„Typen von unten heiraten eh nur für die Papiere.“

11. August 2016

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paper meme
Foto: memegenerator.net

Jeder, der Wurzeln am Balkan hat, wird diesen Spruch auf alle Fälle kennen. Es ist nämlich ein enorm weit verbreitetes Vorurteil, welches besagt, dass Männer oder auch Frauen, Personen in wohlhabenderen Ländern wie Österreich, nur für die sogenannten „Papiere“ heiraten wollen.

Für alle, die sich gerade fragen, was mit den „Papieren“ gemeint ist: Es geht um die Dokumente, die einem durch eine Heirat Aufenthalt und Arbeitsrecht sichern können. Aber stimmt es nun, oder stimmt es nicht ? Ist es wirklich nur ein dummes Gerücht oder gibt es solche Leute tatsächlich? Ich erzähle euch mal, was ich darüber weiß.

Fangen wir mit den bad news an: Jap, es gibt sie und ich kenne einige davon – leider. Männlich und weiblich, aber meistens männlich.

 

55 und für immer arbeitslos sucht Ehefrau in Wien     

Als ich im Juli in Mazedonien war, kam ein Bekannter zu uns zu Besuch. Er ist über 50 und ganz offen auf der Suche nach einer Frau, „damit er nicht alleine stirbt“. Als meine Eltern scherzhaft meinten, dass es hier doch genug Frauen für ihn geben würde, hat er sie darum gebeten, ihm eine Heiratswillige aus Wien zu besorgen. Der freshe Mister *sarkasmus* würde nämlich nur eine Frau aus dem Ausland heiraten. „Ach, hier kann man doch nicht gut leben, ich will hier weg“, meinte er. Keine Sorge, natürlich haben meine Eltern ihm keine Idiotin gesucht, die diesen Menschen auch noch heiraten würde.

 

Facebook und die Paper-Boys          

Auch bei den jüngeren Typen kann man ein eindeutiges Muster erkennen. Jeden Sommer in Mazedonien hagelt es nämlich bei wahnsinnig vielen Cousinen oder Bekannten von mir, die mit ihren Familien in Österreich oder der Schweiz leben, Facebook-Freundschaftsanfragen und Flirt-Nachrichten von Kerlen aus Mazedonien. (Also die Kerle, die dort auch leben und nicht nur Urlaub machen.) Die Nachrichten werden Inider-Jokes, mit denen meine Cousinen und ich uns gegenseitig verarschen. Letztes Jahr gab es einen jungen Kerl, der es bei vier meiner Cousinen gleichzeitig (!) versucht hat. Er hat alle angeschrieben und wollte sie unbedingt kennenlernen, weil sie ihm ja total aufgefallen sind. By the way, alle waren zufälligerweise aus Wien. Seine restliche Freundesliste? Fast nur junge Frauen aus der österreichischen Hauptstadt. Tja, ein klares Ziel hatte er ja immerhin.

Einige dieser Paper-Boys gehen gleich aufs Ganze. Ein Typ erklärte einer Freundin von mir, gleich bei der zweiten (!) Online-Unterhaltung, dass sie mit ihm das absolut perfekte Leben führen würde. Eigentlich war ihr nur langweilig und sie wollte ein bisschen Smalltalk. Well, that escalated quickly. Er wollte unbedingt sein Leben mit ihr verbringen und erzählte ihr, dass er sie, wenn sie heiraten, oft ans Meer und in viele Restaurants bringen würde. #mazedonischerromantiker #nawenndassoist

 

Nur Frauen aus dem Ausland bitte!“       

Auch eine Freundin aus dem Kosovo hat mir von einem Paper-Boy-Vorfall erzählt. Ihre Cousine wollte sie mit einem jungen Mann aus ihrem Bekanntenkreis verkuppeln. Sie hat den Kerl als gutaussehend und modern beschrieben. Und ob meine Freundin ihm denn auch gefallen würde, war laut ihr scheißegal, denn „er hat auch die schönsten Frauen von hier abgelehnt, er will nur Frauen aus dem Ausland, er würde dich sofort heiraten !“ Und ja, sie hat das „verlockende Angebot“ natürlich wütend abgelehnt.

Kommen wir nun zu den good news, bevor jetzt alle mit ihren Boyfriends und Girlfriends vom Balkan oder sonst wo Schluss machen. :P

 

Goodbye Familie, Freunde und Traumjob         

Natürlich sind nicht alle auf die Papiere scharf. Es gibt auch Männer und Frauen, die nie vorhatten in ein fremdes Land zu ziehen, es aber dann doch um der Liebe Willen getan haben. Familie, Freunde, Studienabschluss und Traumjob mussten zurückbleiben und ein neues Leben mit neuen Zielen musste her.

Der Ehemann meiner Cousine hat in Mazedonien sein Jus-Studium erfolgreich abgeschlossen und sehr gute Chancen auf eine Stelle gehabt. Sein Haus, seine besten Freunde und seine Familie, hat er für das Leben mit meiner Cousine in Wien zurücklassen müssen. Sein Studium ist hier nichts wert. Statt als Anwalt zu arbeiten, geht er hier einem einfachen Job nach. Er hat außer seinem Bruder auch keinen einzigen Blutsverwandten in Wien. Nur seine Ehefrau und seine Tochter, die er über alles liebt und für die er auch absolut alles tut. Ehe nur für die Papiere ? Offensichtlich nicht.

Auch der Mann meiner besten Freundin hat in Bosnien als Soldat seinen absoluten Traumberuf ausgeübt und damit deutlich mehr als die meisten dort verdient. Diesen Job aufzugeben war verdammt schwer für ihn. Noch schwerer war es, seine engsten Freunde, seinen Bruder und seine Eltern in Bosnien zurückzulassen, denn auch er hat in Wien keine Bekannten und keinen einzigen Blutsverwandten. Als Soldat darf er hier aufgrund der Gesetze nicht arbeiten, möchte sich aber einen ähnlichen Beruf suchen. Ein neues Leben zu beginnen, wenn man eigentlich alles hatte, ist nicht gerade einfach. „Wenigstens habe ich jetzt sie“, sagte er aber damals, als wir nach der Hochzeit zusammen nach Wien gefahren sind. Dabei sah er meine Freundin lächelnd an und strich ihr über ihre Haare. Paper-Search ? Again, definitely not.

 

 

 

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