Vom Tabubruch zum Buch

14. Dezember 2023

Nicht über die Communitys zu sprechen, sondern mit ihnen – das war immer das Credo von biber. Was es bedeutet, wenn die Storys über das Persönliche hinausgehen und warum das fehlen wird.

 

Von Nada Chekh, Fotos: Marko Mestrović und Zoe Opratko

 

Foto: Marko Mestrović
Foto: Marko Mestrović

 

Es gibt heutzutage herzlich wenig Menschen, die voller Stolz von sich behaupten können, dass sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren. Bei biber kamen Menschen aus den unterschiedlichsten Communitys zusammen, die alle dieses unglaubliche Privileg teilen, Journalismus zu machen, der sie selbst betrifft und sie antreibt. Es galt die unausgesprochene Devise: Wir sind biber und biber ist Wir. Wir arbeiten nicht nur für das Magazin, sondern leben es – schließlich sind wir gleichzeitig die Zielgruppe. Und so, wie wir das Magazin lebten, ernährten wir es auch mit den Geschichten aus unseren Elternhäusern und unserer Kindheit. Womöglich gab es für jeden einzelnen biber-Journalisten diese eine Story, die einen inneren Fluch brach – oder endlich ein Problem sezierte, das innerlich lange und schwer herumgetragen worden war. Für mich ist diese eine Geschichte „Meine Tochter, meine Perle, in der es um muslimische Mütter als Vorarbeiterinnen des Patriarchats ging, und wie ein toxisches Klima der Überwachung vor allem zum Leidwesen der Töchter in der arabisch-muslimischen Community herrscht. Die Geschichte entstand angetrieben durch meine persönliche Erfahrung und Erziehung in der Community und wurde letztlich ausgelöst durch ein türkisches Cousinenpaar, das mir nach einem Workshop in einer Mittelschule in Wien-Meidling nicht mehr aus dem Kopf ging. Die Art und Weise, wie eine der Cousinen die andere auf Schritt und Tritt begleitete und kontroverse Dinge sagte, wie „Frauen müssen ein Kopftuch tragen, weil sie wie kostbare Perlen sind, die man vor den Blicken der Männer schützen muss, erinnerten mich stark an die jungen Mädchen, mit denen ich aufgewachsen war und vor denen kein Geheimnis sicher gewesen war.

Je nach Sprache und Kulturkreis variiert dieses Bild der Frau als Perle – mal sind sie Blumen, mal sind sie Edelsteine oder Schmuck. Aber niemals sind sie (erwachsene) Menschen, die auf sich selbst aufpassen können. Die Vorstellung einer „Familienehre, die auf den Schultern der Töchter lastet, prägt viele junge Frauen aus konservativen Communitys – seien sie muslimisch oder nicht. Ich veröffentlichte diese Story im Juni 2019 – und gewann dafür den JournalistInnenpreis Integration in der Kategorie Print des Österreichischen Integrationsfonds.

 

 

 

Nadas Buch "Eine Blume ohne Wurzeln" ist im Oktober erschienen.
Nadas Buch "Eine Blume ohne Wurzeln" ist im Oktober erschienen.

 

Themen aus der Mitte des Gesellschaft – nicht vom Rand

Tabus zu brechen erfordert dabei viel innere Kraft und sprachliches Geschick – vor allem bei jenen Storys, die weit über das Persönliche gehen und einen verletzbar für die eigene Community machen. Denn fehlende (Selbst-)Kritik ist erst der Grund, weshalb sich so viele althergebrachten, sexistischen Bilder in migrantischen Communitys so hartnäckig halten. All die rigiden Wertvorstellungen und Mythen über Geschlechterrollen, der Kult um Jungfräulichkeit bis zur Ehe oder die Mechanismen zur (sexuellen) Überwachung von Frauen, oder ein kritischer Zugang zu extremeren Verschleierungsformen wie Burka und Niqab, lassen sich in der arabisch-muslimischen Community kaum ohne Gegenwind kritisch aufarbeiten. Doch wer sollte diese Tabus sonst endlich brechen, wenn nicht Menschen aus der Community selbst? Biber war nicht nur ein Medium, sondern auch eine Plattform, bei der man Zuflucht und Verständnis für die eigene Situation finden konnte: Das, was die „neuen“ Österreicher:innen bewegt, sind jedoch keine Themen vom „Rand der Gesellschaft, wie manche Menschen wohl über unsere Zielgruppe denken würden – im Gegenteil: Es sind die Themen, die eigentlich direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen, aber sonst kein Gehör und allem voran keine sensible Aufarbeitung in den Medien finden würden. Noch immer ist die Vielfalt der österreichischen Gesellschaft längst nicht in der Medienbranche repräsentiert. Biber hatte einen sozialen Auftrag, den Journalismus in Österreich von innen heraus zu unterwandern, um gegen diese lähmende Homogenität in den Redaktionen anzukämpfen.

 

Geschichten „von Zuhause

In meinem Fall waren Storys wie „Meine Tochter, meine Perle“ ein wahrer Katalysator für die Karriere. Die Themen, die mich in meiner über sechsjährigen Laufbahn bei biber immer wieder beschäftigten – Islam, Feminismus, weibliche Selbstbestimmung und das Recht auf eine Privatsphäre – landeten kürzlich sogar in meinem ersten Buch mit dem Titel „Eine Blume ohne Wurzeln. Ohne biber wäre weder dieses Projekt jemals zustande gekommen, noch dieser wichtige Raum für Debatten überhaupt offen gestanden – denn nur biber gab mir die einzigartige Möglichkeit, diese Themen, die ich, wie viele andere junge Menschen mit Migrationsgeschichte sozusagen „von Zuhause“ kennen, journalistisch zu erforschen. Ganz wesentlich war dabei auch das Gefühl, das eigene Narrativ unter Kontrolle zu haben. Oft wurde intern bis kurz vor Redaktionsschluss über gewisse Formulierungen debattiert, oder last-minute eine Geschichte (oder Teile davon) anonymisiert, um die Protagonisten zu schützen – denn wir hatten nicht nur journalistisches Know-How, sondern auch die nötige Sensibilität, um besondere Umstände und Bedürfnisse bei Community-Themen zu berücksichtigen. Meine Kollegin Aleksandra Tulej beschrieb in ihrem Text auf Seite 16 schon den besonderen Zugang und das Vertrauen in die biber-Redaktion, das uns die Leserschaft entgegenbrachte. In migrantischen Communitys ist das Vertrauen in den Journalismus oftmals ohnehin ein wenig geknickt: Sei es nun dadurch, dass es in vielen Heimatländern keine besonders ausgeprägte Presse- und Meinungsfreiheit gibt, oder durch die einseitige und kulturell unsensible Berichterstattung hierzulande.

 

 

 

 

 

Ausgerüstet für die Medienbranche

Das Ende von biber bedeutet für mich: Das Ende eines Lebensabschnittes. Ich habe praktisch meine gesamten 20er in dieser Redaktion im Herzen von Wien verbracht und viele nervenaufreibende, schöne, fordernde und versöhnliche Momente mit meiner lieben Kollegschaft durchlebt. Noch dazu habe ich meine Berufung zum Beruf gemacht und alles an nötigem Handwerk niederschwellig und direkt am Job gelernt. Und das Wichtigste war, dass auch einmal eine Story nicht aufgehen konnte, und aus den Fehlern wurde etwas für das Leben gelernt. Für mich ist es nun an der Zeit, das biber-Nest zu verlassen und auf die Suche nach neuen Herausforderungen zu gehen, in einem der umkämpftesten und dynamischsten Berufsfeldern überhaupt. Doch ich bin guter Dinge, denn biber gab mir das notwendige Wissen und Selbstbewusstsein für diesen wichtigen, nächsten Schritt. Und ich sehe dies als unglaubliches Privileg, das leider den kommenden Generationen nicht mehr zuteil wird. Ich frage mich, wie viele potenzielle Herzensgeschichten nun im Sand der Zeit verfließen werden, ohne jemals eine Leserschaft zu erreichen, um Flüche zu brechen. Diese Flüche existieren nicht nur in Form von Tabus in den verschiedenen Communitys, sondern vor allem in uns selbst. Sie ernähren sich von der Angst und Verunsicherung, und vom Unbehagen. Im Laufe meiner Zeit bei biber habe ich schon vielen Menschen geholfen, ihre persönlichen Flüche zu brechen: Durch sorgfältiges Redigieren von Texten, etwa der Gastautorinnen aus unserer Empowerment-Reihe, oder in Form von Interviews mit Betroffenen unterschiedlichsten Problemen. So sprach ich mit einer kurdischen Bauchtänzerin über das Tabu Tanzen in der Community und die Ächtung, die sie traf, oder interviewte die Afghanin Nadia Ghulam, die sich zehn Jahre lang als ihren verstorbenen Bruder ausgab und so nicht nur unter, sondern mit den Taliban lebte. Für ein Fotoshooting nachts am Gürtel mit migrantischen Sexworkern, oder eine 40km lange Fahrradtour kreuz und quer durch Wien, oder die Häme von meiner Familie dafür, dass ich einst mit einem Kondom auf dem biber-Cover abgelichtet war, war ich mir niemals zu schade. Ich werde definitiv diese abenteuerlichen Arbeitstage vermissen und das Magazin und meine Kollegschaft in Ehren halten.

 

Danke für alles!

 

 

 

Für manche Geschichten wurde es auch sportlich: 40 km quer durch Wien radeln? kein Problem! Foto: Eugenie Sophie
Für manche Geschichten wurde es auch sportlich: 40 km quer durch Wien radeln? kein Problem! Foto: Eugenie Sophie

 

Zur Autorin: Nada Chekh begann 2017 als Nada El-Azar in der biber-Akademie. Zuletzt war sie Kultur-Ressortleiterin und Akademieleiterin bei biber.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmelden & Mitreden

6 + 4 =
Bitte löse die Rechnung