In Kiew gibt es 12 Stunden täglich keinen Strom

09. November 2022

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Der durch die Euromaidan-Proteste berühmte Hauptplatz von Kiew ("Maidan Nezalezhnosti") bleibt nun im Dunkeln, um Energie zu sparen. Quelle: Radio hromadske.

Nachdem Russland mit Raketen und Drohnen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur durchführte, kommt es seit dem 10. Oktober in der Hauptstadt Kiew, sowie in anderen Regionen, zu regelmäßigen, kontrollierten Stromabschaltungen. Der Netzbetreiber "Ukrenergo" organisiert in allen ukrainischen Regionen für die Bewohner planmäßige Stromausfälle. 
 

 

Fatima, eine junge ukrainische Frau, die in "Obolon" -  einem Bezirk im Norden Kiews - lebt, erzählt, dass die Einwohner der Hauptstadt vor dem 10. Oktober 2022 kaum Stromausfälle erlebt haben. Und das, obwohl einige Kiewer Regionen seit Beginn des Krieges im Februar 2022 heftige Kämpfe erlebt haben, bevor sich die russischen Streitkräfte im April aus der Region zurückzogen. 

"Ukrenergo" bereitet die ukrainische Bevölkerung mit einem Stromausfallplan vor, der vom "Kiewer Energieservice" organisiert wird und im Internet abgerufen werden kann.

 

Zwölf Stunden täglich ohne Strom und Internet

 

Fatima erklärt, dass der Strom mehrmals am Tag für drei bis vier Stunden abgeschaltet wird - bis zu zwölf Stunden täglich gibt es so weder Strom, noch Internet oder mobile Daten.

 

Hier ist ein Beispiel für den wöchentlichen Stromausfallplan: Er zeigt, zu welchen Zeiten die Bewohner einer Kiewer Region mit einem Stromausfall rechnen können. Er zeigt auch, dass er sich täglich um 3 Stunden nach vorne verschiebt. 

 


 

 

Die Kiewer Stromversorgung ist in drei Gruppen unterteilt, und der Zeitplan unterscheidet sich von Region zu Region. Nach Angaben des ukrainischen Energieunternehmens "DTEK" können sich die Intervalle im Zeitplan in einigen Fällen um etwa 40 Minuten verschieben. Fatima versucht, sich an den Plan zu halten, so gut es geht. Allerdings gab es immer wieder unangekündigte Notstromausfälle, so dass sie nicht wirklich erwarten kann, wann sie wieder Strom hat, um ihre Arbeit, für die sie Internet braucht, fortzusetzen. Regelmäßig musste sie Lebensmittel entsorgen, die ohne Kühlung nicht gelagert werden konnten.

 

Nach wie vor schwierig, mit Alternativen umzugehen

 

Stromgeneratoren, Gasöfen und Kerzen sind die wichtigsten Alternativen, welche die Ukrainer jetzt kaufen - für alle reicht es aber noch lange nicht, da diese Alternativen nicht in der Ukraine produziert werden.

Anders, als es beispielsweise in manchen arabischen Ländern üblich ist, verfügen viele ukrainische Haushalte über keine Notstromgeneratoren - denn bislang haben die Ukrainer nie über Stromausfälle klagen müssen.

 

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Fatima zündet bei jedem Stromausfall am Abend eine Kerze an, um ihr kleines Zimmer zu erhellen. Foto: privat

 

Während der Stromausfälle verwendet Fatima Kerzen, um in ihrer Wohnung Licht zu haben. Ihre elektronischen Geräte und eine LED-Leuchte lädt sie mit einer tragbaren Powerbank auf, um auf den nächsten Stromausfall vorbereitet zu sein.

 

Mögliche Evakuierung liegt in der Luft

 

Am 7. November erklärte der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko, dass die Einwohner Kiews im Falle eines vollständigen Stromausfalls evakuiert werden könnten.

Wie viele andere Kiewer bezweifelt Fatime jedoch, dass dies funktionieren würde. Es wäre zu schwierig, alleine für die 3 Millionen Einwohner der Hauptstadt einen alternativen Wohnsitz zu finden - weder in der Ukraine, noch in Europa.
 

Denys Shmyhal. Foto: kmu.gov.ua.

Während die ukrainische Regierung Kiew auf eine mögliche Evakuierung vorbereitet, laufen die Reparaturen an den beschädigten Kraftwerken unter den erschwerten Bedingungen voran.

In diesem Zusammenhang erklärte der ukrainische Premierminister Denys Shmyhal in einer Ansprache am 8. November: "Die Evakuierung von Kiew wird als letzter Ausweg, als Notfallmaßnahme, eingesetzt werden, wir sollten immer einen Plan B haben, aber die aktuelle Situation ist noch weit davon entfernt, eine Evakuierung anzukündigen. Wir arbeiten daran, die volle Funktionsfähigkeit des Energiesystems wiederherzustellen".

Fatima sagt, dass sie und die meisten Ukrainer glauben, dass die Mitarbeiter der ukrainischen Elektrizitätswerke ihr Bestes tun, um die Stromkapazität und -funktion so wiederherzustellen, wie es vor dem 10. Oktober war. Sie hofft allerdings, dass es nicht lange dauern wird. 

 

Kiew vor den Stromausfällen. wallpaperflare.com.

 

Vor dem Krieg hatten die Einwohner Kiews nur selten einen Stromausfall.

 

Die Hauptstraße in Kiew "Chreschtschatyk" war schon immer hell

 

Interessante Fakten:

  • Die Ukraine verfügt über etwa 345 verschiedene Kraftwerke.
  • Die Ukraine exportierte ihren Stromüberschuss in die Länder der Europäischen Union.
  • Seit dem 10. Oktober hat die Ukraine mehr als 30 % ihrer Stromerzeugungsressourcen verloren, darunter 4 von 8 zerstörten Wärmekraftwerken.
  • Das Kernkraftwerk Saporoschje - das größte in Europa - hat seinen Betrieb eingestellt, nachdem es die Ukraine mit etwa 30 % ihres Gesamtstrombedarfs versorgte - dazu zählt der vollständige Strombedarf der Zivilbevölkerung.



 

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Kommentare

 

Auf dem Schlachtfeld bekommt es die russische Armee vor aller Augen zum wiederholten Male nicht geregelt. Den Russen bleiben im Grunde nur die heimtückischen Luftangriffe aus der Ferne, auf Zivilisten und deren Lebenswelt.
Spätestens jetzt erweist es sich als fataler Fehler, ganz zu Anfang des Krieges dem Bitten der Ukrainer zur Einrichtung einer Flugverbotszone nicht entsprochen zu haben.

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