„Ihr dachtet, ich verstehe euch nicht?“

21. Februar 2023

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Ein bunter Sprachenmix im Alltag. Foto: Unsplash/ Nick Fewings

Der internationale Tag der Muttersprache soll daran erinnern, wie wichtig der Erhalt und Schutz der sprachlichen und kulturellen Vielfalt ist. Deutsch, Slowakisch und Arabisch – all diese Sprachen sind meine Muttersprachen, und ich bin dankbar dafür.

Was ist eine Muttersprache? Viele wissen nicht, dass damit nicht die Sprache, die die Mutter ursprünglich spricht, gemeint ist, sondern viel mehr die Sprache, die man schon als Kind gelernt hat und erstrangig spricht. Ich bin mit drei verschiedenen Sprachen aufgewachsen und es hat definitiv seine Vorteile. Slowakisch, Arabisch und Deutsch – unterschiedlicher können meine Muttersprachen gar nicht sein. In meinem Alltag entsteht meist ein Remix von allen dreien. Wieso ich sie spreche? Weil meine Mutter Slowakin und mein Vater Ägypter ist und sie starken Wert darauf legten mir sowohl ihre Sprache, als auch ihre Kultur zu lehren. Wenn wir uns gemeinsam unterhalten, sprechen wir jedoch Deutsch, um keine Sprache zu vernachlässigen, wobei der eigentliche Grund ein ganz anderer ist. Ich habe sowohl Slowakisch als auch Arabisch gelernt, bei meinen Eltern sieht es anders aus. Sie blieben nur ihrer Muttersprache treu.

„Yallah, gehen wir domov!“

„Es ist so großartig, dass deine Eltern dir beide Sprachen beigebracht haben“ – das höre ich oft von Außenstehenden und dieser Aussage kann ich nur zustimmen. Ich bin froh mehrsprachig aufgewachsen zu sein. Plötzlich ist es nicht mehr „so schlimm“, wenn zuhause nicht NUR Deutsch gesprochen wurde. Ich hatte immer das Gefühl man wäre im Defizit, wenn man zuhause eine Fremdsprache sprach. Im Kindergarten schon bekam ich mit, dass man von Eltern verlangte, ausschließlich Deutsch mit ihren Kindern zu sprechen. Heute weiß ich, dass das kompletter Unsinn ist. Ich spreche trotzdem fließend Deutsch, obwohl ich auch mit anderen Sprachen aufwuchs.

Dennoch beeinflusst es meinen Sprachgebrauch sehr. Manche Wörter kenne ich nur auf Slowakisch oder Deutsch und ich weiß nicht, wie sie auf Arabisch heißen, andersrum genauso. Oft verwende ich in einem Satz auch alle drei Sprachen parallel. Es entstehen Sätze wie: „Yallah (Arab.: Los!) gehen wir domov (Slowak.: nach Hause)“.

Mehrsprachig aufwachsen – ein Privileg

Als ich damals mit meiner Mutter shoppen war, hörte ich wie zwei Mädchen hinter uns auf Arabisch sagten, meine Mutter solle schneller durch die Kleidung schauen, damit sie den Weg für sie nicht sperrt und lachten dabei. Ich drehte mich sofort um und sagte ihr auf Arabisch, dass ich sie verstehe. Meine Mutter antwortete stolz auf Deutsch: „Ihr dachtet, ich verstehe euch nicht“. Sie brachten kein Wort mehr raus. Der Schock war zu groß. Meine Mutter schaut nicht wie eine Araberin aus und spricht es auch nicht. Ihr Vorteil war, dass ihre Tochter es kann.

Auf Slowakisch hat zwar noch nie jemand über mich gelästert, aber tatsächlich sind Menschen immer wieder geschockt, wenn sie hören, dass ich auch Slowakisch spreche und nutzen die Gelegenheit direkt aus, sich mit mir zu unterhalten. Als ich einmal in der U-Bahn saß und heimfuhr, rief mich meine Mutter an. Ich sprach mit ihr Slowakisch. Ein Mann, der gegenüber mir saß, wurde darauf aufmerksam und fragte mich nach meinem Telefonat direkt aus. Wieso sprichst du so gut Slowakisch? Kommen deine Eltern aus der Slowakei? Du schaust so orientalisch aus, wie kann das sein? Diese Fragen werden mir oft gestellt, aber ich nehme es den Menschen nicht übel, da sie so etwas noch nie gesehen haben.

Früher dachte ich nicht, dass es wichtig wäre andere Sprachen außer Deutsch perfekt zu beherrschen – heute denke ich mir, ich hätte sie noch intensiver lernen können. Sie öffnen mir überall die Türen, auch in der Arbeitswelt wird es gern gesehen. Alle Menschen, die mehrsprachig aufwuchsen, sollten im Hinterkopf behalten, dass es ein Privileg ist mehrere Sprachen schon im Kindesalter zu erlernen – auch wenn man schiefe Blicke dafür erntet. Ich hoffe, dass man nicht nur am internationalen Tag der Muttersprache daran denkt.

 

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