Großeltern auf den Barrikaden

02. Juni 2023

Schulstreiks, Hörsaalbesetzungen und „Klimakleber: Immer ist es die junge Generation, die sich gegen das System wehrt und aktivistisch tätig wird. Und die Alten meckern darüber? Stimmt nicht – dass man sich auch im Alter für die Zukunft einsetzen kann, zeigen Susanne, Tilman und Renate.

 

Von Dione Azemi, Collage: Zoe Opratko

Collage: Zoe Opratko
Collage: Zoe Opratko

 

Uns geht es darum, auf die dauerhaften Missstände in der Asylpolitik aufmerksam zu machen, erklärt eine der zwei Frauen, als sie abrupt von dem lauten Buhen ihrer Kollegin unterbrochen wird. Das Gebuhe richtet sich an den amtierenden Bundeskanzler Karl Nehammer, der gerade über den Ballhausplatz begleitet wird und die Rufe der Aktivistinnen gekonnt ignoriert. In ihren Händen halten die beiden Frauen ein großes Transparent, sie tragen bunte Regenponchos und auf den Köpfen selbstgestrickte rote Mützen, die sind nämlich ein Markenzeichen der „Omas gegen Rechts, die schon seit bald drei Jahren bei jedem Wetter vor dem Bundeskanzleramt stehen und eine Mahnwache halten.

Ein ungewöhnlicher Anblick. Ältere Menschen protestieren zu sehen, ist in Österreich eher eine Seltenheit. Denn während beispielsweise in Frankreich Menschen in allen Altersgruppen auf die Straße gehen, sind es hier vergleichsweise junge Aktivist:innen, die sich engagieren. Immerhin sind es ja grundsätzlich die Ideologien und Narrative der älteren Generationen, gegen die Widerstand geleistet wird. Aber es gibt auch Gegenbeispiele.

 

Enkel sind bei den Omas kein Aufnahmekriterium

Über 600 Mitglieder haben die "Omas gegen Rechts“ mittlerweile – eine von ihnen ist die 77-jährige Susanne Scholl, die schon seit den Anfängen 2017 Teil der Organisation ist. Die „Omas gegen Rechts“ starteten ursprünglich als kleine Facebook-Gruppe, die von der Aktivistin Monika Salzer gegründet wurde. Anlass dafür war die damals frisch gewählte türkis-blaue Regierung. Die Gruppe diente als Austausch über politische Themen und als Info-Point für anstehende Demos, dann wurde sie immer größer und die „Omas“ begannen sich zu organisieren – was hervorragend klappte. Mittlerweile folgen den „Omas“ an die 30.000 Menschen auf Twitter. Damals hatte Susanne selbst noch keine Enkelkinder, doch das ist auch kein Aufnahmekriterium für die Omas, denn ihnen geht es um die Lebenserfahrungen, die man als Gruppe alter Frauen vereinigt. Und die damit verbundene Überzeugung und Fähigkeit entscheiden zu können, was der Gesellschaft guttäte, und wovor man sie bewahren müsste. Deswegen leisten die Omas Widerstand gegen alles, was den Rechts- und Sozialstaat gefährdet und der Demokratie schadet. Sie sehen sich als Vereinigung für Menschenrechte.

 

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Etwas anders sieht das hingegen bei den „Grandparents for Future“ aus. Der 68-jährige Gründer Tilman Voss sieht die Gruppe als Teil der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future. „Wir sehen unsere Hauptaufgabe darin, die Forderungen der jüngeren Generation zu unterstützen, so Tilman. Auf die Idee, aktiv zu werden, kam er bei einer Diskussion mit Freund:innen in einer Bar 2019, als die ersten Fridays-For-Future-Demos in Wien begannen. Ein Freund von ihm, der hauptberuflich Lehrer ist, meinte damals: „Meine Schüler sollen in die Schule gehen und nicht auf Demos!. Daraufhin solidarisierte sich der 68-Jährige mit den jungen Menschen, um ihnen zu zeigen, dass es richtig ist, wofür sie sich einsetzten. Mittlerweile bilden ein gutes Dutzend Mitglieder die „Grandparents for Future“ und setzen sich mit Demonstrationen und aktiven Dialogen mit der Politik für eine nachhaltigere Welt ein.

Einen ganz anderen Zugang zu aktivistischer Arbeit hat wiederum die 73-jährige, pensionierte Psychotherapeutin Renate F. Als Mitgründerin der ersten allgemeinen Frauenberatungsstelle in Wien sieht sie ihre damalige Arbeit als Psychotherapeutin für Frauen als feministisch. „Davor habe ich am AKH in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet. Dort sind mir immer wieder die Mütter aufgefallen, die zum einen immer schuld waren, aber mit denen auch keiner geredet hat, also wollte ich es tun.“ Dadurch ist dann „Frauen beraten Frauen“ entstanden. Dort können Frauen an freie Krankenkassaplätze gelangen und Beratung in allen Lebenssituationen suchen. Ihre eigene Praxis hat Renate F. mittlerweile geschlossen, doch die Organisation existiert noch immer. Heute wohnt sie gemeinsam mit ihrer Partnerin in einem Frauenwohnprojekt und engagiert sich für die Sichtbarkeit von queeren Menschen im Alter. Dafür hat sie mit einem Freund gemeinsam den „Regenbogentreff“ entworfen. Ein Pensionist:innenclub, der monatlich stattfindet und queere Senior:innen zum Diskurs mit verschiedenen Gästen einlädt.

 

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„Ich möchte nicht dasselbe Erleben, wie meine Eltern.“

Den großen Vorteil, im Alter aktivistisch zu sein, sieht Renate darin, dass sie nichts zu verlieren hat. „Uns kann nichts passieren. Wir können keinen Job verlieren. Wir können unseren Mund so weit aufmachen, wie wir wollen, sagt die Feministin.

„Unser Anliegen ist es, die Demokratie zu schützen. Für die Kinder und Enkelkinder, erklärt Susanne. Sie meint, selbst jene, die selber keine Kinder haben, seien motiviert für den Schutz der nächsten Generationen. „Die Welt hört nicht auf zu existieren, wenn ich sterbe.“ Auf die Folgefrage, ob sie es nicht auch für sich selber tue, antwortet sie bejahend. Sie möchte angstfrei in einer Demokratie leben, in der Menschen gerecht behandelt werden. Als Tochter einer jüdischen Familie ist sie mit dem ständig wiederholten Nie wieder!‘ aufgewachsen und hat aber mit der Zeit für sich realisiert, dass es sich dabei um eine Geschichtslüge handelt, denn es kann immer wieder kommen. Nun möchte sie dafür kämpfen, dass es wirklich ‚Nie wieder’ kommt. „Ich möchte nicht dasselbe erleben, wie meine Eltern. Also natürlich tue ich es auch für mich.“

 

„Ich bin zwar selber keine Oma, aber schwer gegen Rechts.

Sowohl Tilman als auch Susanne sehen den Diskurs mit der Politik als den stärksten Hebel im Aktivismus. Daher zielen all ihre Aktionen darauf ab, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Als eine der größten Herausforderungen nennt Tilman den Diskurs mit Leuten außerhalb ihrer politischen Blase, vor allem der Umgang mit Klimaleugnern sei besonders schwierig. Deswegen führen die Grandparents for Future in ihren Sitzungen manchmal kleine Rollenspiele auf, durch die sie einen gekonnteren Umgang mit Kritiker:innen üben. Denn genau diese Gegner:innen möchten sie erreichen, um einen Diskurs entstehen zu lassen. Demnächst planen die Grandparents Besuche in diversen Seniorencafés in Wien. Dort erhoffen sie sich, mehr Aufklärung schaffen zu können und eventuell neue Mitglieder zu erreichen. Den Omas gegen Rechts begegnet man abgesehen von der bereits genannten Mahnwache am Ballhausplatz auch alle zwei Wochen vor dem Parlament. Susanne erzählt, dass sie durch diese Aktionen die meisten Menschen erreichen und vor allem von jungen Menschen Zuspruch und Unterstützung bekommen. Oft kommen Jugendliche auf sie zu und fragen nach Buttons, um diese dann ihren eignen Omas geben zu können. Denn auch das alleinige tragen des Buttons wird von den Omas als Art des Aktivismus gesehen. „Man muss nicht unbedingt mit uns auf Demos gehen und dort unsere Sprüche rufen. Es gibt viele Ebenen der Mitgliedschaft bei den Omas gegen Rechts.“ Auch Renate gehört zu jenen Frauen, die sich im Hintergrund mit den Omas solidarisieren. „Ich bin zwar selber keine Oma, aber schwer gegen Rechts. Und auch wenn ich selbst nicht mehr auf die Barrikade möchte, habe ich eine von den Mützen gekauft.“ Dass sie keine Enkelkinder hat, bedauert sie jedoch nicht. „In einer Zeit wie jetzt – ich meine die Klimakleber nennen sich ja auch die letzte Generation. Das macht mich schon traurig. Sie findet, die Arbeit der Letzten Generation gehört mehr wertgeschätzt, und kritisiert die Wissenschaftsferne der Regierung sehr scharf. Bei den Klebeaktionen der Letzten Generation begegnen sich auch die anderen beiden Gruppen. Sowohl die Omas gegen Rechts als auch die Grandparents for Future stellen sich mit Bannern und Plakaten hinter die auf dem Boden befestigten Aktivist:innen und zeigen so ihre Unterstützung gegenüber den stark kritisierten Aktionen.

 

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©Tom Poe

 

„Gehts heim stricken!

„Gehts heim stricken!, ist laut Susanne zwar ein Spruch, den sie sich immer wieder anhören muss, aber sie fühlt sich inzwischen durchaus geachtet. „Wir sind schon eine akzeptierte, ernst genommene und wahrgenommene politische Größe.

Etwas schwieriger ist dies jedoch bei den Grandparents for Future, denn auch wenn der Zuspruch innerhalb der Blase immens ist, wird die Bewegung von außen eher belächelt und das vor allem aufgrund des nun immer präsenteren Narratives der „nervigen Klimaaktivist:innen. Klimaaktivismus wird nunmal oft mit einer Verbotskultur in Verbindung gebracht und die Menschen sind nicht immer begeistert von den Forderungen der Bewegung. Renate wiederum legt ihren Fokus genau darauf, nicht immer alles ernst zu nehmen. Ihre Erfahrung habe ihr gezeigt, dass es oft auch darum gehen muss, den Dingen ihre Schärfe zu nehmen. „Es gibt immer die Möglichkeit, etwas so lang zu betrachten und so lang zu verachten, bis man es nur noch zusätzlich stützt. Damit ist niemandem geholfen.“ Dabei sieht sie vor allem im Bereich der Klimakrise die Gefahr zu verzweifeln. „Als wir früher gegen die Atomkraft demonstriert haben, hatten wir einen konkreten Gegner. Wir wussten, dass wir eine Zukunft haben. Es ging nur darum, dass wir keine Atomkraft wollen.“ Im Vergleich dazu empfindet sie die momentanen Debatten als sehr breit und ungreifbar, man kann nicht einzelne Verantwortliche benennen. Darum gibt sie der jungen Generation mit: „Im Aktivismus darf man die Hoffnung nicht verlieren und vor allem nicht das Lachen.“ ●

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