Wien 1929: Wie ein junger Afroamerikaner als Wissenschaftler durchstartete, während der Antisemitismus grassierte.

05. Dezember 2022

Freiheit ist nicht das erste Wort, das einem in den Sinn kommt, wenn man sich an Wien im Jahr 1929 erinnert. Aber für einen jungen afroamerikanischen Wissenschaftler ist es genau das, was er gefunden hat. Das ist die Geschichte von Percy Julian.

von Janima Nam

Als Percy Lavon Julian im Jahr 1929 aus den USA nach Wien kam, wusste er nicht so recht, was er unter dem Punkt „Volkszugehörigkeit“ auf dem Anmeldeformular der Universität Wien ausfüllen sollte. Andere einheimische Studenten hatten "Deutsch", "Österreichisch", "Jüdisch" und einige sogar "Arier" ausgefüllt. Er wollte in der österreichischen Hauptstadt in organischer Chemie promovieren. Letztlich stand unter diesem Punkt auf seinem Anmeldeformular: Das N-Wort. Nicht unwahrscheinlich ist es, dass diese Zuordnung erst im Nachhinein vorgenommen wurde.

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Porträt von Percy Lavon Julian ©Courtesy of Science History Institute

Zu dieser Zeit war die Stadt Wien vieles: die Hauptstadt einer neu gegründeten Republik, ein kultureller und intellektueller Hotspot, der sich dem Ende seines Glanzes näherte, eine instabile Stadt der Zwischenkriegszeit im Wandel – und einer von vielen Brutstätten für eine Zeit der Vorurteile, die zu einer der schlimmste Völkermorde in der westlichen Geschichte führten. Und, weniger bekannt, war Wien von 1929 – wie auch Europa insgesamt – eine Art Zufluchtsort für viele US-Amerikaner. Denn in den Staaten war die institutionalisierten Diskriminierung, die sich gleich über mehrere Generationen von AfroamerikanerInnen richtete, vergleichsweise sehr stark.

Europa als Zufluchtsort

In den 1920er und 30er Jahren kamen einige hochkarätigere historische Figuren nach Europa, um Freiheit und Status zu erlangen. Die Tänzerin Josephine Baker feierte großen Erfolg in Europa und nahm sogar an der französischen Résistance während des Zweiten Weltkriegs teil. Der Leichtathlet Jesse Owens gewann Medaillen bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin, obwohl einige jüdische Mitglieder seiner Mannschaft daran gehindert wurden, an Wettkämpfen teilzunehmen. Nicht nur Künstlerinnen wie Baker, sondern auch afroamerikanische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg kämpften, entschieden sich dafür, in Europa zu bleiben, nachdem sie dort eher Toleranz erfahren hatten, als in den segregierten Staaten.

Stipendien waren in jener Zeit auch ein Ticket aus einem akademischen Umfeld, in dem afroamerikanische Studierende weitgehend getrennt an Schulen und Universitäten unterrichtet wurden. Bevor Percy Julian im Alter von 30 Jahren nach Wien kam, hatte er bereits zu Hause viele kulturelle und gesellschaftliche Barrieren überwunden: Geboren in Montgomery, Alabama, der Hauptstadt der Bürgerrechtsbewegung in den USA, wo Schwarze nur bis zur achten Klasse zur Schule gehen durften, fand Julian einen Weg als die erste Person in seiner Familie, die die High School und das College absolvierte. Er war auch der erste Schwarze Student, der seine Universität (DePauw University) besuchte und seinen Abschluss als Jahrgangsbester machte. Julian absolvierte zwei Master-Abschlüsse, bevor er sich benahe einen Platz an der Harvard University sicherte, um seine Doktorarbeit abzuschließen, bis diese renommierte Universität entschied, dass ein Schwarzer Student keine solche Gelegenheit erhalten konnte.

Keine Segregation, da es kaum Schwarze in der Gesellschaft gab.

Beharrlich und ehrgeizig, durch ein Rockefeller-Stipendium, ging Julian nach Wien, wo die Frage der Bürgerrechte in den USA noch relativ unbekannt und weit entfernt war. In der Wiener Gesellschaft war Julian ein Novum. Für viele war er die erste Schwarze Person, die sie jemals gesehen hatten, sowie charmant, gutaussehend, einnehmend und brillant, so dass er schnell Freunde und Kollegen fand. Am wichtigsten ist, dass er zum ersten Mal in seinem Leben in dieser neuen Umgebung existieren und sich frei bewegen durfte – eine institutionalisierte Trennung zwischen Weißen und Schwarzen gab es in einer Gesellschaft wie jener in Wien, in der es praktisch keine Schwarzen gab, nämlich nicht. Julian durfte sich entfalten und in vollem Umfang sein volles Potenzial entfalten.

Aber während Julian zum ersten Mal in seinem Leben in der Welt der wissenschaftlichen Hochschulen in Wien die "Freiheit" der Möglichkeiten erlebte, waren die Jahre, die er dort verbrachte – 1929 bis 1931 – ironischerweise auch eine Zeit, in der der Antisemitismus in Wien an Bedeutung gewann – besonders an der Universität, an der Geheimorganisationen bereits jüdische Professoren aussortierten. Jüdische Studenten wurden bei Ausschreitungen, die von nationalsozialistischen Studentengruppen angezettelt wurden, offen angegriffen und geschlagen.

Es gibt keinen Bericht darüber, wie Julian solche Entwicklungen damals gesehen oder gehandhabt hat. Aber nach Abschluss seines Studiums und kurz bevor er in die USA zurückkehrte – wo er zu einem Pionier auf seinem Gebiet wurde – hielt er im österreichischen Radio eine Rede mit dem Titel "Europa kennt die Neger nicht", in der er die Österreicher über den allgemeinen Status der Schwarzen in den USA informierte. Ob der Zeitpunkt dieser Rede durch das prekäre politische Klima zu dieser Zeit motiviert war, ist nicht klar, aber die Geste war eine Warnung, die auf die dunklen Gewässer der Zeit hinwies.

 

Gefördert in Rahmen des Stipendiums Forschung & Journalismus des Österreichischen Akademie des Wissenschaften

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