Lifestyle mit Hintergrund

14. Dezember 2023

Ob Hijabi-Style, koschere Perücken oder ein Laufsteg in Favoriten zur EU-Wahl. Ein Rückblick von Delna Antia-Tatić auf Lifestyle bei Biber und wie Bilder für Empowerment sorgen.

 

Von Delna Antia-Tatić

 

Manchmal gibt es eine Geschichte abseits der Hauptgeschichte. Bei biber kam das öfter vor. Meine liebste Nebengeschichte handelt von Klopapier. Ich will sie erzählen, jetzt, wo biber das letzte Mal Geschichten schreibt. Es war das Jahr 2014, eine EU-Wahl stand an und biber hatte sich in den Kopf gesetzt, junge Menschen zur Wahl zu mobilisieren. Und weil wir uns Brüssel damals so „männlich, sakkograu und über 50“ vorstellten, dachten wir uns eine Fashionshow aus: „Get dressed for Europe!“ Wir ließen acht junge Modedesigner aus ganz Europa einfliegen, von Helsinki bis Ljubljana. Wir baten sie eine extra Europa-Kollektion zu entwerfen und buchten Models, die die Kreationen auf einem Laufsteg in Favoriten präsentierten. Wir luden ganz Wien zur After-Party in die kultige Ankerbrotfabrik und der ORF berichtete in der ZiB-Nacht. Es war ein toller Erfolg. Auf der Bühne – und ja: Behind the Scenes. Denn eine Party brilliert oder scheitert an einem Ort, so hatte uns der Technikmeister damals eingebläut: dem Klo. Schön herausgeputzt vorne, bestens abgeputzt hinten – so das Eventgeheimnis. Engagierte Migrant:innen wie wir sind, wollten wir als Gastgeber natürlich keinesfalls einen schlechten Eindruck hinterlassen und tischten üppig auf. So hat Mama uns das schließlich beigebracht, wenn Gäste kommen – noch dazu aus der ganzen Welt. Biber bestellte Klopapier und Papierhandtücher und zwar in solchen Mengen, dass selbst ein akuter Noro-Virus uns nicht in Bedrängnis gebracht hätte. Wir alle erinnern uns zu gern an die Paletten-Türme voller Papierrollen, die sich in der Halle stapelten. Und wie wir am Morgen danach mit drei vollbepackten PKWs, beladen mit Klopapierrollen von Kofferraum bis unters Dach, in die Redaktion fuhren. Dort zehrten wir noch lange davon, Jahre um genau zu sein. Auf dem Klo und in der Erinnerung.

 Es waren tolle Jahre bei biber, wir haben die Welt bewegt. Damals war ich stv. Chefredakteurin und für das Lifestyle-Ressort verantwortlich. Ich habe dieses Ressort von der ersten Minute an geliebt. Als Philosophiestudentin und Quereinsteigerin aus der Organisationsberatung kommend, lag das Thema zwar nicht in meinem offiziellen Kompetenzbereich. Aber biber ist wohl der letzte Ort, wo ein Zeugnis verlangt wird, nur um irgendetwas leiten zu dürfen. Wenn ich in diesen Tagen durch die Lifestyle-Zeiten blättere, fallen mir solche Projekte wie die EU-Fashionshow ein. Denn auch Lifestyle besaß bei biber, oft einen „Hintergrund.

 

„Hijabi Style“ – Geht das? Darf das? Biber darf! – sagten wir schon 2012.
„Hijabi Style“ – Geht das? Darf das? Biber darf! – sagten wir schon 2012.

„Für andere Magazine wären die Bilder zu egdy

Prominentes Beispiel war die September Ausgabe 2012: „Hijabi Style: High Heels, Slim-Jeans & Kopftuch“ hieß jene Fashionstrecke, die ein Tabu brach. Kopftuch und Fashion – geht das? Und vor allem, darf das? Dazu muss man sagen, dass diese Strecke vor jener Zeit erschien, als große Modehäuser wie Dolce & Gabbana begannen, eigene Hijab-Kollektionen für den arabischen Markt zu entwerfen. Inzwischen sind muslimische Models, die Kopftuch tragen und etwa für Sport-Kampagnen wie Nike modeln, sichtbar(er). Damals, 2012, war das neu und provozierte – innerhalb und außerhalb der Community. Fotografiert hat die Strecke Marko Mestrović. Es war sein erstes Cover für biber. Heute erinnert sich Marko: „Biber war das erste Magazin in Österreich, das eine Frau mit Kopftuch auf sein Fashion-Cover setze. Das gab es vorher so nicht.“ Vor allem nicht selbstbestimmt. Doch so bahnbrechend uns die Strecke damals erschien, heute, 10 Jahre später, könnten wir sie so nicht mehr fotografieren. Da sind Marko und ich uns einig. Denn das Model war nicht muslimisch. Die Stylistin allerdings war es: Melek Birkent, eine muslimische Fashion-Bloggerin und Lehrerin aus Wien. Im biber-Interview erzählte sie: Das Kopftuch kann „Mode“ sein. Heute würde dieses Statement aus der Zeit gefallen wirken.

Marko und ich hängen am Handy wie in alten Zeiten und schwelgen in Retrospektiven. Und ich frage den langjährigen Fotochef, welche Bilder für ihn in seinen sieben Jahren wichtig waren. Das „Burkini-Cover habe ihn 2014 in der österreichischen Fotografen-Branche auf den Radar gesetzt. Und das „Danke Putin-Cover schließlich internationalen Ruhm beschert. Jenes Cover, das drei ukrainische Kriegsverletzte mit Beinprothesen in Österreich zu Zeiten der ersten Krim-Krise zeigt. Dieses Bild machte ihn 2015 zum Superstar auf Instagram. „Damals war Insta noch ganz frisch und die Community klein. Es gab diesen #weekly-Hashtag, mein Foto wurde markiert und über Nacht gewann ich 35.000 Follower auf einmal dazu.“ Seine heutige Social-Media-Reichweite habe er diesem Cover zu verdanken, sagt Marko mir am Telefon, der mittlerweile in der Fotografen-Champions-League mitspielt, eine Agentur in Berlin hat und für internationale Kampagnen gebucht wird. Daran sieht man, dass biber nicht nur für Schreiberlinge ein Sprungbrett sein konnte. Die Freiheit, sich ausprobieren zu können, bot das Magazin stets auch auf Bildebene. „Biber hat eine völlig andere Herangehensweise an Cover und war offen für Provokatives, erzählt Marko. „Bei anderen Magazinen hätte ich manche Bilder gar nicht erst geschossen, weil ich wusste, es wäre ihnen zu edgy.

 

Fremde Haare und Tabubruch: 2013 portraitierten wir Jüdinnen mit ihren Perücken – großartig fotografiert vom damaligen Fotochef Marko Mestrović.
Fremde Haare und Tabubruch: 2013 portraitierten wir Jüdinnen mit ihren Perücken – großartig fotografiert vom damaligen Fotochef Marko Mestrović.

 

Hijabi-Style und Sexyness mit Augenzwinkern

Das biber „edgy“ sein will, macht die erste Ausgabe am Cover klar. Der Community-Journalismus „mit scharf“ findet in Bild und Wort statt. Ivana Cucujkić hat das federführend geprägt. Gerade in der ersten Zeit, wo das Magazin vor allem die Balkan-Community anspricht, verstand sie es, „Sexyness mit Augenzwinkern“ so zu verbinden, dass das Klischee der Jugo-Migrantin von innen heraus sowohl konterkariert wurde, als auch eine Selbstbehauptung erfuhr. Die Fotoebene wird in vielen Medien stiefmütterlich behandelt, bei biber besitzt sie stets Priorität. Die Gleichwertigkeit von Text und Foto spiegelt sich auch in einer meiner liebsten Lifestyle-Reportagen wider. „Meine fremden Haare“ war eine Geschichte über streng-orthodoxe Jüdinnen und ihre Perücken. Ich hatte im Frühsommer 2013 eine der beiden Protagonistinnen in der Umkleide eines Fitnessstudios kennengelernt. Die junge Frau erzählte mir damals beim Föhnen, warum Jüdinnen ihre sogenannten „Scheitel“ tragen und welche Arten es gibt. So entstand die Geschichte. Marko fotografierte eine der Frauen dafür im Studio. Die Cover-Strecke sorgte für viel Aufsehen: „Kosher-Style: Meine fremden Haare.“ Noch heute denke ich mit Stolz an diese Gemeinschaftsarbeit zurück.

Ungesunder Lifestyle? Dass der auch „grün“ sein kann, zeigte die Geschichte „Grüner Druck – Shaming und Blaming im Land der Guten“ schon vor zwei Jahren - Biber wie immer seiner Zeit voraus. Und Fotochefin Zoe Opratko hat sich bei ihrer Illustrationskunst
Ungesunder Lifestyle? Dass der auch „grün“ sein kann, zeigte die Geschichte „Grüner Druck – Shaming und Blaming im Land der Guten“ schon vor zwei Jahren - Biber wie immer seiner Zeit voraus. Und Fotochefin Zoe Opratko hat sich bei ihrer Illustrationskunst

Auf der Bildebene vermag kaum ein österreichisches Magazin biber das Wasser zu reichen. Das sehe ich damals wie heute so. Was nicht bedeutet, dass die Bilder nicht kontrovers waren. „Mit scharf“ war Voraussetzung – aber was genau heißt das? Darüber war sich auch die Redaktion längst nicht immer einig. Im Gegenteil. Es gab Generationsbrüche. Vieles würden wir sicher heute so nicht mehr shooten. Mit Zoe Opratko kam ein neuer Stil ins Heft. Die Bildchefin setzt seit vier Jahren verstärkt auf Illustrationen und Collagen. „Damit wollte ich mehr Diversität in die Bildsprache bringen, erzählt sie mir. „Und mich freut es, dass es aufgegangen ist. Denn anfangs war die Redaktion durchaus skeptisch: Kann eine Illustration genauso „scharf“ sein wie ein Foto?“ Sie kann. Das wissen wir inzwischen. Zoe erzählt auch, wie wichtig ihr die Selbstbestimmung der Autorinnen und Protagonistinnen in ihrer Fotoarbeit ist. „Gerade bei der Empowerment-Reihe! Ich habe oft 20 Minuten mit den Autorinnen telefoniert. Immerhin ging es um ihre persönliche Geschichte und da war es mir wichtig, zuzuhören und zu verstehen, wie sie sich die Bebilderung ihrer Story vorstellen.“ Im Empowerment-Special erzählen junge Frauen seit drei Jahren regelmäßig, wie sie in ihrem Leben für Selbstbestimmung gekämpft haben. „Manche haben mir dann gesagt: Jetzt fühle ich mich doppelt selbstbestimmt.“ Wenn Migrant:innen ihr Bild in der Gesellschaft selbst bestimmen, gerade die Frauen, gehen Text und Bild Hand in Hand.

So divers und kontrovers die Lifestyle-Seiten der biber-Jahre waren, eins war bei jeder Fotostrecke konstant – und zwar egal für welches Ressort. Der volle Körpereinsatz der gesamten Redaktion. Weil biber nie Geld hatte, um Models zu buchen, gehörte es zur ersten biber-Journalist*innen-Pflicht stets und überall als Model herzuhalten. Ob mit Gesicht und Haaren, ob nur Bauch oder Hände, ob von hinten oder von oben, ganz oder halb, es gab immer Bedarf. Und ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen Schwestern, Müttern, Vätern und anderen Verwandten, als auch bei allen Freunden, Ex-Freundinnen und Entfernt-Bekannten für ihren Körpereinsatz. Und eine kurze Nebengeschichte zum Schluss: Bei einem der letzten Shootings von Zoe stellten zwei Models fest: „Hey, sind wir nicht verwandt?“ So ist biber. Und so schön war es. ●

 

Zur Autorin: Delna Antia-Tatić war Chefredakteurin bei biber und schreibt jetzt für die Süddeutsche Zeitung.

 

Foto: Niko Havranek
Foto: Niko Havranek

 

 

EMPOWERMENT ZUM HÖREN:

„Darfst du ein Tampon benützen?“ – „Sex vor der Ehe haben?“ – „Einen katholischen Österreicher heiraten?, „vor der Ehe von Daheim ausziehen?“

Delna Antia-Tatić hat im biber Empowerment – Podcast „Du bestimmst. Punkt.“ regelmäßig mit jungen Frauen aus den migrantischen Communitys über Selbstbestimmung gesprochen. Als Rolemodels in der Mission Empowerment schilderten die Frauen ungewohnt intim, wie sie ihre „Revolution“ gewagt haben und welche Kämpfe sie für die Freiheit als Frau durchstehen mussten. Der Podcast wurde in Kooperation mit dem Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) realisiert und von OH WOW produziert.

Der Podcast stürmte sofort die österreichischen Podcast-Charts, schaffte es unter die Top 30 und sorgte für breite Medienresonanz. Für den Podcast bekam Delna Antia-Tatić 2022 den Leopold-Ungar-Anerkennungspreis und eine Nominierung für die Silberne Medienlöwin: So einen Podcast gab es nur einmal in Österreich.

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