"Ich habe buchstäblich alles verloren."

13. Januar 2023

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Irina musste einen ganzen Monat lang in einer kalten Unterkunft ohne Heizung, Strom und Wasser leben. Foto: Privat.

Irina harrte mit ihrer Familie in der eingekesselten Stadt Mariupol so lange aus, bis klar war: Wenn sie nicht fliehen, würden sie sterben. Heute lebt sie mit ihrem Sohn in Österreich und erzählt, wie sie wie durch ein Wunder überlebte.

Als ich aus der Ukraine nach Österreich fliehen musste, beschloss ich, etwas zu tun, um die Ukraine als Journalistin zu unterstützen. Dazu traf ich mich mit vielen Ukrainern und hörte mir ihre schrecklichen Geschichten an, um sie auch den ÖsterreicherInnen zu erzählen. Die schockierendste war jene von Irina.

Irina ist 35, kommt aus Mariupol und ist Mutter eines 2-Jährigen. Sie hat den Krieg bereits 2014 erlebt, als es in ihrer Stadt einige Terroranschläge gab, und die Stadt unter die Kontrolle der ukrainischen Regierung kam. 

Etwa acht Jahre lang war es in Mariupol verhältnismäßig ruhig, sodass niemand einen Krieg oder gar neue Anschläge erwartet hatte. Doch am 24. Februar begann, wie jeder weiß, in der gesamten Ukraine ein großflächiger Krieg. 

Seit diesem Tag hörte Irina überall in der Stadt Bombardierungen mit verschiedenen schweren Waffen. Innerhalb weniger Tage umzingelten russische Truppen Mariupol und rückten einige Tage später in die Stadt ein.

 

Ein langer kalter Aufenthalt

Am 2. März verlor Irina, die im Herzen von Mariupol lebte, alle Versorgungseinrichtungen wie Gas, Strom, Wasser und Kommunikation.

Monatelang war die Stadt blockiert. Während des gesamten Monats März 2022 versteckte sich Irina mit ihrem Mann, ihrem Kind und einigen Nachbarn in unterirdisch und musste mit ansehen, wie einige ihrer Nachbarn starben.

 

"Um zu überleben, teilten wir einen Schluck Wasser, aßen einen Löffel auf dem Feuer gekochten Brei und deckten unsere Kinder in kalten und stinkenden Kellern mit Lumpen zu. Unsere Nachbarn, die für uns nach Wasser suchten und versuchten, Feuer zu machen, starben vor unseren Augen. Fragmente einer explodierenden Granate durchbohrten einen unserer Nachbarn - Blut sickerte aus ihm heraus, und ich erinnere mich noch an sein Todesröcheln.  Einem anderen Nachbarn, der Reis für mein Kind kochen wollte, wurde von einer Granate der halbe Kopf weggesprengt. Wir waren in diesem Moment in der Nähe, und es war ein Wunder, dass wir nicht auch getötet wurden. Mein Sohn, der erst zwei Jahre alt ist, hat alles mitansehen müssen. Er war taub und konnte mehrere Minuten lang nichts mehr hören. Am selben Tag, als wir im Keller waren, stürzte unser Haus ein und brannte nieder. Dank der Hilfe von Fremden aus den Nachbarhäusern konnten wir uns in der eiskalten Nacht aus den Trümmern retten. Noch am selben Tag erfuhren wir, dass viele unserer Nachbarn immer noch unter den Trümmern lagen und nicht mehr lebendig auftauchten.

In dem anderen Keller, der noch schrecklicher war als der erste, blieb Irina weitere zwei Wochen und erlebte den ersten Schock.

"Von einem Loch in diesem Keller aus sah ich, was auf der Straße passierte. Und da waren viele Leichen... und niemand hat sie weggeschafft, denn es gab weder Krankenwagen noch Feuerwehrleute, und das Ministerium für Notsituationen war nicht mehr in der Stadt tätig. Einige Tage später wurden die Leichen von streunenden Hunden zernagt. Diese Szene kann ich bis heute nicht vergessen".

 

Ein großes Risiko der Flucht

Eines Tages wusste Irina, dass sie mit ihrer Familie fliehen musste, statt auf eine Besserung der Situation zu hoffen: "Entweder wir fliehen oder wir sterben hier“, war ihr Gedanke. Glücklicherweise wurde ihr Auto nicht gestohlen, und so setzte sie sich mit ihrer kleinen Familie und einigen Nachbarn hinein und fuhr in Richtung der Stadt Berdjansk in der Region Saporischschja.

Auf dem Weg dorthin sah sie zum ersten Mal, dass ihre schöne Stadt völlig zerstört war. "Es war nicht einmal eine Spur davon übrig. Alles, was übrigblieb, waren schwarze, verbrannte und zerstörte Gebäude, und rundherum gefällte Bäume, Granatsplitter und Strommasten. Das Schlimmste, was ich sah, waren die breiten, tiefen Gräben! Es waren Massengräber, die meisten der Toten waren in Zivil".

 

Nachdem sie ein paar Tage in Berdjansk verbracht hatte, beschloss sie, die Ukraine zu verlassen und nach Österreich zu gehen. Nach drei Tagen kam sie mit einem Evakuierungszug in Wien an, wo ihr Cousin ihr half, sich einzuleben.

Jetzt lernt sie Deutsch, berichtet als Journalistin über die Ukraine und zieht ihr Kind groß. Als ich sie fragte, ob sie daran denke, in die Ukraine zurückzukehren, antwortete sie schlicht: "Ich habe keinen Ort, an den ich zurückkehren könnte, ich habe dort buchstäblich alles verloren.“ 

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