum meine Mama ein Kopftuch trägt? Warum ich kein Schweinefleisch esse? Für meine Lehrerinnen ist es selbstverständlicher gewesen die Antworten für diese Fragen zu haben, als dass ich schon zum sechsten Mal nicht weiß was 2 Mal 6 ist.

Damals habe ich die Absurdität der ganzen Situation nicht ganz nachvollziehen können und es hat lange gedauert bis ich verstanden habe, dass ich nicht Expertin in Islam und Rassismus sein muss. Ich muss mich nicht vor jedem Gespräch auf Fragen vorbereiten, ob mein Lieblingsessen frittiertes Hühnchen und Wassermelone ist oder ob ich das Kopftuch trage, weil ich keine Haare habe, vorbereiten.

Hijab & Shoulders oder ist es doch Head & Shoulders?

Der Hans würde jetzt zu meiner Geschichte sagen, dass meine Lehrerinnen nur interessiert gewesen sind und 2009 der Islam noch was Neues war und man, außer im Zusammenhang mit 9/11 und Terrorismus nicht viel wusste. Deswegen sind Fragen wie: „Duschst du eigentlich mit dem Kopftuch?“ legitim. (ja diese Frage bekomme ich bis heute noch ernsthaft gestellt.)

Erstens wurde das erste Islamgesetz 1912 erlassen, also ist es definitiv nicht neu und wären meine Lehrerin wirklich so interessiert, hätten sie ruhig den Islamlehrer ausfragen können und nicht mein acht-jähriges Ich.

Ich bin nicht dein persönlicher Fragenkatalog, den du jeden Tag aufs Neue verwenden kannst.  „Warum trägst du das Kopftuch?“ „Du trinkst wirklich keinen Alkohol?“ „Darf ich eigentlich das N-Wort in Liedern mitsingen?“ „Wie sehen deine Haare aus?“ „Wurdest du schon mal wegen deines Kopftuches oder deiner Hautfarbe beschimpft?“

Je weiter runter man den Fragenkatalog geht, desto absurder werden die Fragen und diese werden auch tausendmal gestellt, weil das Interesse immer nur das Stellen der Frage gilt und nicht die Antwort. Durch dein ständiges Fragen werden nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen BIPOC (Black, Indigenous, People of Colour) Wunden, die noch nicht und wahrscheinlich auch nie heilen werden, immer und immer wieder geöffnet. Diese Wunden, die uns daran erinnern, dass wir nicht die gleichen Privilegien haben wie du als weißer hetero-cis Mann. Dass unsere Hautfarbe, Religion, Sexulität und Geschlecht  für manche ein Grund ist uns schlechter zu behandeln oder bedeuten sogar in manchen Regionen dieser Welt unseren Tod.

Wir haben schon so, viel in unserem Alltag mit Rassismus und Diskriminierungen aller Art zu kämpfen und deine Fragen wollen wir nicht auch noch beantworten. Wenn du es wirklich wissen willst und mich nicht einfach ausfragst, um mich des Besseren zu belehren, kannst du dir doch sicherlich eine Islam-Theologin bzw. Theologen oder Menschen, die sich Aufklärungsarbeit zur Mission gemacht haben, suchen. Bitte bezahle sie dann auch lieber Hans, ich bin mir ganz sicher, dass du dir das leisten kannst.

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