Second Hand: von „Pfui“ zu „Ui“!

Second Hand Shoppen hat in den letzten zehn Jahren eine starke Veränderung durchgemacht. Die anfängliche negative Stellung der Gesellschaft in Hinblick auf das Kaufen von gebrauchter Ware ist längst nicht mehr zu spüren. Thriften* ist angesagter denn je.

Second Hand Geschäfte sind gefragter denn je. Foto: Pia Prkacin
Second Hand Geschäfte sind gefragter denn je. Foto: Pia Prkacin

Phase „pfui“

Ich nehme euch mit, auf eine kleine Reise in die Vergangenheit. Die Destination: Second Hand Geschäfte vor circa zehn Jahren. Vollgestopft mit billiger (aber trotzdem sauberer!) Kleidung, besucht von Menschen mit niedrigem Einkommen, somit hauptsächlich von Migrantenfamilien und Pensionisten, und dadurch ein Schlaraffenland für mich, die damals zehnjährige Pia. Ungefähr zu dieser Zeit habe ich damit begonnen, meinen Kleiderschrank mit gebrauchten Schätzen zu bestücken.

Den Ursprung dieser Schätze „durfte“ niemand erfahren. Denn für Volksschulfreunde und sogar deren Eltern hatte Kleidung aus Zweiter Hand ein Schmuddel-Image. Wer genug Geld besitzt, der hat neue Sachen zu kaufen. Wieso? Das habe ich mich immer gefragt. Kann ich, auch ohne finanzielle Probleme, nicht einfach nach individueller und preiswerter Kleidung suchen und der Umwelt dabei etwas Gutes tun?

Etikett im Second Hand Geschäft. Foto: Pia Prkacin
Etikett im Second Hand Geschäft. Foto: Pia Prkacin

Szenenwechsel: Second Hand Geschäfte heute

Im letzten Jahrzehnt sind Second Hand Geschäfte aus dem Boden geschossen. Obwohl sich diese in alle möglichen Richtungen spezialisiert haben (zum Beispiel Vintage Kleidung), teilen sie sich folgende Charakteristika: leer gekauft, preislich nicht mit den Deals von vor zehn Jahren zu vergleichen, und von trendbewussten und sozial gut gestellten jungen Menschen besucht.

Phase „ui“

Von verpönt zu vergöttert, könnte man den Wandel, den sie durchgemacht haben, gut zusammenfassen. Dasselbe ist mit Flohmärkten passiert. Vor zehn Jahren habe ich den Altersschnitt immer um ein gutes Stück gesenkt, mittlerweile ist der Gang zum Flohmarkt für viele junge Menschen ein Happening. Begleitet von Freunden, Musik und selbstgebackenem Kuchen.

„Pia, wie stehst du zu dieser Veränderung, die du hautnah miterlebt hast?“ Obwohl ich diese Frage häufig gestellt bekomme, habe ich noch immer Schwierigkeiten, sie zu beantworten. Hier ein Versuch: Ich finde es sehr wichtig, dass Kleidung aus Zweiter Hand salonfähig geworden ist. Trotzdem ist dieser irrsinnige Ansturm ein kleiner Wehmutstropfen für mein Sammlerherz. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass thriften* mehr als ein Trend bleibt, mehr als eine weitere Möglichkeit neben fast fashion** zu seiner Kleidung zu kommen.

Noch immer kaufen Österreicher laut einer Greenpeace Studie 60 Kleidungsstücke pro Jahr, von denen sie nur einen Bruchteil tragen. Das muss sich ändern, denn im Nachhaltigkeitsranking liegt das Nicht-Kaufen natürlich an erster Stelle. Second Hand Kleidung besetzt den zweiten Platz, da das Produkt bereits auf dem Markt ist und keine neuen Ressourcen in Anspruch nimmt. Somit zuerst die Frage stellen „Brauch ich wirklich neue Kleidung?“ und wenn die Antwort „Ja“ lautet, dann kann du dich glücklich schätzen in Wien zu leben, denn zum nächsten Second Hand Geschäft oder Flohmarkt ist es nie weit.

 

*thriften: englisch für Second Hand einkaufen (thrift shop = Second Hand Geschäft)

** fast fashion: englische Bezeichnung für ein Geschäftsmodell bei dem Kleidung billig hergestellt und verkauft wird

Pia ist 18 Jahre alt und hat dieses Jahr maturiert.

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