"Ich muss nicht vor Corona in Deckung gehen."

01. Mai 2020

Der Friseurmeister Ismet Velagić kann es kaum erwarten, die Kundinnen persönlich in seinem Salon zu begrüßen. Der ehemalige Flüchtling sieht in der Corona-Krise eine Chance, erinnert sich an die Zeit als er in einem Getränkelager schlafen musste und verrät, welche Politikerin den besten Haarschnitt hat.


Von Amar Rajković (Text) und Zoe Opratko (Fotos)

 

biber: Sieben Wochen lang konntest du deinen KundInnen nicht die Haare schneiden. Wie hast du diese Zeit überbrückt?

Ismet Velagić: Ich habe jeden Tag überlegt, wie ich gestärkt aus der Krise herausgehen kann. Aber zu den strategischen Überlegungen kamen auch konkrete Aktionen hinzu: Ich habe die Farbe für ein paar Kundinnen gemischt und Sie ihnen dann vor die Haustür gelegt. Einerseits wollte ich waghalsige Selbstversuche der Kundinnen eindämmen und andererseits habe ich mich gefragt: „Was kann ich meinen Kunden liefern, wenn ich schon kein Essenslieferant bin?”

 

Wie viele Plexiglas-Gesichtsschilder hast du vorbestellt?

Für meine Mitarbeiter und mich insgesamt fünf Stück für je 9,50€ ohne Mwst (lacht). Die Zeit des Stillstands habe ich genutzt, um das Studio Corona-fit zu machen und überfällige Reparaturen durchzuführen. Und ich habe mir fest vorgenommen, die Corona-Krise nicht zu meiner Krise werden zu lassen. 

 

Ismet, Friseur, Corona
Zoe Opratko

 

Kannst du das näher ausführen?

Ich muss nicht vor Corona in Deckung gehen. Ich habe Ziele und die lassen sich trotz der Situation umsetzen. Wenn du dich als Opfer fühlst, bist du nicht mehr handlungsfähig. Du bist auf Hilfe angewiesen, wirst passiv, schiebst nur anderen die Schuld zu. Ich habe am ersten Tag des Lockdowns mein Sparbuch aufgelöst, meinen Monatsumsatz nicht zur Bank gebracht und habe meine Zeit sofort in mögliche Lösungen investiert. Es war auch mal schwer, aber zum größten Teil war die Zwangsauszeit ein Segen für mich. Als Selbständiger mache ich normalerweise nur zwei Wochen Urlaub im Jahr, jetzt hatte ich sieben Wochen mit meiner Frau und den Kindern.

 

Woher nimmst du diese positive Einstellung?

Ich bin mit 14 Jahren als Flüchtling zusammen mit meinen Eltern aus Bosnien nach Österreich gekommen. Ich war auf mich alleine gestellt. Niemand konnte mir helfen. Wir haben ein altes Gasthaus im 16. Bezirk übernommen und haben auch dort gewohnt. Ich kann mich erinnern, dass ich jeden Tag in diesem dunklen, stickigen Abstellraum aufgewacht bin, in dem wir Bierpaletten gelagert hatten. Meine Haare rochen nach Essen und Rauch. Das hat mich als Jugendlicher extrem hart getroffen und das wollte ich schnellstmöglich ändern.

 

Wie?

Ich wollte ursprünglich auf der Baustelle schnelles Geld verdienen. Mein Vater war von dieser Idee weniger begeistert und fragte mich in Verzweiflung: „Warum wirst du nicht zumindest Friseur?“ Jedenfalls klapperte ich am nächsten Tag fast jeden Friseursalon in Wien ab. Mein Deutsch war schlecht und ich wusste nicht, was eine Bewerbung ist. Ich bekam nur Absagen. Dann stand ich vor dem Friseursalon “Grecht” im Neunten Bezirk, eine der besten Adressen in der Branche. Dort stellte mir Herr Grecht sofort eine Lehre in Aussicht, die ich am nächsten Tag antrat. Ich lernte jeden Tag und praktizierte am Abend zu Hause im Gasthaus mit den Kunden, die auf ein Achtel-Rot für acht Schilling vorbeikamen. Sie mussten nicht zahlen, dafür hatte ich meine Versuchspersonen. (lacht)

 

Und nun hast du deinen eigenen Friseursalon mit vier Mitarbeiterinnen. 

Ich beschäftige meine Lehrlinge und biete ihnen eine Perspektive, indem ich ihnen die zukünftigen Kunden besorge. Das sind meistens Kinder, die auf ihre Eltern warten. Das Alter des Kindes bestimmt den Preis des Haarschnitts. So können unsere Lehrlinge beginnen, ihren Kundenstock aufzubauen.

 

Ismet, Friseur, Corona

 

Als Vater eines 2jährigen Sohnes frage ich mich, wie die Kinder stillhalten?

Wir haben im Spiegel integrierte Monitore in Augenhöhe, die man nur sieht, wenn sie eingeschaltet sind. Dort können sich die Kinder ihren Lieblings Zeichentrickfilm anschauen.

 

Bist du politisch interessiert?

Ja, ich habe sogar meine wiederbefüllbaren Shampooflaschen auf die Koalitionsfarben abgestimmt. Türkiser Inhalt, grüne Flasche, schwarzer Deckel. 

 

Wie beurteilst du die Frisuren der jetzigen Regierung?

PolitikerInnen glauben, wenig verändern zu müssen, um wiedererkannt zu werden. Etwas mehr Abwechslung würde nicht schaden.

 

Kannst du uns jemanden nennen, der in deinen Augen gut abschneidet?

Ich würde gerne den Friseur von Sigi Maurer (Klubobfrau der Grünen im Parlament) kennenlernen. Ihr Pixie-Stil hat es mir angetan. 

 

Und wessen Frisur würdest du am liebsten aufpimpen?

Keine, weil ich gerne Menschen von klein an mit meinen Frisuren begleite, so wie meine Lieblingsministerin in der Regierung. Ihr gebe ich auch Tipps in Sachen Integration. 

 

Ich könnte mir vorstellen, welche Ministerin du damit meinst, sagst du es uns auch?

Nein, das bleibt ein Geheimnis. 

 

ismet, Friseur, Coronas

 

Du bist ein dankbarer Interviewpartner, du sprichst viel. Ist das beim Haareschneiden genauso?

Meine Frau sagt, dass ich zu viel rede. (lacht) Während des Schneidens bin ich kaum still, 95% der Zeit rede ich und meine KundInnen hören mir zu. Desto mehr ich rede, desto besser werden die Haarschnitte. 

 

Wie geht es für dich in der Post-Corona-Zeit weiter?

Ich werde versuchen, weiterhin organisch zu wachsen und Lehrlinge auszubilden. Zu mir können sowohl diejenigen kommen, die ihren Beruf als Friseur verloren haben, als auch Salonbesitzer, die Verluste machen. Die Branche hat ein Nachwuchsproblem, Corona hat aber gezeigt, dass der Friseurberuf ein krisensicherer ist. 

 

Wer ist er?

Name: Ismet Velagić

Alter: 42

Erdbergstraße 32, 1030 Wien

www.salon-ismet.at

 

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