Erdbeben im kriegsgebeutelten Syrien – eine Katastrophe nach der nächsten

07. März 2023

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Institute for study of war/liveuamap

Erdbeben kennen keine politischen Ausrichtungen, materiellen Bedingungen oder die Bedeutung von Zerstörung durch Krieg. Ganze 12 Jahre lang war die syrische Bevölkerung Zeuge eines Bürgerkriegs mit all seinen Folgen. Man erlebte schreckliche Todesumstände, Bombenbeschuss und noch immer ertrinken Menschen im Mittelmeer bei dem Versuch, einen Weg nach Europa zu finden. Man harrt in der Kälte in primitiven Zelten aus, nachdem man zur Flucht gezwungen war, erlebte Beschuss durch Kriminelle und Entführer. 

 

Das Erdbeben vom 6. Februar hat zwei verschiedene Gebiete in Syrien getroffen: den nordwestlichen Teil an der Grenze zur Türkei, der von der syrischen Opposition kontrolliert wird, und den Teil, der von der syrischen Regierung kontrolliert wird. 

Unabhängig davon, in welchem Teil Syriens die Menschen leben, war ihr Februar 2023 ein Monat der Katastrophen. Ein Monat, in dem sie ihre Kinder, Familien und geliebten Menschen verloren haben, der Monat, in dem sie ihr Zuhause verloren und zum zweiten Mal in ihrem Leben zu Flüchtlingen wurden.

 

Vertreibung zum zweiten Mal 

Y.A., der in Jindires (einer Stadt in Nordsyrien im Bezirk Afrin im Gouvernement Aleppo, das von der syrischen Opposition kontrolliert wird) lebte, erzählt, wie er diesen schrecklichen Tag mit seiner Frau und seinen sieben Kindern erlebte: "Gegen 4 Uhr morgens wachten wir auf und sahen, wie unsere Wohnung bebte, wir rannten sofort auf die Straße und sahen, wie alle Gebäude um uns herum innerhalb einer Minute komplett zerstört wurden!“, erzählte der 45-Jährige, der lieber anonym bleiben will. „Zum Glück hatte unser Gebäude nur einen Riss, aber es gibt keine Möglichkeit, wieder darin zu wohnen. Es gibt jedoch großzügige Menschen aus unserer Verwandtschaft in Idlib [Anm.: einer Stadt im Nordwesten Syriens], die uns vom ersten Tag an bei sich zu Hause aufgenommen haben und uns alles bieten, was wir brauchen, bis wir eine Lösung gefunden haben."

Seine Familie wurde somit zum zweiten Mal vertrieben. Der Landwirt stammt aus dem Zawiya-Gebirge, einer Hochlandregion im Gouvernement Idlib im Nordwesten von Syrien. Aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen ist das Gebiet überwiegend verlassen. Y.A. zog mit seiner Familie nach Jindires und erhofft sich, dort eine Arbeit zu finden und in Frieden leben zu können. „Doch durch das Erdbeben ist diese Stadt völlig zerstört.“ 

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Korruption als allgegenwärtiges Problem

Als in Jindires viele Menschen unter den Trümmern verschüttet wurden, hatten die Bewohner der Stadt in den ersten Tagen nach dem Erdbeben keine Möglichkeit, sie zu erreichen. In der Zwischenzeit ereigneten sich Dutzende von Nachbeben in der Region: "Am zweiten Tag nach dem Erdbeben hörten wir einige Frauen unter den Trümmern um Hilfe rufen. Als wir zu Hilfe kamen, zerstörte ein Nachbeben das Gebäude vollständig, und wir hörten nie wieder etwas von ihnen.“

 

Viele Gebäude im Nordwesten Syriens wurden während des Krieges gebaut, ohne, dass die Bauregelungen eingehalten wurden. Viele Auftragnehmer bauten schwache Gebäude, die nicht einmal bei einem Erdbeben in dem Gebiet sicher wären, da die Kriegssituation eine Art "Chaos" verursachte, in dem die Korrupten nicht rechtlich zur Verantwortung gezogen werden konnten. Laut Y.A. "stürzten diese Gebäude in Jindires innerhalb von Sekunden ein. Ihre schwachen Gerüste zerbröselten wie Kekse."

 

Eine andere Art des Leidens

S.S. ist ein 27-jähriger Einwohnerin von Damaskus, der Hauptstadt Syriens. In den ersten fünf Jahren des Krieges in Syrien war sie gezwungen, wegen der täglichen Mörsereinschläge rund um die Stadt unter täglicher Angst und Furcht zu leben. "Im Jahr 2016 hatte ich eine Prüfung an der Wirtschaftsfakultät der Universität Damaskus, als ein Mörser direkt in einen Teil der Universität einschlug und die Studenten aus dem Prüfungssaal rannten. Daraufhin wurde die Universität für zwei Wochen geschlossen und die Prüfungen wurden verschoben.

Jedes Mal, wenn ich an dem getroffenen und zerstörten Teil der Universität vorbeikam, hatte ich wieder dieses schreckliche Gefühl des Schreckens.“

 

Am 6. Februar wachten S.S. und ihre Familie auf und sahen, wie alles in der Wohnung, einschließlich ihrer Betten, bebte, aber glücklicherweise war die Gegend um Damaskus im Vergleich zu den nordwestlichen Regionen Syriens kaum von den jüngsten Erdbeben betroffen.

Heute lebt S.S. mit dem Gefühl der Unsicherheit, dem ständigen Druck und dem Wunsch, aus diesem Ort zu fliehen, ganz zu schweigen von den Folgen des Krieges wie Inflation, fehlende öffentliche Versorgungsleistungen und Arbeitslosigkeit, die jeden Tag schlimmer werden.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Bei all der Tragik nach dem Erdbeben sieht S.S. jedoch auch einen Hoffnungsschimmer. "Vor dem Tag des Erdbebens hatte ich das Gefühl, dass wir Syrer uns nicht einig sind und uns nicht umeinander kümmern. Ich war jedoch begeistert, als ich sah, wie syrische junge Frauen und Männer versuchten, humanitäre Hilfe für die Menschen in den betroffenen Städten Latakia und Aleppo zu sammeln.“

Eine Woche lang beteiligte sich S.S. an der täglichen Freiwilligenarbeit, vor allem beim Sortieren der Hilfsgüter aus dem Ausland, die man in der Region erhielt. „Einige Leute haben sogar ihre Arbeit oder ihr Studium geschwänzt, um zu helfen, alle waren kooperativ und bereit, etwas für diese Menschen zu tun. Ich habe einen Eifer und eine Liebe gesehen, die man mit Worten nicht beschreiben kann. Und das gab mir definitiv Kraft und Hoffnung für eine bessere Zukunft", so S.S.

 

 

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Kommentare

 

Syrien ist ein "failed state", aber nicht erst seit dem Bürgerkrieg. Denn die Bevölkerung hat sich seit 1960 vervierfacht, der Kriegsindex stieg auf gefährliche 3.5 an. Seit Jahren trocknet der Norden aus und über die Felder treibt der Staub. Anders als die Israelis, hat man es in Syrien nie geschafft, ein funktionierendes Wirtschaftssystem für die rasant wachsende Bevölkerung aufzustellen. Die Bauten sind Bruchbuden, die jungen Männer voller Aggressionen.
"welt-warum Syrer niemals wieder Deutschland verlassen werden"

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