Immer einmal mehr

Als Schülerin mit Migrationshintergrund habe ich das Gefühl, mich oft mehr bemühen zu müssen, um dasselbe Ziel wie andere SchülerInnen ohne Migrationshintergrund zu erreichen.

Ende der 3. Klasse des Gymnasiums haben meine MitschülerInnen und ich unsere Mathematik Zeugnisnoten erfahren. Meine Freundin, die keinen Migrationshintergrund hat, dachte, sie würde auf einer 3 (Befriedigend) stehen und ich auf einer 1 (Sehr gut). Sie war vor mir an der Reihe und es stellte sich heraus, dass sie eine 1 bekam. Mir hingegen hat die Lehrerin gesagt, dass ich nur durch ein Referat ein Sehr Gut bekommen kann. Ich hatte auf die Schularbeit eine 1, in der Mitarbeit eine 1, auf die Hausübungen eine 1. Es gab für mich einfach keinen plausiblen Grund, weshalb ich noch das Referat machen musste.

Natürlich könnte man jetzt einen anderen Grund dafür suchen, aber ich bin ja kein Einzelfall. Eine 17-jährige Schülerin mit indischem Migrationshintergrund erzählt mir, dass sie Diskriminierung schon früh in ihrer Bildungslaufbahn erlebt hat. In der Vorschule wurde sie aufgrund ihrer Herkunft von MitschülerInnen und LehrerInnen diskriminiert, da sie laut den LehrerInnen nach indischen Gewürzen roch. Aufgrund dessen wurde sie an den Haaren gezogen und gezwickt. Niemand wollte ihre Hand halten, weil sie in den Augen der MitschülerInnen zu dunkel war. In der Mittelschule hatte sie wie ich das Gefühl, immer mehr machen zu müssen. Bei Gruppenarbeiten haben ihre MitschülerInnen Lob für ihre Aufgabe bekommen und sie nicht, obwohl sie meist die ganze Arbeit gemacht hat. All diese Erfahrungen waren so belastend, dass sie nach der Matura nach Kanada ziehen möchte, da sie dort Verwandten hat und sich in der Sprache sicherer fühlt. Dort will sie ein Medizin oder Psychologie Studium beginnen. Sie fühlt sich durch diese Erlebnisse nicht mehr von der österreichischen Gesellschaft akzeptiert oder zugehörig.

Als Person ohne Migrationshintergrund ist es schwer das Gefühl zu verstehen, immer mehr geben zu müssen. Ich erkläre es gerne anhand folgender Metapher: Stell dir vor, du machst bei einem Wettkampf mit. Alle Läufer stellen sich auf die Startlinie. Auf einmal ertönt eine Stimme und sagt, dass diejenigen, die Migrationshintergrund haben, fünf Schritte zurückgehen müssen. Du bist die einzige Person die nach hinten gehen musste. Dann laufen alle los. Du hast logischerweise einen Nachteil und um zu gewinnen musst du 110% statt 100% geben. Unter großer Anstrengung schaffst du es. Trotzdem wird jemand anderem die Medaille umgehängt. Genau so fühlt es sich an – immer und immer wieder.

Die Schule sollte ein Ort sein, wo man gerne lernt, Spaß hat und mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause geht. Für mich, für die 17-jähriger Schülerin und vielen andere SchülerInnen hingegen ist es ein Ort, wo wir uns fehl am Platz fühlen, die Minuten bis zur Pause zählen und mit vielen Fragezeichen im Kopf nach Hause gehen.

Maryam Shehadeh ist 14 Jahre alt und besucht die 5. Klasse der AHS Heustadelgasse.
m.shehadeh07@gmail.com

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