Jugönns mir doch!

17. Oktober 2019

Du kannst jeden Tag hackeln und nie in den Krankenstand gehen, die neue Heimat mehr als deine Mutter lieben und zum Wohlstand dieses Landes beitragen – trotzdem bleibst du immer „a Jugo“. Unserer Redakteurin Jelena Čolić geht der Neid der Österreicher auf den Geist, warum soll ihr Papa keinen Porsche fahren dürfen?

von Jelena Colic, Mitarbeit: Amar Rajkovic, Fotos: Marko Mestrovic


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Warum sollten man als Migrantin keinen Porsche fahren?

Was ist das für eine Putzfrau, die einen Porsche fährt?“, fragt ein österreichischer Fabrikarbeiter meine sichtlich irritierte Mutter. Sie steigt gerade aus dem Auto aus und trägt ein T-Shirt mit dem eigenen Firmenlogo. Sie und mein Vater sind die Chefs. „Nicht schon wieder“, denkt sie sich und verdreht ihre Augen. Dann antwortet sie im Vorarlberger Dialekt neckisch „Tja, da hast du wohl was falsch gemacht.“
Meine Eltern leben ihre Austro-Jugo Version des Gastarbeitertraums von der Putzkraft zum Porschefahrer. Sie sind keine Millionäre, haben nicht studiert und kommen aus bescheidenen Arbeiterfamilien. Anfang der 70er Jahre kamen laut der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung fast 80% der Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien. Sie übernahmen zum größten Teil Berufe, die kein Österreicher machen wollte. Zwei Generationen später hat sich viel verändert. Die Kinder und Enkelkinder der damaligen Gastarbeiter studieren und üben hochqualifzierte Berufe aus. Eines ist jedoch geblieben – der Neid der österreichischen Gastgeber. Meine Eltern schafften es mit viel harter Arbeit, Überstunden und trotz körperlicher Anstrengung, die Firma, in der sie angestellt waren, aufzukaufen. Auch heute noch müssen sie ab und zu neben der Büroarbeit den Putzlappen selbst in die Hand nehmen, wenn ein Engpass an Mitarbeitern besteht. Das Geschäft läuft gut, der Knochenjob scheint sich nach vielen Jahren endlich auszuzahlen. So gut, dass sie sich gewisse Luxusgüter leisten, die man nicht sofort mit Gastarbeitern assoziiert – einen Porsche zum Beispiel. Und das ruft eingesessene Vorarlberger auf den Plan. Oft beschweren sich meine Eltern über fehlende Anerkennung von Neukunden – in der Geschäftswelt, aber auch aus dem Bekanntenkreis. 

DU JUGO, DU NIX DEUTSCH
Wie das in der Praxis aussieht? Das Telefon in der Firma läutet. Meine Mutter hebt ab und stellt sich mit ihrem Nachnamen vor. Der Mann am anderen Ende der Leitung erklärt ihr im gebrochenen Deutsch, dass er gerne seine Fenster geputzt hätte. Meine Mutter ist verblüfft, sie ist geborene Vorarlbergerin. Doch „Putzfrma“ und das „-ić“ in ihrem Nachnamen, verleiten den Mann am Telefon automatisch dazu, meine Mutter wie einen Fußabtreter zu behandeln. „Die eigene Identität und die Gruppenidentität hängen stark zusammen. Ob diese Identität nun ein positives Selbstbild fördert, hängt auch mit dem Machtgefüge in einer Gesellschaft zsammen. Viele der einheimischen Österreicher sehen ihre Macht in einer Minderwertigkeit von Migranten bestätigt“, so Dr. Raimund Haindorfer vom Institut für Soziologie an der Uni Wien. Dies zeigt sich laut Haindorfer auch im Umgang von Österreichern ohne Migrationshintergrund mit dem Auto meiner Eltern. „In Österreich verdient man sich Dinge üblicherweise mit Leistung, so zumindest die Vorstellung. Beim Erfolg Ihrer Eltern werden andere dubiose Geschichten erfunden, um sich selbst auch einzureden, dass das Machtverhältnis in der Gesellschaft so bleibt wie es ist und auch sein sollte“, führt der Soziologe aus und plötzlich werden mir so einige Dinge klar. Warum man uns beispielsweise öfters Machenschaften im Mafabereich unterstellt hat. Kein Wunder, dass der Begriff „Mieselsucht“ ein rein österreichisches Phänomen ist. Meine Bedenken, dass ich zu streng mit der Mehrheitsgesellschaft umgehe, entfernen sich genauso schnell wie der Porsche meines Vaters vom Fiat des Ösi-Neiders.

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"Sind eure Eltern bei der Mafia?"


„SIND EURE ELTERN BEI DER MAFIA?“
„Meine Geschwister und ich hatten immer schon iPhones, teure Schulausrüstung und genug Taschengeld. Das war unseren Mitschülern immer ein Rätsel und sie haben uns gefragt, ob wir bei der Mafia sind“, erzählt mir Selma*. Die junge Bosnierin lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich in einem großen Haus inklusive Garten und Pool. Statt Nachbarschaftshilfe und Willkommensgeschenken gibt es kritische Blicke und Kommentare, wie es möglich sei, dass eine bosnische Flüchtlingsfamilie in eine spießige Vorstadtgegend ziehen können. „In der ersten Klasse im Gymnasium wurde ich gefragt, ob ich eine Finanzierungshilfe für die Sportwoche brauche, weil – ich bin ja Ausländerin“, erinnert sich die großgewachsene Mittzwanzigerin. Ohne genaue Daten zum Vermögen von Selmas Familie zu haben, drängt sie die Schule in das Eck der Geringverdiener. Auch wenn das bei vielen migrantischen Familien zutreffen mag, hat es Selma damals trotzdem gekränkt. Man geht automatisch von der einfachen Formel aus: Ausländer = kein Geld. Aktuell macht Selma ihren Bachelor in Slawistik fertig und überlegt sich, welchen Masterstudiengang sie dranhängen möchte. Die Studie des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) „Integration und Zusammenleben – Was denkt Österreich? “ von 2017 belegt, dass ein Viertel aller befragten Österreicher*innen glaubt, dass Personen mit ausländischer Herkunft – egal, wie lange sie in Österreich sind – nie völlig integriert sein können. Es liegt auf der Hand und die Daten aus dem statistischen Jahrbuch „Migration & Integration 2019“ des BMEIA untermauern die gläserne Decke, an der sich erfolgreiche Migranten den Kopf stoßen. Meine Eltern haben sich einen Porsche gekauft und sind stolz darauf. Deswegen macht es für sie keinen Sinn, warum das Auto zusammen mit ihrem Nachnamen Gegenstand einer Diskussion sein muss.

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Gönn dir, Mama!

Dejan ist mit zwölf Jahren von Serbien nach Österreich geflüchtet. In kürzester Zeit lernt er Deutsch, absolviert seine Lehre mit ausgezeichnetem Erfolg, maturiert an der HTL Maschinenbau und macht zahlreiche Fortbildungen. Aktuell lebt er in Vorarlberg in einem Vier-Generationen-Haushalt und hat sein eigenes Ingenieurbüro. „Es stört mich, wenn
Leute mich fragen, ob ich im Sommer nach Hause fahre. Ich bin hier zuhause“, klagt Dejan. Für ihn ist das subtile Ausländerfeindlichkeit und die Einheimischen entziehen ihm sein Heimatgefühl. „Für viele wirst du nie ein richtiger Einheimischer, wenn dein Name auf -ić endet“, so Dejan. Ähnliche Erfahrungen macht Dejan als Mitglied beim Service-Club. Bei der parteipolitisch und konfessionell neutralen Vereinigung kommen junge Männer zwischen18 und 40 zusammen. Es ist an die Tradition des englischen Clublebens angelehnt. Von den 800 Mitgliedern in Österreich ist Dejan der einzige „-ić“. „Ich merke, dass ich anders bin als die anderen und nicht ganz dazugehöre“, meint Dejan. Egal was er leistet, die Endung „ić“ bleibt oft ein Klotz am Bein des 41-jährigen Vaters. Auch ich bin ein „Jugo“ und weiß, wovon Dejan spricht. Geboren und aufgewachsen in Bregenz, acht Jahre lang die katholische Mädchenschule besucht und Matura gemacht – trotzdem entgleist meiner damaligen Deutschprofessorin das Gesicht, als meine Mama ihr bei einer zufälligen Begegnung erzählt, dass ich gerade mein Studium abgeschlossen habe. Sie ist noch skeptischer, als sie erfährt, dass ich sogar Deutsch studiert habe. Was muss ich denn noch tun, um ein „Gratuliere, das freut mich!“ zu hören? Wenn meine Eltern erzählen, dass mein Bruder und ich in Wien-Neubau und nicht in Favoriten oder Ottakring wohnen, werden die Augen von Petra und Hans auch groß. Die Ausländer unter sich mit Döner und Ćevape passen gut in ihr Weltbild. Aber zusammen mit den Ösibobos in den Innenbezirken wohnen? Das geht zu weit.


„WIR MÜSSEN IMMER EINEN TICKEN BESSER SEIN“
„Wir hatten als Kinder immer die bessere Kleidung, niemals etwas Geflicktes. Regelmäßige Frisörbesuche waren Pflicht“, so Ante*. Seine Eltern sind damals als Gastarbeiter aus Kroatien nach Österreich gekommen. Aktuell arbeitet er als Risiko-Manager bei einem großen Unternehmen und spricht neben Deutsch und Kroatisch auch Englisch und Französisch und hat auch Grundkenntnisse in Russisch. Ein wahrgewordener Integrationstraum. „Ich war ein Gsiberger wie jeder andere, bis ich meinen Namen gesagt habe. Danach wurde mir unaufgefordert bestätigt, dass man mir meinen Migrationshintergrund nicht anhört. Der ein oder andere hat sich aber trotzdem gewundert, warum ich nicht in der Produktion arbeite“, erklärt der Polyglott. „Ich glaube, unterbewusst hatten unsere Eltern immer das Gefühl, einen Ticken besser und ordentlicher sein zu müssen“, erklärt Ante. Soziologe Haindorfer dazu: „Migranten nehmen wahr, wie über sie gesprochen wird – in gesellschaftspolitischen Diskussionen, in den Medien oder auch wie über die eigene ethnische Herkunft im Wohnhaus.“ Das erklärt, warum Migranten das Gefühl verspüren, sich mehr anstrengen zu müssen, um als gleichwertiger Partner akzeptiert zu werden. „Es ist leider sehr traurig, aber Migranten, die den sozialen Aufstieg geschafft haben, werden trotzdem immer wieder an ihre Herkunft erinnert“, so Haindorfer. „Ich habe einmal bei einem Bauträger angerufen, weil ich mich für ein neues Bürogebäude interessiert habe. Nachdem ich meinen Namen gesagt habe, erklärte mir der Bauträger, dass die Bürogebäude für Dienstleister seien und keine Produktions- und Lagerflächen“, erinnert sich der Ingenieur Dejan. Das gleiche Schema. Dejan wird an seine Herkunft erinnert und die schreibt es ja vor, einen niedrigqualifzierten Job auszuüben. Was zurückbleibt ist das Gefühl, dass man trotz maximaler Bemühung nie zu einem gleichwertigen Mitglied der Gesellschaft aufsteigen kann.

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Bling-Bling-Louis Vuitton als Statussymbol für hart schuftende Jugos.


MACHT MACHT MACHT
Das Phänomen rund um die Schwierigkeit des sozialen Aufstiegs als Migrant belegt auch der OECD Bericht von 2018. Der „soziale Lift“ sei kaputt und wer nach 1975 geboren ist, hat schlechte Chancen, seinen sozialen Status zu verändern. Haindorfer veranschaulicht dieses Phänomen anhand einer klassischen Studie der Soziologie: „Etablierte und Außenseiter“ von Norbert Elias und John L. Scotson von 1965. In der Studie werden zwei Siedlungen bzw. Gruppen eines Dorfes miteinander verglichen, deren einziger Unterschied ist, dass die eine Gruppe (die Etablierten) bereits länger da ist, als die andere Gruppe (die Außenseiter). Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Mitglieder einer Gruppe, die einer anderen Gruppe machtmäßig überlegen sind – in der Studie sind das die Etablierten – von sich glauben, sie seien besser. Diese übertriebene Aufwertung der eigenen Gruppe geht mit einer übertriebenen Abwertung der anderen Gruppe einher. Ein Außenseiter reicht schon, um das gesamte Bild der Gruppe zu prägen. Ähnlich wie heute: Ein nicht gut integrierter Migrant steht stellvertretend für die gesamte Ethnie. Ebenso, dass Migranten selbst hinnehmen, Teil der weniger respektablen Gruppe zu sein und dadurch Mut und Motivation genommen wird, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Wie oft hören Töchter und Söhne von ihren Eltern, sie sollen doch lieber was Einfaches machen und nicht auf die Uni gehen. Als Migrant hat man gelernt zu „kuschen“ und möglichst nicht aufzufallen, da fällt ein akademischer Titel negativ ins Gewicht. In allen Geschichten werden die Migranten von autochthonen Österreichern abgewertet, weil diese eine Machtverschiebung vermeiden wollen. Obwohl die Studie von Elias und Scott aus dem Jahr 1965 stammt, sind ihre Ergebnisse heute noch genauso aktuell. Wir Migranten sind längst in Österreich angekommen und sehen unseren Migrationshintergrund nicht als Handicap. Wir wollen uns nicht für unseren Uniabschluss oder gute Jobs rechtfertigen müssen, aber gleichzeitig auch nicht bei Institutionen als Vorzeige-Ausländer à la „Schau, er/sie hat es trotzdem geschafft!“ herhalten. Wir gehören dazu wie jede*r andere. Wie das Amen zum Gebet oder der Porsche zu meinen Eltern.

 

Witz zur Geschichte
Tschusch als Nachbar
Wien Grinzing. Zieht ein Jugo-Arbeiter direkt neben die Villa eines renommierten österreichischen Arztes. Er möchte seinen Prominachbarn begrüßen und bringt ihm eine Flasche Wein vorbei. Jugo: „Bitteschön eine Flasche auf die Nachbarschaft, jetzt sind wir ja gleich.“ Arzt: „Na, bitte, schau dir mal an, was bei mir in der Garage steht, ein Aston Martin Oldtimer, und
bei dir?“. Jugo ist niedergeschlagen. Er nimmt einen Kredit auf und zieht mit dem Arzt gleich. Als er ihn darauf aufmerksam machen möchte, passiert das Gleiche, nur ist es dieses Mal der beheizte Indoorpool. Der Jugo nimmt das zähneknirschend hin und verschuldet sich weiter. Sichtlich stolz geht er zu seinem gut betuchten Nachbarn. Der Arzt lässt sich den Pool zeigen und nickt zufrieden. „Ja, jetzt sind wir tatsächlich gleich“, konstatiert er. Der Jugo schaut ihn an, seine Mundwinkel verformen sich zu einem breiten Grinsen: „Das würde ich nicht sagen, Herr Doktor. ICH hab einen Arzt als Nachbarn und SIE einen Tschuschen.

 


 

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