Ein Jahr an einer türkischen Schule

Als ich die erste Klasse des Gymnasiums beendet habe, beschlossen meine Eltern, wegen einem Job, in die Türkei nach Istanbul zu ziehen. Eine Entscheidung, die einen 10-Jährigen wie mich zutiefst schockierte. Ich lebte mein ganzes Leben bisher in Österreich. Ich war zwar immer wieder in den Ferien eine Weile in der Türkei, aber niemals länger als zwei Monate und plötzlich musste ich von nun an dort leben. Ich hatte natürlich Angst. Angst, meine jetzigen Freunde zu verlieren. Angst, dass ich obwohl ich türkisch sprechen konnte, wegen meiner Herkunft ausgeschlossen werde. Keiner dieser Ängste bewahrheiteten sich.

Die ersten zwei Monate waren relativ normal, es waren Sommerferien und es hat sich angefühlt wie Urlaub. Dadurch hatte ich immer noch nicht kapiert, dass die Türkei nun mein neues Zuhause ist. Bis dann die Schule begann. Ich besuchte eine Privatschule, weil in öffentlichen türkischen Schulen in jeder Klasse durchschnittlich 50-60 Schüler sind. Fast dreimal so viel wie in Österreich. In privaten Schulen sind nur 10-20 Schüler. Ich hatte sehr viel Glück mit meiner neuen Klasse, da sie sehr nett und verständnisvoll war. Der Fakt, dass ich aus dem Ausland kam, war für viele interessant. Ich habe, anstatt Freunde zu verlieren, neue Freunde bekommen und wurde sehr schnell beliebt in meiner Klasse.

Akademisch war es jedoch komplett anders. Ich musste von früh bis nachts lernen, da der Lernstoff in der Türkei komplett anders ist als das, was ich bisher gelernt hatte. Ich hatte dort kaum Freizeit. In der Türkei werden auch keine Weinachten oder Ostern gefeiert, also hat man keine Ferien. Das baute sehr viel Stress auf, welcher wiederum dafür sorgte, dass meine Leistung abfiel. Ein Grund für diesen Stress war auch die Erwartung, die die Schule von mir hatte, da ich aus einem europäischen Land gekommen bin. Jeden Monat gab es einen Multiple-Choice-Test, wo du anhand deiner Ergebnisse in einer Rangliste mit allen Schüler zugeordnet wurdest. Diese Rangliste hat zwar keinen direkten Einfluss auf dein Zeugnis, aber man wurde dauernd mit anderen verglichen.

Der ganze Druck war schlussendlich auch der Grund, warum meine Familie nach einem Jahr wieder nach Österreich zurückgezogen ist. Trotzdem muss ich sagen und das klingt vielleicht komisch: Dieses Jahr hat mir sehr geholfen, da ich eine andere Sichtweise, eine positive, auf das Österreichische Schulsystem bekommen habe und seitdem optimistischer in die Schule gehe. Auch habe ich durch meine Beliebtheit in der Klasse sehr viel Selbstbewusstsein gewonnen. Ich würde ein Schuljahr in der Türkei zwar nicht nochmal machen wollen, aber für meine Erfahrungen bin ich sehr dankbar.

Furkan ist 15 Jahre alt und besucht das Sigmund Freud Gymnasium in Wien.

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