Verliebt in einen Flüchtling

21. September 2015

Lisa* ist verliebt. Ihre Augen funkeln wenn sie vom Beginn ihrer Liebesgeschichte erzählt: Sie lernen sich über einen gemeinsamen Bekannten kennen. Flirten per SMS. Er ist genau ihr Typ: Schwarzes Haar, tiefe braune Augen, weiche Stimme. Lisa fragt, ob er sie zur Hochzeit ihrer besten Freundin begleiten will, er sagt zu. Sie reden und lachen viel an dem Abend.

Der Beginn einer neuen Liebe ist eine aufregende Zeit. Aber Lisa und ihr Freund können diese Zeit nicht so unbeschwert wie andere Paare genießen, denn Lisas Freund Abdullah* ist syrischer Flüchtling und seit neun Monaten in Österreich.

Zusammenziehen

Zunächst lebt er in einem Flüchtlingsheim in einem kleinen Dorf in der Steiermark. Dort fühlt er sich von Anfang an fremd. Die Leute starren ihn an, sein dunkler Teint, seine hagere Gestalt fallen auf. Die 40 Euro, die er im Monat bekommt, gibt er für Prepaid-Karten aus, damit er mit seiner Familie in Syrien und Lisa in Wien kommunizieren kann. Eines Tages wird er beschuldigt etwas aus dem Supermarkt gestohlen zu haben. Abdullah wendet sich an Lisa: „Ich habe nichts gestohlen, ich schwöre!“ Lisa kontaktiert die Leiterin des Heims, indem Abdullah lebt, sie möchte Abdullah zu sich holen. Die Heimleiterin willigt ein. Seitdem leben Abdullah und Lisa zusammen.

Zusammenziehen, ein großer Schritt den Paare nach reiflicher Überlegung wagen - Lisa und Abdullah hatten dafür keine Zeit. Statt auf romantische Dates zu gehen, verbringen sie ihre Tage mit Amtswegen. Wenn Zeit bleibt, lernt Lisa mit ihrem Freund Deutsch.

„I just want to sleep.“

Lisa weiß, wie schwer es ist eine neue Sprache zu lernen. Vor vier Jahre fing sie an Arabisch zu lernen, mittlerweile spricht sie es fließend. Abdullah konnte anfangs nicht glauben, dass Lisa wirklich Österreicherin ist. Er ist begeistert davon, wie perfekt sie Arabisch spricht und motiviert, selbst auch so gut Deutsch zu lernen. Denn er weiß, erst dann kann er Arbeit finden. In Syrien hat Abdullah ein Graphikdesign-Studium abgeschlossen. Dann ist der Krieg ausgebrochen. Abdullah wollte nicht im Militär kämpfen, seine Nachbarn erschießen, selbst sterben - er ist doch erst 26. Der Staat nimmt ihm seinen Pass weg, weil er nicht kämpfen will. Abdullah kratzt all sein Erspartes zusammen, die Familie borgt ihm Geld. Mit 15.000€ flieht er über die Türkei nach Griechenland. Dort wird er festgenommen, kommt ins Gefängnis. Er kommt frei, flieht weiter. Irgendwann kommt er in Österreich an, er hat tagelang nicht geschlafen. Er ist so müde. In seiner Verzweiflung sucht er die nächste Polizeistation auf: „I just want to sleep“, bittet er die Polizisten. Er kommt ins Gefängnis, dort findet er endlich Schlaf. Danach wird er für ein paar Tage nach Traiskirchen gebracht,schließlich kommt er in das steirische Dorf.

Was wird aus der Familie?

In den gemeinsamen Stunden mit Lisa vergisst Abdullah für ein paar Minuten den Schmerz, die Sehnsucht nach seiner Familie. Dann hat er ein schlechtes Gewissen: Er ist in Sicherheit, aber was wird aus seinen Eltern? So oft es geht, versucht er mit seinen Eltern in Syrien zu skypen. Sein Vater wagt sich nicht vor die Kamera, er kann es nicht ertragen seinen Sohn zu sehen und nicht zu wissen, ob er ihm jemals wieder begegnen wird.

Abdullah isst nicht, er schläft kaum – Lisa macht sich große Sorgen um ihn. Sie versucht ihn in ihren Freundeskreis zu integrieren, damit er Ablenkung findet. Abdullah, der zwar nicht streng gläubig ist, aber keinen Alkohol trinkt, fragt sie vor dem ersten Treffen mit ihren Freunden, ob er Alkohol bestellen soll, damit die Freunde nicht glauben, er sei ein Fundamentalist.

„Alle sind nett.“

Lisa schämt sich, wenn sie von Asylgegnern hört. Wenn sie mit Abduallah die Nachrichten schaut, möchte sie ihm nicht übersetzen, worum es geht, dass es Leute gibt, die gegen ihn sind. Die 24-Jährige schüttelt ihren Kopf, wenn sie hört, dass Asylwerber Frauen belästigen. Abdullah fällt es schwer Blickkontakt mit fremden Frauen zu halten, er hat nur Augen für seine Lisa. In Österreich ist vieles für ihn ungewohnt, Lisas zwei Katzen sind ihm noch immer nicht ganz geheuer, in Syrien ist es nicht üblich Tiere in der Wohnung zu halten.

Trotzdem sagt er: „Ich bin so froh hier zu sein, alle sind nett.“ Er schaut zu Lisa, sie tauschen verliebte Blicke aus. Kurz wirken sie wie ein normales Paar, dann verändert sich sein Blick und da ist er wieder, dieser Schmerz in seinen tiefen, braunen Augen – in die sich Lisa verliebt hat.

 

*Namen von der Redaktion geändert

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