Vor Rassismus kann man nicht fliehen

Ich bin Linda und ich erzähle euch jetzt meine Geschichte. Meine Eltern kommen aus Afghanistan. Meine Mutter ist als Kind in den Iran geflüchtet. Dort hat sie meinen Vater kennengelernt und sie haben geheiratet. Ich und meine Brüder sind im Teheran (Iran) geboren. Als Kind war alles schön und cool für mich. Wir hatten nicht so viele Rechte, wie die Menschen, die aus dem Iran sind. Wir durften zum Beispiel keinen Führerschein machen oder an Universitäten studieren. Und wir erlebten Rassismus.

Das erste Mal merkte ich das in der Volksschule. Ich war nie im Kindergarten und kam mit sechs Jahren in die 1. Klasse Volksschule. Es war das erste Mal, das ich mit vielen Menschen Kontakt hatte. Der erste Schultag war ok für mich, weil meistens die Lehrerin geredet hat. Aber der nächste Tag war für mich sehr traurig. Es war Pause und ich saß im Schulhof, dann ist ein Mädchen aus meiner Klasse auf mich zugekommen. Ich wurde nervös, ich wusste nicht, wie ich mit ihr reden soll. Alles war fremd für mich, sogar die Sprache. In Afghanistan spricht man nämlich viele Sprachen, am Anfang konnte ich aber nur Dari sprechen. Im Iran gibt es auch viele Sprachen, aber die meisten sprechen Persisch.

Das Mädchen hat mich gefragt, warum ich nie im Unterricht rede. Ich habe versucht, es ihr auf Persisch zu erklären, dann kam für mich der peinlichste Teil: Ich habe Persisch mit Akzent gesprochen. Das Mädchen hat zu Lachen begonnen und mich nachgemacht. Nicht nur in der Pause, sondern auch im Unterricht und in den nächsten Tagen. Wegen ihr habe ich besser Persisch gelernt, damit mein Akzent weggeht.

Dieses Problem hatte nicht nur ich, sondern auch mein Vater.
Er hat auf einer Baustelle gearbeitet und ist immer um 4 Uhr aufgestanden. Er hat gebetet, gefrühstückt und war von 6 bis 20 Uhr auf der Arbeit. Mein Vater und andere Arbeiter aus Afghanistan sind auf Probleme gestoßen. Die Menschen, die bei der Baustelle gewohnt haben, hat der Lärm in der Früh gestört und sie haben eine Anzeige bei der Polizei gemacht. Die Polizei hat alle Sachen von der Baustelle von meinem Vater und den anderen Mitarbeitern weggenommen. Mein Vater wurde auch von Menschen beschimpft und wegen seinem afghanischen Akzent ausgelacht. Mein Vater ist wegen Rassismus gestorben (genauer möchte ich das nicht ausführen). Ich fühle mich sehr schlecht, dass mein Vater nicht mehr bei uns ist.

Wir sind aus dem Iran nach Österreich geflüchtet. Auf dem Fluchtweg ist mein Bruder gestorben (dazu will ich nicht mehr sagen). Wir sind seit 6 Jahren in Österreich und leben in Wien. Ich mag es, in Wien zu leben, weil es sehr schön ist.

Ich habe das Gefühl, es gibt hier nicht so viele Rassisten. Aber in den Jahren 2015 bis 2017 wurden Afghanen oft als kriminell bezeichnet. Menschen aus Österreich sehen nur die schlechten von uns und denken, wir sind alle so, obwohl das gar nicht stimmt. „Dieser Afghane, der nicht Steuern zahlt und ein krimineller Ausländer‘ ist“, denken sie dann. Ich als Afghanin habe ein schlechtes Gefühl bei Menschen, die andere so schnell verurteilen. Wir Afghanen sind hier, weil Krieg in unserer Heimat ist und wir dort nicht in Sicherheit wären. Damals war Afghanistan ein schönes Land, jetzt nicht mehr. Ich hoffe, dass unser Land wieder Ruhe und Frieden erlebt und ich hoffe, dass es irgendwann nirgends auf der Welt Rassismus gibt, egal ob in Afghanistan oder Österreich.

Linda (14) heißt eigentlich anders und wollte anonym bleiben. Sie besucht ein Gymnasium in Wien und will, wie ihr Vorbild Melisa Erkurt, Journalistin werden.

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