Braucht ihr jemanden, der euch wachrüttelt?

30. Juni 2015

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Traiskirchen, Asyl, Asylwerber, Zeltlager, Flüchtlingslager
ROBERT JAEGER / APA / picturedesk.com

Stell dir vor, du bist in einer Kiste mit einem Gleichaltrigen, den du zuvor noch nie gesehen hast. Es ist eng, feucht und dunkel. Nur ein kleiner Schlitz im Holz versorgt euch mit Sauerstoff. Stell dir vor, du verbringst Tage in dieser Kiste, auf Übersee und auf holprigen Wegen und weißt nicht, wann und wo du wieder rauskommst. Du versuchst deine Blase zu kontrollieren, aber nach so langer Zeit in dieser Kiste, kannst du einfach nicht anders… Du hast keine Ahnung, ob dein letztes Geld gut investiert wurde, ob du überlebst oder elendig erstickst. Du hast keine Ahnung, wie es deiner Familie geht. Du fühlst dich grottenschlecht, immerhin hast du sie zurückgelassen, das schlechte Gewissen plagt dich. In deinem Kopf pulsiert nur ein Gedanke: Halt durch, halt durch. Dort wartet ein besseres Leben auf mich. Ich werde es besser haben, ich werde meine Familie hierherbringen und wir können von vorne anfangen. Die Menschen werden uns helfen.

Laut der Medienservicestelle sind in Österreich in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres bereits 20.620 Asylanträge eingegangen, allein im Mai waren es 6.240. Was das bedeutet? Nicht, dass „es noch mehr Ausländer gibt, die uns die Jobs wegnehmen wollen“ und auch nicht, dass „noch mehr Sozialschmarotzer kommen, um hier ein Luxusleben zu führen“. Das bedeutet, dass in deren Heimatländern Krieg herrscht und ihnen großes Leid widerfahren ist. Das bedeutet, dass sie womöglich einen Großteil ihrer Familie, ihre Freunde, ihr Hab und Gut, ihr gesamtes Leben verloren haben.

Aber das interessiert viele nicht. Zurück in ihr Heimatland, schimpfen sie. Weg sollen sie, verlangen Politiker und Bürokraten. Zurück dorthin, wo sie herkamen. Zurück dorthin, wo Krieg herrscht. Zurück dorthin, wo sie mitansehen mussten, wie ihr Nachbar hingerichtet wurde. Die meisten seien „Wirtschaftsflüchtlinge“ - aber nein, flehen die, die die Möglichkeit dazu haben. Sie seien kein Wirtschaftsflüchtlinge, schwören sie. Ja, sie haben alles verloren, betonen sie immer wieder. Sie haben kein Haus, keine Arbeit, kein regelmäßiges Einkommen, geben sie zu. Aber sie fliehen nicht vor Armut, sie fliehen vor dem sicheren Tod, weinen sie. Aber das reicht nicht. Es sind doch „ja schon so viele da.“

Traiskirchen, Asyl, Asylwerber, Zeltlager, Flüchtlingslager
ROBERT JAEGER / APA / picturedesk.com

So viele? Diese Flüchtlinge machen noch nicht einmal einen Prozent unserer Gesamtbevölkerung aus. Und trotz dieser Tatsache hat die Flüchtlingsdebatte alle Grenzen der Menschlichkeit überschritten. Da wären FPÖ-Demonstranten, die Flüchtlinge so willkommen heißen, in dem sie ihnen Schildern mit „Ihr seid hier nicht willkommen“ ins Gesicht vorhalten - unter diesen Flüchtlingen waren auch Kinder. Oder eine FPÖ-Abgeordnete, die sagt, „die Flüchtlinge sollen in einem Militärflieger zurückgeschickt werden, denn dort können sie schreien, so laut sie wollen.“ Oder Identitäre, die im Flüchtlingslager in Traiskirchen Zettelchen austeilen, in denen sie klarstellen, dass Flüchtlinge hier nicht willkommen sind.

Was soll man sagen? Noch viel wichtiger als die Aufzählung dieser Unmenschlichkeiten ist diese Frage: Habt ihr euch vorgestellt, wie es ist, mehrere Tage in einer Kiste zu verbringen, monatelang zu warten, nicht zu wissen, wie es den Liebsten geht, nur um dann doch wieder abgeschoben zu werden? Und, was verspürt ihr - ist es ein mulmiges Gefühl im Magen? Ist es Mitgefühl, der Drang, diesem Leid ein Ende zu setzen, zumindest das in eurer Macht stehende zu tun? Ich gratuliere euch, ihr seid menschlich.

Ihr empfindet Mitgefühl für jemanden, der nichts in eurem Leben bedeutet und gleichzeitig so viel bedeutet. Ich frage mich: Braucht es mehr solcher Texte? Braucht es jemanden, der den Rest der Gesellschaft wachrüttelt, der sie so lange rüttelt, bis sie zu Vernunft gekommen sind? Das sind nicht einfach nur Quoten, die erfüllt oder nicht erfüllt werden - das sind Menschen. Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Und falls wir Menschen bleiben wollen, helfen wir ihnen, wo wir nur können.

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Kommentare

 

Ich muss zugeben, ich ertappe mich aber selbst dabei zuerst an all die negativen Auswirkungen der Flüchtlingskrise zu denken, die mich selbst treffen werden. Seit den halbherzigen Reaktionen der arabischen Welt auf die Charlie Hebdo Attacke, habe ich das Gefühl, dass diese Leute unsere liberalen europäischen Werte eher ablehnen werden...

ps: ich weiss nicht, ob es journalistisch klug ist von der Flucht vorm 'sicheren Tod' zu schreiben - immerhin kommen diese Menschen über Ägypten oder der Türkei, wo kein sicherer Tod lauert. Manche Leser könnten darin Stimmungsmache sehen. Warum nicht einfach sagen, dass jeder versucht für sich Wohlstand und Chancen zu verbessern. Das ist doch OK, würden wir ja genauso machen.

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