O Purkersdorf!

07. Juni 2016

Irgendwie ist das wohl so ein Ding von meinen biber-Kollegen, Oden über ihre Wiener Heimatbezirke zu schreiben. Sie behaupten immer, in ihrem Bezirk gäbe es den besten Döner und die wenigsten Hipster. Außerdem weiß sowieso jeder, dass der Bezirk Y der Boss-Bezirk ist, mit den schrägsten Leuten und den besten Ausflugszielen.

Und wenn sie dann irgendwann ihren Heimatbezirk verlassen, um in einen anderen Bezirk zu ziehen, schreiben sie traurige Abschiedsbriefe und weinen heimlich am Redaktionsklo.

Eh klar

Mich haben sie dabei immer ausgeschlossen. Ja, sogar ein bisschen belächelt. Ich bin nämlich in Purkersdorf, einem Vorort von Wien aufgewachsen und habe bis zu meinem 24. Lebensjahr auch dort gewohnt. Ja, ich bin auch innerhalb von Purkersdorf umgezogen. Vom Pfarrheim in die Bahnhofstraße, in die Wintergasse und dann schließlich in die Wiener Straße in Purkersdorf Sanatorium (gehört bitte noch zur Kernzone Wien, darauf bin ich ur stolz). Gegenüber meines Elternhauses war damals eine riesige Anlage, auf der Rehe herumliefen und im Sommer immer „Alma“ aufgeführt wurde. Ich hatte von unserem Balkon aus die besten Plätze und konnte mit einem Fernglas das Stück beobachten, während meine Eltern als Anrainer sowieso Gratiskarten erhielten. Irgendwann wurden Wohnungen auf dieser Anlage gebaut, irgendwie traurig, aber auch verständlich – schließlich will jeder in Purkersdorf wohnen, eh klar.

Tofu und Fechten

Das Gymnasium, das ich in Purki (so dürfen nur Purkersdorfer Purkersdorf nennen!) besuchte, gehörte seiner Zeit zu den modernsten Gymnasien Österreichs. Wir hatten schon Beamer und Computer, da dachte man in Wien „WIFI“ steht nur für das Weiterbildungsinstitut der WK. In meiner Klasse wurde nicht mit Sucuk, sondern mit Tofu – Broten gedealt und mindestens fünf meiner Klassenkollegen waren hochbegabt, der Rest hatte schon ein paar Zweier im Zeugnis. Nach der Schule sind wir auch nicht in den Park gegangen, sondern nachhause (um zu lernen), zum Fechten oder nach Wien zum Elmayer-Tanzkurs. Im Sommer hat man dann am Pool einer Klassenkollegin gechillt. Nein, die Purkersdorfer sind trotzdem keine "Rich Kids", das sind sozial sehr engagierte Leute, viele Grün-Wähler. Bei der Stichwahl haben immerhin 61,78 Prozent der Purkersdorfer VdB gewählt.

Bester Döner

In Purkersdorf geht’s sogar den Obdachlosen besser als in Wien. Sie werden nicht gemieden, sondern namentlich gegrüßt und ab und zu spendiert ihnen jemand einen Döner. Apropos, was ich jetzt sage, wird mir eh keiner glauben, aber der Döner in Purkersdorf schmeckt zehn Mal besser als der in Wien. Wir haben nämlich nur einen wirklichen Döner-Stand, den am Hauptplatz, und der ist ein liebevoll geführter Familienbetrieb. Das einzige Manko an Purkersdorf sind die fehlenden Ausgehmöglichkeiten für junge Menschen. Während es für die Älteren zahlreiche „Beisln“ und „Stüberln“ gibt, wie das „Shakespeare Pub“ oder das "Zur Alten Linde". Und nicht zu vergessen das „Nikodemus“, in dem Österreichs A-Prominenz verkehrt. Immerhin findet im Sommer das Purkersdorfer Open Air Konzert statt, bei dem internationale Musiker, die vor 30 Jahren ihren letzten Hit hatten, auftreten - wie "Earth, Wind and Fire" oder aktuell Kim Wilde. Und wenn sich da keiner findet, kommt eben Wolfgang Ambros, den lieben die Purkersdorfer sowieso am meisten.

„Gemma Kirche“

Zwecks mangelnder Ausgeh-Optionen raucht der jugendliche Purkersdorfer seine erste Zigarette eben hinter der Kirche („Gemma Kirche“ ist unser „Gemma Mci“. Die Erwachsenen wundern sich seit Jahren über die Frömmigkeit der Jugend) und auf der Kellerwiese, auf der bei Tag Mütter und Väter mit ihren Kleinkindern spielen und zu Ostern das große Eiersuchen stattfindet, trinkt der Purkersdorfer Teenie nachts seinen ersten Vodka. Der einzige Zeuge: Der Esel, der einsam die Kellerwiese hütet. „Lebt der alte Esel eigentlich noch?“, ist die erste Frage, die der Purkersdorfer stellt, wenn er aus dem Urlaub zurückkommt. Der Kellerwiesen-Esel ist das inoffizielle Maskottchen Purkersdorfs. Mit 16 haben wir uns dann abends nach Wien getraut, auf die "High School Partys" im Rathaus oder ins Empire. Blöd nur, dass wir um 23h wieder losmussten, da der letzte Zug um Mitternacht abfuhr. Naja, bis 23h hatten wir die Tanzfläche zumindest nur für uns, mit Wienern konnten wir eh nicht so gut, die waren immer so aufgetakelt und eitel.

Heile Welt

Tja und nun bin ich seit einem Jahr selbst Wienerin. Ich habe das Abenteuer gewagt und bin vom behüteten Purkersdorf, in dem ich mein Fahrrad zwei Tage lang ohne Schloss am Bahnhof abstellen konnte (wirklich wahr!! Ich besaß fünf Jahre lang kein Fahrradschloss) ohne, dass es gestohlen wurde, in den 15. Wiener Bezirk gezogen - wenn schon, denn schon! In meinem ersten Monat in Wien wurden mir meine Sandalen im Schwimmbad gestohlen (Wer macht denn so etwas?). Weder die Bademeister noch die Schwimmbadbesucher wollten mir beim Suchen helfen („Vergiss es, die sind weg!“ ist kein Satz, den man in so einer Situation hören will). Als ich das empört meinen biber-Kollegen erzählt habe, kamen sie nur mit ihren skurrilsten Diebstahl-Erfahrungen aus Wien an (einem wurden die Schuhe vor der Wohnungstür gestohlen, seitdem betrachte ich argwöhnisch die Blicke meiner Nachbarn, die sie auf meine Schuhe richten). Okay, aber jetzt Klartext: Ich liebe Wien und ich liebe Rudolfsheim-Fünfhaus. Ich fühle mich seit dem ersten Moment an heimisch in Wien. Diese Stadt ist wundervoll und jeder, der das Gegenteil behauptet, hat keine Ahnung. Ich musste nach Wien ziehen, um wirklich erwachsen zu werden - meine Kindheit und Jugend aber wird immer in Purkersdorf bleiben. In dieser „heile Welt“ – Blase aufzuwachsen, unbekümmert und leicht, möchte ich nicht missen.

 

 

 

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