Es gibt keine „Terroristensprachen“.

16. November 2022

Russen sprechen Russisch, Ukrainer sprechen Ukrainisch - so einfach ist es leider nicht. Warum wir der hasserfüllten Propaganda, die die russische Sprache verurteilt, nicht nachgeben sollten. 

 

Selbst Monate nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022, die Millionen von Ukrainern aus ihrer Heimat vertrieben hat, verstehen viele Menschen im Westen nicht, dass Russisch die Muttersprache vieler Ukrainer sein kann - nämlich derjenigen, die aus dem kriegsgebeutelten östlichen Teil des Landes stammen, wo die Kämpfe bereits seit acht Jahren andauern. Diese Ukrainer haben ihr Zuhause, ihre Geschäfte und ihre Liebsten verloren und sind nun Beschimpfungen und Diskriminierung durch andere Ukrainer ausgesetzt - meist aus dem westlichen, ukrainischsprachigen Teil des Landes -, die zwar nicht so stark vom Krieg betroffen waren wie sie, aber dennoch viel Hass auf Russland und seine Sprache hegen.
 

Hass in den sozialen Medien 

Deshalb hören die Ostukrainer oft Sätze wie: "Warum sprichst du die Sprache der Terroristen?", "Das musst du dir abgewöhnen, Sprache ist wichtig", "Du unterstützt die russische Invasion in der Ukraine" und viele andere beleidigende Sätze.

Dies führt dazu, dass sich die Ukrainer nach und nach aufgrund ihrer "Verkehrssprache" gegenseitig hassen. In sozialen Netzwerken wie Facebook, schreiben einige Ukrainer beleidigende Kommentare, wenn sie einen Beitrag in russischer Sprache sehen, woraufhin Dutzende von negativen Kommentaren darunter erscheinen. 

 

Hilfsorganisationen westlicher Länder, die Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen und ihnen helfen, geben Informationen im Internet oder auf Broschüren hauptsächlich auf Ukrainisch heraus, sammeln Kinderbücher nur auf Ukrainisch, und sogar einige beliebte deutsche Bildungsprogramme für Kinder wie "Die Sendung mit der Maus" wurden ins Ukrainische übersetzt. Dies fördert nicht nur die Diskriminierung der russischsprachigen Bevölkerung der Ukraine, sondern ist, meiner Meinung nach, auch schädlich für den ohnehin schwierigen sprachpolitischen Diskurs. 

Ukrainer wie ich, die russischsprachig aufgewachsen sind, haben sich ihre erste Sprache nicht ausgesucht, da ihre Eltern vom ersten Tag ihrer Geburt an in dieser Sprache mit ihnen gesprochen haben.

 

Vor dem Krieg in der Ostukraine waren die Neigungen zur russischen und ukrainischen Sprache nie ein Thema. Im Jahr 2014 war die Diskussion um die Sprachzugehörigkeit einen Mittel, um Diskriminierung und Spaltung der ukrainischen Bevölkerung zu verursachen, was die proseparatistischen Bewegungen im Osten des Landes befeuerten.

Eine Sprache ist ein Werkzeug, das wir benutzen, um miteinander zu kommunizieren, um unsere Augen für eine neue Welt und andere Kulturen zu öffnen, aber das bedeutet nicht, dass wir die Ideologie aller Muttersprachler dieser Sprache oder die Politik der Regierung, die diese Sprache spricht, übernehmen.

Wenn Ukrainer mehr dazu neigen, Russisch zu sprechen, kommt das automatisch heraus, aber es bedeutet nicht, dass sie die russische Politik in irgendeiner Weise unterstützen.

 

Als der Krieg in der Ostukraine im Jahr 2014 begann, wurden viele vertriebene Bewohner dieser Region im ganzen Land verstreut. Viele von ihnen sind mit der Propaganda vertraut, die besagte: "Russischsprachige Ukrainer sind eigentlich Russen, die wollen, dass Russland die Kontrolle über ihre Regionen übernimmt, Ukrainer sind nicht gleich, es hängt alles von ihrer Erstsprache ab, ob sie Russisch oder Ukrainisch ist".

 

Ungeachtet der Tatsache, dass Ukrainisch die Unterrichtssprache in allen ukrainischen Schulen und Universitäten ist, wachsen etwa 45 % der ukrainischen Bevölkerung mit Russisch als Muttersprache auf. Dies war ein Anlass für die russische Propaganda, die Ukrainer zu spalten und Hass unter ihnen zu schüren, damit dies ein "zuverlässiger Grund" für Russland ist, die östlichen Regionen der Ukraine zu annektieren. Glücklicherweise funktionierte diese Propaganda nur bei einigen wenigen Menschen in der Westukraine, und sie führte nicht zu einem Bürgerkrieg oder gar zu Spannungen zwischen den Ukrainern insgesamt.

 

Historisch gesehen hatten Ukrainer und Russen schon immer Gemeinsamkeiten, sie haben die gleichen Gerichte auf ihrer traditionellen Speisekarte wie Borsch, Vareniki und Holobtsi. Am 9. Mai feiern Russen und Ukrainer deshalb auch gleichermaßen den "Tag des Sieges", da sie in der Sowjetunion als eine Armee gekämpft und 1945 Nazi-Deutschland besiegt haben.
 

Syrer haben eine ähnliche Erfahrung gemacht

Als Halb-Syrerin, die in Syrien aufgewachsen ist, erinnern mich die aktuellen Spannungen zwischen einigen Ukrainern an das Jahr 2011. Als der Krieg in Syrien 2011 begann, waren die Syrer auf politischer und religiöser Ebene gespalten. Die Hauptfrage lautete damals: "Sind Sie für oder gegen das syrische Regime?". Zusätzlich zu der Frage "Sind Sie Muslim oder Christ? Bist du Sunnit, Alawit oder Schiit?".

 

Diese heikle Thematik verursachte große Spannungen in der syrischen Bevölkerung, und in vielen Fällen kam es sogar zu Gewalt. Man wussten jedoch nicht, wie sehr man es bereuen würde, und hatte keine Ahnung, dass man dadurch eine schwächere Gesellschaft aus sich gemacht hat, die schnell mit viel Zerstörung konfrontiert war. 

 

Heute, nach der Vertreibung von mehr als zehn Millionen Syrern auf die ganzen Welt, dem Tod von Hunderttausenden und dem Leid, das die meisten Syrer durchgemacht haben, stellt sich niemand mehr die oben genannten Fragen, denn in Syrien, wo nach zehn Jahren Krieg immer noch keine Heilung geschehen ist, gibt es bereits eine Menge Probleme, und das Leben dort wird jeden Tag schlimmer. 

 

Wenn wir uns neben den Folgen der Anschläge vom 11. September auch mit den islamistischen Terroranschlägen in Deutschland, Schweden oder Belgien in den letzten 20 Jahren befassen, stellen wir fest, dass Arabisch aufgrund der Propaganda auch schnell als „Sprache der Terroristen“ gesehen wurde und viele Menschen Angst vor arabischsprechenden Menschen hatten, oder sich durch den Anblick der arabischen Schrift eingeschüchtert fühlten. Nur weil die Attentäter Arabisch sprachen, heißt das nicht, dass wir die Sprache insgesamt abschaffen sollten - sie ist immer noch Teil der Identität von Millionen von Menschen innerhalb und außerhalb der arabischen Welt, die ein friedliches Leben führen und niemals die Ideologie dieser Terroristen übernehmen würden. 

Die Ukrainer haben - aus irgendeinem Grund - kaum etwas über den Krieg in Syrien, seine Gründe oder Folgen gehört. 

 

Ich glaube, dass bei den meisten genug Bewusstsein vorhanden ist, um der Propaganda über „Terroristensprachen“ nicht nachzugeben. 

Dennoch haben einige Ukrainer die Lektion immer noch nicht gelernt und verstehen nicht, dass die Spannungen und der Hass, die sie heute haben, sie in ein paar Jahren einen hohen Preis dafür zahlen lassen. Sie werden sich wünschen, die Zeit zurückdrehen zu können, um eine Einheit hätten bilden zu können.

 

Info:

Wie ähnlich sind sich Russisch und Ukrainisch?

 
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Foto: Preply.com

Russisch und Ukrainisch sind beides ostslawische Sprachen. Die früheste schriftliche Aufzeichnung des Russischen wurde in Gnezdovo gefunden, und ihr geschätztes Datum geht auf die Mitte des 10. Jahrhunderts zurück, als sie die Sprache eines Staates in Ost- und Nordeuropa namens "Kiewer Rus" war.

Heute ist Russisch mit 150 Millionen Muttersprachlern und mit 258 Millionen Sprechern die am achthäufigsten gesprochene Sprache der Welt. Außerdem ist Russisch eine der sechs offiziellen Sprachen der Vereinten Nationen.

Russisch wird in allen ex-sowjetischen Ländern wie Kasachstan, Tadschikistan, Turkmenistan, Georgien und der Ukraine gesprochen.

Ukrainisch ist die Amtssprache der Ukraine und eine der beiden Muttersprachen von etwa 40 Millionen Ukrainern. Die Ukrainer werden normalerweise in zwei Gruppen unterteilt: Ostukrainer, die lieber Russisch sprechen, und Westukrainer, die - in vielen Fällen - Ukrainisch mit ihrem eigenen Dialekt sprechen, was ihr Leben vor 2014 jedoch in keiner Weise beeinflusst hat.

 

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