Richtig sitzen in Oberösterreich

Wenn Familienfeiern zu Fragestunden über Religion, Kultur und mein Essverhalten werden. Rassismus existiert in allen Bereichen, den meisten ist der familiäre Kontext vermutlich noch gar nicht so bewusst.

 

Rassismus in der Familie

 

Es ist ein ziemlich frischer Tag in Steinhaus bei Wels. Ich sitze barfuß auf einem Sessel, während sich meine Verwandten am Tisch zu Tee und Glühwein unterhalten. Mein Onkel macht die Tür auf und lässt die Hunde rein und der ganze kalte Wind von draußen strömt ins Zimmer. Um meine Füße zu wärmen setze ich mich in den Schneidersitz, damit sie sich zwischen meinen Oberschenkeln aufwärmen können und es hilft. Es ist angenehm warm.

Eine ältere Verwandte setzt sich zu mir an den Tisch und fragt mich plötzlich: „Ach, sitzt ihr so?“ Ich war verwirrt, hatte gar keinen Plan, wovon sie spricht und was sie meint. Sie fragt nochmal und zeigt auf meine verschränkten Beine: „Ja so. Sitzt ihr so?“ Ich frage noch einmal nach, was sie meint und beim dritten Mal verstehe ich. Sie meint meine Art zu sitzen, sie kennt den Schneidersitz wahrscheinlich noch unter dem Namen „Türkensitz“.

 

Tutorial: So kannst auch du ganz einfach sitzen lernen

Weil ich die Frage so lächerlich finde, lache ich etwas und erkläre ihr, dass ich nur so sitze, weil meine Füße sonst kalt werden. Darauf erklärt sie mir: „Achso, ja, weil hier in Österreich, da sitzen wir auf Sesseln so.“, und zeigt mir dabei vor, wie sie sich auf einen Sessel setzt, mit den Beinen am Boden, versteht sich. Wie es echte Österreicher eben machen.

Genervt von der Bemerkung, aber trotzdem noch viel zu höflich, sage ich ihr, dass ich weiß, wie ein Sessel funktioniert und bedanke mich für das kleine Tutorial.

Zur Aufklärung: Ich bin im Irak geboren. Mein Vater ist Iraker und meine Mutter zur Hälfte aus Bagdad, zur Hälfte aus Wels in Oberösterreich. Und meine Beziehung zu beiden Familienteilen ist seit ich denken kann eher schwierig.

Ich habe weder in Österreich noch bei meiner arabischen Familie so richtig das Gefühl dazuzugehören. Wahrscheinlich wird es vielen Menschen so gehen. Auf eine Weise habe ich zwei Heimaten, auf eine Weise manchmal keine. Nicht weil ich es wirklich so fühle, viel eher, weil mir dieses Gefühl von Menschen gegeben wird.

 

Was soll diese Fragerei?

Es ist bei jeder Familienfeier in Wels das Gleiche – wir treffen uns alle nach längerer Zeit wieder, wir begrüßen uns und dann fängt die Fragerei an. Den anderen Verwandten in meiner Familie werden die normalen Fragen gestellt, über Uni, Arbeit, Schule, Matura. Ganz normal halt.

Mich fragen sie dann, ob ich denn jetzt Alkohol trinke, ob ich Schweinefleisch esse und ob ich mit Freunden in Bars und Clubs gehe. Es ist ja nicht so, als würden sie einmal fragen, sich meine Antworten merken und das wars. Nein, sie fragen, ich antworte und nächstes Mal fragen sie wieder und meine Antworten überraschen sie jedes Mal aufs Neue. Dass man „Maryam“ mit einem Y und nicht mit einem J oder I schreibt, sorgt bei ihnen auch immer für viel Frustration.

Irgendwie eigenartig, ich weiß in solchen Situationen auch nie, wie ich mich verhalten soll.

Es kommt mir vor, als würden sie mich nicht als Maryam sehen, sondern viel mehr als Teil einer größeren, ihnen fremde Personengruppe, die sie einerseits fasziniert, andererseits auch beängstigt.

Ich bin nicht nur Nichte oder Cousine, ich bin für sie in erster Linie eine muslimische Irakerin, deren Ess- und Fortgehverhalten sie nicht verstehen.

Diese Fragen von Fremden gestellt zu bekommen, bin ich schon gewohnt, zumindest in der Familie hätte ich sehr gerne mal eine Pause. Manchmal will ich halt einfach Maryam sein und nicht fremdernannte Sprecherin für irgendeine Bevölkerungsgruppe.

 

Too much information

Und so geht es ja nicht allein mir. Ich kenne in meinem Umfeld keine einzige Person mit Migrationshintergrund, die nicht mit so eigenartigen Fragen konfrontiert wird. Es sind immer wieder dieselben Fragen, die mittlerweile zwar normal klingen, aber wenn man genauer darüber nachdenkt eigentlich extrem intim sind.

Was geht es irgendwen etwas an, warum ich hier in Österreich bin? „Warum bist du gerade hier und nervst mich?“, frage ich mich dann. Niemand würde die blonde Astrid nach ihrem Trink- und Essverhalten fragen. Niemand würde sie fragen, warum sie überhaupt hier ist und warum sie nicht geblieben ist, wo sie herkommt.

Wäre ja auch komisch. „Ich bin Astrid, von Milch bekomme ich Blähungen und irgendwann haben mich meine Eltern aus dem AKH Wien mit nach Hause genommen.“ Stellt euch die Reaktionen auf so eine Antwort vor. Too much information, wie es so schön heißt. Es ist einfach nicht die Antwort die man hören möchte, sie ist unangenehm und viel zu detailliert. Genauso gibt es diese Fragen, die man ungern gestellt bekommen möchte.

Stellt einfach keine Fragen, zu denen ihr euch im Vorhinein schon eure eigenen Antworten gebildet habt. Fragt unvoreingenommen und der Situation angemessen, oder fragt gar nicht.

Das könnte dich auch interessieren

Aleksandra Tulej
Aleksandra Tulej und Soza Al Mohammad...
Wohnprotest Rotterdam
Foto: Emiel Janssen In den...
Nedad Memic
Das Balkanland befindet sich seit...

Anmelden & Mitreden

5 + 3 =
Bitte löse die Rechnung