Gestört und behindert

28. November 2014

Biber bei “Baba Haft” in Frankfurt: Der deutsch-kurdische Rapper “Haftbefehl” mag Wurstsemmeln, dreckigen Rap aus Frankreich und keine politischen Statements mehr auf seinem neuen Album. Aykut Anhan über seine Ex-Karriere als Drogendealer, über Sünde, Religion und Kanaken in Deutschland.

 

Text: Yasmin Szaraniec, Fotos: Marko Mestrovic

 

„Wenn die Bull’n uns aufhalten, dann heiß ich Omar und nicht Aykut. Ich hab’ nämlich keinen Führerschein”, scherzt Aykut Anhan aka “Haftbefehl” und tritt voll aufs Gas seines Jaguars. Bei der kleinen Rundfahrt durchs Frankfurter Industriegebiet zeigt sich der 28-jährige Offenbacher Rapper ganz von seiner gastfreundlichen Seite.

 

Wir befinden uns in einem Gewerbepark ein Stück außerhalb Frankfurts. Der vereinbarte Treffpunkt zum Interview ist Haftbefehls Studio “Azzlack”. Wir betreten ein baufälliges Bürogebäude. Im ersten Stock sehen wir ein pinkes Plakat mit der Aufschrift “Orchideen-Massage”. Uns öffnet aber keine leicht bekleidete Thailänderin die Tür, sondern ein grimmig dreinschauender Typ mit Vollbart. Er ist ein Homie von Aykut. Das Studio ist karg eingerichtet, man riecht noch die Farbe der frisch gestrichenen Wände. Rechts ein Fernseher und eine weiße Ikea-Couch, auf der weitere Homies Fifa 15 zocken. Aykut macht sich gerade eine Wurstsemmel. „Ich bin gleich bei euch”, sagt er herzlich lächelnd. An den sonst leeren Wänden prangt die originale goldene Schallplatte von Nazars Album “Camouflage”.

 

Den Goldstatus hat Haftbefehl selbst noch nicht erreicht. Dafür prägte er 2013 das Jugendwort des Jahres “Babo” – mit seinem Track “Chabos wissen wer der Babo ist”. Jetzt läuft sein neues Album “Russisch Roulette” an. Obwohl mit viel New Yorker Beats unterlegt, will er darin die Drogenszene nicht glorifizieren, anders als viele amerikanischen Gangster-Rapper. Haftbefehl weiß aus eigener Erfahrung: Die Szene ist nicht glamourös, sondern vor allem gewalttätig.

 

Der 1,96m große Aykut mit kurdisch-zazaischen Wurzeln – die Zazaren sind eine Volksgruppe in der östlichen Türkei –  wirkt locker und entspannt. Dabei fährt er seit dem Finish von “Russisch Roulette” nur von einem Termin zum anderen. „Aufgrund der vielen Termine braucht Aykut einfach Leute die ihn bei diesem vollem Terminkalender unterstützen”, verrät uns Moritz von Universal Urban. “Baba Haft” hat in seinem Leben wenig Disziplin gehabt. Mit 13 verlor er seinen Vater, danach war die Straße sein Leben. Dort verdiente er sein Geld im Drogengeschäft. Die Schule besuchte er ab dem Zeitpunkt nicht mehr, die “normale” Arbeitswelt kennt er so gut wie gar nicht. Trotzdem können wir ihm keinerlei Unzuverlässigkeit vorwerfen. Wir machen es uns auf der Couch gemütlich und beginnen fünf Minuten vor der ausgemachten Zeit mit dem Interview.

 

 

 

Biber: Du hast als Jugendlicher Drogen vertickt, gekifft und die Schule geschmissen. Wann warst du das erste Mal stolz auf dich?

Haftbefehl: Als das mit der Musik losging und ich meine erste Überweisung gekriegt habe. Stolz war ich, als ich meiner Mutter ein Geschenk machen konnte. Sie hat wirklich viel durchgemacht. Ich konnte ihr endlich mal was zurückgeben und tu’s heute noch.

 

Wie geht es dir heute?

Heute ist mein Leben nicht mehr so ein Hustle wie damals. Ich wohne in einem Vorort von Darmstadt und hab’ ein ganz ruhiges Leben. Aber wenn ich Action suche, finde ich sie.

 

Du hast kurdische Wurzeln. Bist du eigentlich praktizierender Moslem?

Leider nicht.

 

Hast du dich mit dem Islam auseinandergesetzt?

Nein. Mein Vater war Alevite und meine Mutter ist Sunnitin. Sie ist sehr gläubig und praktizierend. Mein Vater hat zwar an Gott geglaubt, aber praktiziert hat er nicht.

 

Bist du selbst gläubig?

Ja, ich glaube fest. Auch daran, dass der Islam die richtige Religion ist. Wenn ich mich mit dem Koran befassen würde, würde ich mit der Musik aufhören. Da bin ich mir 100%-ig sicher.

 

In deinem Track “Seele” sprichst du das Thema der Sünde bzw. das Reinwaschen der Seele an. Etwa: „Wenn du Millionär bist, musst du es mit Ärmeren teilen.” Machst du das?

Ja und das sollte man auch. Bloß dann ist irgendwann von einer kurdischen Facebook-Seite ein Post aufgetaucht, wo es hieß, ich hätte eine halbe Million Euro an die Kurden in Syrien und im Irak gespendet. Das ist eine komplette Lüge. So viel hab’ ich nicht gespendet, aber auch wenn, hätte ich es bestimmt nicht offen preisgegeben. Man macht es weder für sich, noch für die Öffentlichkeit, sondern einzig und allein für die Menschen, die in Not sind. Man kann nicht heute jemanden umbringen und wenn man morgen spendet glauben, dass man seine Seele reingewaschen hat.

 

Stichwort Syrien und Irak. Bist du eigentlich ein politischer Mensch?

Nein. Ich halte generell nicht viel vom Krieg, aber er gehört zum Menschen. Die Steinzeitmenschen haben mit der Keule gejagt und etwas umgebracht, um zu essen. Heute ist es anders. Man trägt Anzug und schickt irgendwelche Leute in den Krieg, damit man weiter Anzug tragen kann und er einem nicht weggenommen wird.

 

Auch wenn du nicht politisch bist, hast du dich 2012 in dem Track “Free Palestina” politisch geäußert und viel Kritik geerntet.

Ja und zu dem Song steh’ ich auch nach wie vor. Damals habe ich Dinge von mir gelassen wie ,Ich verfluche das Judentum’. Dazu steh’ ich nicht. Ich hab’ die Politik Israels und die Juden gleich gesehen, aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es gibt viele Juden, die von Israel nichts halten. Ich halte nichts vom israelischen Staat und finde, dass er nach wie vor sehr viel Unrecht tut.

 

Krieg hat gerade dieser Tage viel mit Religion zu tun...

Politik und Religion sollte man trennen. Die meisten Politiker sind Gottlose oder Leute, die einen auf religiös machen. Dabei glauben sie meist nur an Geld. Sie wurden so sehr von der Gier gepackt, dass sie die Religion vergessen.

 

Warum sind Politiker gottlos? Ist das im Rap-Business besser?

Deutschland hat eine falsche Politik. Da fließen so viele Steuergelder in die Kassen, die an andere Länder verschenkt werden. Die Bevölkerung hat kein Recht. Man darf zwar wählen, aber was bringt das schon, wenn die Politiker ihre Slogans nicht einhalten? Das Rap-Geschäft kann auch falsch sein, wenn man sich Sachen komplett aus’m Arsch zieht. Natürlich erfinde auch ich Dinge und übertreibe. Trotzdem hab’ ich das meiste selbst erlebt.

 

Wird in Deutschland ein Kanake jemals so viel wert sein wie ein Deutscher?

Ja, natürlich. Es kommt ganz drauf an, wo man ist und wie man sich als Ausländer verhält. In Offenbachs Innenstadt gibt es rund 70% Ausländer - 80% davon sind nicht gut integriert. Wenn ich dort rumlaufe und ,Scheiß Deutsche!’ schreie, ist es klar, dass man mich nicht akzeptiert.

 

 

Lass uns über dein neues Album “Russisch Roulette” reden. Was kriegen wir da zu hören?

Der Sound ist sehr amerikanisch - eine Mischung aus New York und Down South. Die Beats klingen wie Wu Tang und Mobb Deep. Die Drums sind meistens trap-lastig mit französischen Einflüssen. Es ist ein sehr eigener Sound, aber rap-technisch ist es Haftbefehl pur. Ein bisschen verstörend, gestörter Rap... Ja, gestört und behindert.

 

Der Track Haram Para” (dt. “Sündengeld”) ist eine Kollaboration mit dem französischen Rapper Kaaris.

Ich liebe französischen Rap. Die Sprache hat etwas Dreckiges. Wenn Schwarze oder Algerier Französisch sprechen, hört sich das ganz anders an – gewalttätig und irgendwie abgefuckt. Die Franzosen reden immer so ’n bisschen schwul. Als hätten die ein Baguette im Arsch. Habt ihr das Album gehört?

 

Klar. Man kriegt das Gefühl, als wolltest du darin mit deiner Vergangenheit abschließen?!

Ne, gar nicht. Ich wollte “deepe” Sachen machen und werd’ das auch auf den nächsten Alben machen. Um einen Song wie “1999” zu schreiben, muss ich mich in meine Vergangenheit zurückversetzen. In diesem Jahr bin ich in die kriminelle Bahn gerutscht. Es war eine sehr harte Zeit für mich. Ich hole mir aber auch Inspiration in Frankfurt. Dort herrscht ein geiles, gleichzeitig aber trauriges Bild. Banker laufen an Junkies vorbei. Junkies gibt’s auch Wien, aber es wird nicht offen auf der Straße Heroin gespritzt und Crack geraucht.

 

2003 bist du wegen eines Haftbefehls in die Türkei geflohen.

Mit 18 bin ich zu meinem großen Bruder nach Istanbul gezogen und habe drei Jahre dort gelebt. Aus Langeweile habe ich angefangen Texte zu schreiben. Ich hab’ früher viel Azad gehört und Frankfurter Rapper wie Chabs, Jonesmann, Chaker oder Bushido. Weil ich dachte, etwas zu verpassen bin ich 2006 zurück nach Deutschland – zur Fußballweltmeisterschaft. Da war die Hölle los. Ich habe den größten Umsatz meines Lebens mit Drogen gemacht, Alter.

 

 

“Russisch Roulette” erschien am 28.11.2014 via Universal.

© Universal Music

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