Von Disney-Kriegsbildern und technischem Versagen

04. Juli 2024

bildschirmfoto_2024-07-04_um_10.01.33.png

.
Ist dieses Foto echt? Nein, sagt zumindest ein KI-gesteuerter Bilddetektor.

Innerhalb weniger Monate haben ChatGPT und andere AI-Tools unser Leben rasant verändert - dabei kamen diese Tools schon lange zuvor zum Einsatz, oft dort, wo wir sie gar nicht vermuten würden. Während es mittlerweile gar nicht mehr so abwegig ist, dass in Großkonzernen Lebensläufe von Bewerbern mittels Künstlicher Intelligenz, statt von Menschen in der Personalabteilung evaluiert werden, alle unsere Algorithmen auf Social Media KI-gesteuert sind, Kundenservices alleine mit Chatbots operieren, und vermutlich ein großer Teil von Inhalten und Kommentaren auf sämtlichen Plattformen längst nicht von Menschen stammen, stehen viele User den Entwicklungen zwar skeptisch gegenüber – aber Regulierungen lassen immer noch lange auf sich warten. Und das kann verheerende Folgen haben, vor allem, weil sich durch Künstliche Intelligenz so ziemlich alle Formen von Inhalten problemlos binnen Sekunden erstellen lassen können. 

Jüngst bekam ich von meinem Vater ein Foto zugeschickt: Eine ältere Frau mit Kopftuch wird von einem riesigen Hund attackiert, ihr faltiges Gesicht ist schmerzverzerrt, sie schreit – in propalästinensischen Kreisen im Internet wurde dieses Foto ebenfalls weitläufig geteilt. Die Meldung dahinter: Ein israelischer Soldat hetzt seinen Hund auf diese arme Frau. Die Szene in dem Bild ruft zweifelsohne heftige Reaktionen bei jedem Betrachter hervor, das ist die natürliche Reaktion eines jeden empathischen Menschen. Bei genauerer Überlegung taten sich dann aber doch einige Fragen auf: Kann dieses Bild denn wirklich so entstanden sein? Im Internet liest man vielerorts von der Faustregel: Wenn ein Foto nach Disney aussieht, dann ist es höchstwahrscheinlich KI. Mit der „Disney“-Ästhetik ist dabei nicht eine „liebliche“ Szene gemeint, sondern eine gewisse Perfektion und märchenhafte, fast schon übertriebene Harmonie in dem Foto. Abgesehen vom eigentlichen, schrecklichen Inhalt sieht das Bild also zu „schön“ aus. Ich teste meine Vermutung aus, indem ich das Foto durch einen KI-Scanner jage. Und ja, es scheint mit mindestens 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit künstlich erstellt worden sein. In ohnehin schon emotionalisierten Diskursen können solche Bilder nur zu mehr Radikalisierung und Gewalt führen. Falschinformationen lassen sich in jeder beliebigen Sprache in den Mund eines beliebigen Menschen problemlos legen. Über pornographische Inhalte, vor allem in Verbindung mit generierten Kindern oder extrem gewalttätigen Inhalten möchte man an dieser Stelle gar nicht nachdenken.

Es versteht sich von selbst, dass vor allem ältere Menschen, die ohnehin wenig medienkompetent sind, den Unterschied zwischen Realität und KI nicht feststellen können. Das Problem ist, dass sich buchstäblich von Tag zu Tag diese Tools verbessern, aus ihren Fehlern lernen und somit auch für das geübte Auge schwerer einschätzen lassen. Noch vor wenigen Monaten lachte das Internet über verpanschte Hände, die von Künstlicher Intelligenz anatomisch nicht ganz akkurat dargestellt wurden. Nun erobern künstliche Models das Internet und erzielen als Influencer mitunter große Werbedeals mit namhaften Brands. Wenn man an die großen Streiks von Hollywood-Stars der „Actor’s Union“ im vergangenen Jahr denkt, die sich gegen rigide Verträge von Produktionsfirmen stellten, die unter anderem deren Stimme und Aussehen „mitkaufen“ wollten, klingt es gar nicht mehr so verkehrt, dass bald keine Schauspieler, Synchronsprecher und Kreative in allen Bereichen menschlich sein werden. Wer übernimmt Verantwortung bei technischem Versagen?

Es braucht also dringend Gesetze und Regulierungen, die verbieten, dass menschliche Jobs durch KI in Gefahr geraten. Doch diese Prozesse laufen bekanntlich zu langsam, um den Schaden rückgängig zu machen, der bereits geschehen ist. Und wer weiß – vielleicht stammt auch dieser Text gar nicht aus einem menschlichen Gehirn. Wer wird das überprüfen können?

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

.
Sie kochen, kosten und kreieren: Amina...
.
„Bis ich 13 Jahre alt war, dachte ich,...

Anmelden & Mitreden

1 + 19 =
Bitte löse die Rechnung