Haare für 'Anna'

Meine Hände fahren über das falsche Leder des Frisörstuhls, meine Fingerkuppen sind kalt. Zwei meiner besten Freundinnen drängen sich zusammen auf den Sitz neben mir. Während Veronika eine Packung Nüsse vor mich wirft, kramt Aylin ihr Handy raus und richtet es auf mich. „Wenn du heulst, will ich das auf Video haben“, lacht sie und ich muss grinsen, jedoch zittern meine Mundwinkel dabei. Die Frisörin nähert sich mit ihrem rollenden Kasten voller Scheren, Spangen und anderen Sachen. Ihre Reflektion im Spiegel vor mir lächelt mich beruhigend an, aber ich werde noch nervöser. Sie wirft ihre langen, hellblonden Haare zurück und mustert mich im Spiegel: „Ich nehme an, wir schneiden dir die Spitzen?“, dabei nimmt sie eine Strähne meiner blonden Haare und nimmt meine blau gefärbten Spitzen unter die Lupe. „Oder doch nachfärben?“ Meine Freunde lachen laut. „Äh, nein. Die Haare sollen ab. Ganz ab. Ich will ganz kurze Haare. Eine Pixie-Cut um genau zu sein.“ Dabei fliegen ihr fast die braunen Augen aus den Höhlen. Die gleiche Reaktion die meine Mutter hatte als ich ihr sagte, dass ich meine langen blonden Haare, die mir fast bis zu den Hüften gingen, einfach abschneide. Und das einfach von einem Tag auf den anderen – aber eigentlich wollte ich das schon viel länger.

Von meinen Freundinnen kam mindestens einmal pro Woche der Vorschlag, dass sich alle in einen Kreis setzen und sagen, was sie an jeder der anderen am Schönsten fanden. Aylin würde über ihre schönen, großen Augen mit den tollen Wimpern oder ihre Figur hören und Veronika über ihr umwerfendes Lächeln und die großen Locken. Jeder würde etwas anderes Beneidenswertes an ihnen finden, doch bei mir waren sich alle einig: Mein blondes Haar. War das einzig Hübsche an mir meine Haare? Ich begann mit dem Gedanken zu spielen, sie mir abzuschneiden, denn ich wollte nicht mehr nur über meine Haare definiert werden.

Für den guten Zweck

Eines Tages sah ich eine Reportage im Fernsehen über Kinder die Krebs haben. Mich berührte das so sehr, dass ich anfing im Internet nach Möglichkeiten bei Kinderspitälern aufzuhelfen, zu recherchieren. Ob als Clown oder nur in den Zimmern aufzuräumen war mir egal. Doch dafür war ich zu jung, also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Bei meiner Suche fand ich einen Frisör der Echthaarperücken für krebskranke Kinder herstellt. Mein Herz sprang mir fast aus der Brust. Ein kleines Kind könnte nur durch ein paar meiner abgeschnittenen Haare glücklich werden!

„Deine Haare sind zu dick. Mit der Schere komme ich nicht durch" – im Salon löst die Frisörin langsam meinen Zopf und fängt an meine Haare mit der Schere zu bearbeiten. Immer mehr Haare landen auf dem Boden, bis er endlich fertig ist, mein Pixie-Cut.

Am nächsten Tag in der Schule bekomme ich dann immer wieder dieselben zwei Fragen gestellt: „Aber wieso hast du dir die Haare geschnitten?“ und „Hast du geweint?“. Die Antwort auf die erste Frage kennt ihr jetzt ja. Bei der zweiten Frage muss ich jedoch lachend verneinen – den Beweis hat Aylin jetzt am Handy. Ich kann nicht verstehen, wieso ich wegen Haaren weinen sollte. Es war nicht so als hätte man mir einen Arm abgeschnitten. Nein, ich hatte nicht geweint und war auch nicht traurig. Nein, ich war erleichtert und glücklich. Auch wenn meine Freunde, wenn sie etwas Schönes an mir finden sollen, nun länger brauchen oder ratlos dreinschauen werden, ich bin glücklich und weiß, dass mein Haar nun in guten Händen ist: Im Kinderspital St. Anna.

Haare
Foto:Bella Haltrich
      
Haare
Foto:Bella Haltrich

Sarah Nadj besucht die 7. Klasse des Bernoulligymnasium

Kommentare

 

Wow, Sarah! Tolle Aktion, wir sollten uns alle ein Beispiel an dir nehmen! Und auch wenn das eher nebensächlich ist: Die kurzen Haare stehen dir fantastisch! 

 

omg, das ist wirklich toll von dir! wäre ich mutig genug, würde ich mir meine haare auch abschneiden :O

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