Wir fahren nicht mehr runter.

20. Oktober 2022

 

Stille statt lachender Kinder und Grabkerzen statt Pralinen. Warum immer mehr Migra-Kids nicht mehr die Heimat ihrer Eltern besuchen wollen.

 

Von: Maria Lovrić-Anušić, Fotos: Zoe Opratko

 

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

 

 

Eine Stunde vergeht und kein einziges Auto fährt die Straße in meinem kleinen Heimatdorf in Bosnien entlang. Ich sitze gemeinsam mit meinem Vater auf der Terrasse des alten Hauses meines Großvaters. Die Holzwände der Veranda, die mit bunten Lichterketten verziert sind, knarren wie verrückt und am Betonboden sammelt sich bereits Moos. Wir beobachten die Straße, doch das Einzige, was uns auffällt, ist die Stille. Keine Kinder, die lachend den Hügel runter laufen oder Teenies, die ohne Führerschein mit dem alten VW ihres Großvaters ins nächste Kafić (dt.: Kaffeehaus) fahren. Nicht einmal der Wassermelonenverkäufer, der normalerweise zur Mittagszeit mit seinem LKW durchs Dorf fährt, ist mehr da. Es ist nichts mehr so wie früher.

Soweit ich zurückdenken kann, verbrachte meine Familie sowohl den Sommer als auch den Winterurlaub in Kroatien und Bosnien. Meine Eltern haben sich ein Haus in einem kleinen Dorf in Kroatien bauen lassen. Jedes Jahr packten wir unser ganzes Hab und Gut in den kleinen roten Alpha Romeo und machten uns auf die Reise. Der Kofferraum war vollbepackt und auf der Rückbank saßen zwischen den ganzen Tüten und Kisten meine Geschwister und ich. Aus dem Radio dröhnten auf voller Lautstärke Volkslieder der „Braća Begić“, die ich als Kind absolut nicht ausstehen konnte, weil ich deren Gesang altmodisch fand. Wenn ich Glück hatte, hielt mein Vater an einem kleinen CD-Shop an der slowenisch-kroatischen Grenze an und holte eine Mix-CD mit Liedern von verschiedenen Jugo-Sängern wie Mile Kitić oder Boban Rajović, von denen ich damals alle Lieder auswendig konnte. Ich erinnere mich an das mulmige Gefühl im Magen, wenn mein Vater die kurvenreichen Straßen entlangraste. Nichtsdestotrotz war ich voller Vorfreude, denn ich wusste, was mich erwartete. Die Nachbarskinder, mit denen ich bis spät in die Nacht spielte, die Pekara (dt.: Bäckerei), in der mein Vater mit mir um Mitternacht noch heiße Sirnica und Burek für alle holte, und die Gespräche an dem alten weißen Plastik-Gartentisch auf unserer Terrasse.

„Was soll ich da?“– mit diesen Worten entschied sich mein Bruder, nicht mehr mitzufahren, als ich ihn darauf ansprach. Ein paar Jahre darauf blieb dann auch meine Schwester in Wien zurück. Sie möchten lieber in Österreich bei ihren Freunden bleiben und ihren Urlaub nicht mit der Familie verbringen, erklärten mir meine Eltern, als ich sie etwas bedröppelt im Auto danach fragte. Mittlerweile bin auch ich immer seltener dabei, obwohl ich mir als Kind geschworen hatte, immer mitzukommen. Ganz übers Herz bringe ich es aber nicht, meinen Vater immer alleine fahren zu lassen. Ich versuche, mir im Sommer immer ein paar Tage frei zu nehmen. Doch es fühlt sich nicht mehr an wie früher. Das Auto ist nicht mehr vollgeladen und Musik läuft auch nur noch selten während der Fahrt. Wenn wir an unserem Haus ankommen, fühlt es sich an, als wären alle Farben verblichen. Alles ist grau.

 

„Wir müssen runterfahren“

„Wir müssen runterfahren“ - ein Satz, der mir als Kind meine Augen aufleuchten ließ. Heute löst er in mir Angst aus. Er bedeutet Tod. Jemand muss gestorben sein, darum fahren wir runter. Seit drei Jahren ist dies nämlich der einzige Grund, um die Reise in die Heimat anzutreten. In diesen Jahren sind viele Menschen verstorben und bei jedem Besuch fehlt immer eine Person mehr. Das Dorf leert sich und unsere Gründe runterzufahren verringern sich von Jahr zu Jahr. „Alle meine Großeltern sind verstorben. Welchen Sinn hätte das Runterfahren noch?“, erzählt mir Katarina seufzend, als ich mit ihr über das Thema spreche. Sie kommt aus Vukovar in Kroatien und vermisst die alten Zeiten. Das Schöne an diesen Urlauben war es doch, unsere Familie und Verwandten zu sehen. Mit ihnen gemeinsam die Geburtstage und Feiertage zu verbringen. Früher schafften wir gemeinsam neue Erinnerungen, heute schwelgen wir nur mehr in den alten. Wir möchten nicht mehr in die Heimat fahren, nur um alleine auf der Terrasse zu sitzen und von Stille umgeben zu sein. Wir können nicht mehr von Haus zu Haus gehen, unseren Liebsten ein Kilo Kaffee und Pralinen bringen und uns stundenlang unterhalten. Nun gehen wir von Friedhof zu Friedhof, bringen ihnen Grabkerzen und Blumen, sprechen ein kurzes Gebet und verabschieden uns.

 

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

 

Nicht mehr willkommen

Die Nachbarskinder, mit denen ich früher am Spielplatz oder im Garten gespielt habe, haben sich über die Jahre verändert. Irgendwann war es nicht mehr cool, mit uns Diasporakindern abzuhängen. Wir waren für sie zu abgehoben, weil wir mit neuen Nike und Ralph Laurent T-Shirts runterfuhren. Dass unsere Eltern monatelang sparen mussten, um sich den Urlaub überhaupt leisten zu können, war ihnen nicht bewusst. Sie gingen davon aus, dass wir uns für was Besseres hielten, obwohl wir das nie taten.

Patricia, die aus Prijedor in Bosnien kommt, hat durch diese Vorurteile viele ihrer Freunde unten verloren. „Meine Freunde begannen, über mich zu lästern. Ich wolle mich als reiche Österreicherin doch nur profilieren und zeigen, wie toll es mir ginge und wie privilegiert ich doch sei“, erzählt sie traurig. Sie haben sie für Geld und teure Mitbringsel aus Österreich ausgenutzt. Beim Ausgehen wurde von ihr erwartet, zu zahlen, und eigentlich tat sie es auch gerne. „Meine Intention war es nie, anzugeben. Ich wollte nur meine Zeit mit ihnen genießen.“ Seitdem sie weiß, dass hinter ihrem Rücken über sie nur gelästert wird, hat sie keinen Kontakt mehr zu ihren alten Freundinnen. Vielen von uns geht es ähnlich und wir möchten nicht an einen Ort fahren, an dem wir nur verurteilt werden. Und von den Nachbarskindern, die immer an unserer Seite waren und nie abwertend über uns geredet haben, hören wir jetzt auch nichts mehr. Sie sind verheiratet und haben Kinder. Seitdem Kroatien in der EU ist, sind viele der Einwohner Bosniens, die einen kroatischen Pass haben nach Österreich oder Deutschland gezogen, um Geld zu verdienen. Sie alle träumen von einem besseren Leben im Ausland, während sich die Diaspora nach der alten Heimat sehnt. Zumindest hat sie das in der Vergangenheit getan. Die jungen Einheimischen jedoch verlassen das Land fluchtartig, zurück bleibt nur die ältere Generation. Doch irgendwann gibt es auch diese nicht mehr.

Die Autorin als Kind im Haus ihrer Großeltern
Die Autorin als Kind im Haus ihrer Großeltern

 

„Seid ihr nur mit zwei Koffern gekommen?“

Nicht nur in der Balkan-Community werden die Heimatbesuche immer seltener. Selin, die ursprünglich aus der Türkei kommt, verliert nach und nach das Bedürfnis runterzufahren. Als sie jünger war, waren die Wochen in der Türkei immer aufregend. „Wir haben für all unsere Verwandte Geschenke mitgebracht. Schokoladen, Klamotten und vieles mehr“, erzählt sie. Sie wurden immer voller Liebe aufgenommen und es wurde groß aufgetischt für den Besuch aus Österreich. Als Selin und ihre Mutter jedoch begonnen haben, mit weniger Geschenken anzukommen, wurden sie nicht mehr so herzlich empfangen. „Seid ihr nur mit zwei Koffern gekommen?“, fragte sie ihr Onkel entsetzt bei ihrem letzten Besuch. Die Stimmung wurde immer angespannter. Sie verstand, dass sie nur dann willkommen waren, wenn sie auch Geld mitbrachten. „Ich fahre mittlerweile so selten in die Türkei und wenn, dann meistens um Urlaub am Meer zu machen“, erklärt Selin. Das Gefühl von Heimat verschwindet immer schneller.

Die Jungen, die im Ausland leben, wachsen unter komplett anderen Umständen auf. Sie sind sensibilisiert auf feministische und rassistische Themen. In der Heimat, vor allem wenn man aus einem kleinen Ort kommt, sind die Menschen nicht an die modernen Lebensweisen angepasst. Aus diesem Grund sind für Ylber, der ursprünglich aus dem Kosovo stammt, Heimatbesuche kein Thema mehr. Der Gedanke daran, in seine Heimat zu fahren, macht ihn nervös und unglücklich. „Je älter ich werde, desto weniger Gemeinsamkeiten sehe ich zwischen den Menschen dort und mir“, erklärt er. Sein familiäres Umfeld hat eine ganz andere Sichtweise als er auf viele Dinge. Außerdem beherrscht er seine Muttersprache nicht sonderlich gut. „Ich schäme mich, weil ich schlecht Albanisch spreche und mich Leute immer auslachen.“ Ylber ist schwul, was auch einer der Gründe ist, weshalb er sich in seiner Heimat unwohl fühlt. Homophobie ist in allen Balkanstaaten gesellschaftlich weit verbreitet. „Ich meide den Kosovo sehr, außer ich muss runter fahren wegen einer Verlobung. Es ist aber nicht so, als hätte ich dort Spaß.“

 

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

 

Die nächste Generation

Was passiert dann aber mit der Generation nach mir? Erleben diese Kinder noch das Gefühl von aufgeschürften Knien, weil sie vom Roller gefallen sind? Verspüren sie noch die Angst, die wir hatten, als wir vor den Straßenhunden weggelaufen sind? Werden sie noch den stechenden Geruch von frisch gebranntem Rakija in der Nase verspüren? Werden sie die Sprache noch sprechen und überhaupt wissen, wie das Dorf heißt, in dem sich ihre Eltern das erste Mal getroffen hatten? Als ich neuerdings einen Nachbarsjungen im 20. Bezirk traf und ihn fragte, woher seine Eltern kommen, schaute er mich an und zuckte mit den Achseln. „Ich habe keine Ahnung, irgendwas mit P., bin mir aber nicht sicher.“

Nein, sie werden nicht die gleichen Erfahrungen wie meine Generation machen. Sie werden mit den Eltern ab und zu runterfahren, doch für sie wird es langweilig. Sie werden hoffen müssen, dass auch andere Familien ins Dorf zurückkommen über die Ferien, denn dort wird so gut wie niemand auf sie warten. Ich hoffe, dass ihre Eltern versuchen werden, ihnen dennoch die Kultur und Traditionen etwas näher zu bringen. Ich wünsche mir, dass sie ihnen von den vollen Dörfern, den lachenden Kindern und den Security-Omas, die einen jeden Tag aus dem Fenster aus beobachtet haben, erzählen. Vielleicht bekommen sie ja dann das Bedürfnis die Dörfer später wieder selbst zu füllen.

Runterfahren bedeutete für mich immer mehr als nur das geografische runter in den Süden und in die Balkanstaaten. Es ist vielmehr ein seelischer Zustand. Wir fahren unseren Körper runter. Weg von der Stadt, die von Stress und Arbeit geprägt ist. Mittlerweile fühlt es sich allerdings eher so an, als würden wir vom Arbeitsstress im Ausland in den emotionalen Stress in der Heimat übergehen. Auch wenn ich meine Heimat und den Geruch der Natur liebe, die Gründe nicht runterzufahren überwiegen. ●

 

 

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