Warum bekriegen sich die Ukraine und Russland? Mein Überblick

31. Mai 2021

Der Ukraine-Konflikt ist für vielen Menschen in Österreich ein unbekanntes Thema. Als gebürtige Ukrainerin versuche ich euch einen Überblick zum Konflikt zu verschaffen, der 44 000 Menschen das Leben kostete und seit 2013 meine Familie und mich in Atem hält.

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„Denke an deine Zukunft in Österreich. Zuhause ist es nicht mehr so sicher“. Mit diesen Worten warnten mich meine Eltern über WhatsApp. Das war im April. Der Grund: Die russischen Truppen würden sich auf einen neuen Angriff vorbereiten. Ich muss wieder um die Sicherheit meines Landes bangen.

Seit sieben Jahren ist der Frieden zwischen den einstig verbrüderten Völkern brüchig. Die ukrainische Regierung ist angesichts der Stärke Russlands machtlos. Deswegen sind NATO-Truppen in der Ukraine stationiert, angeführt von den Amerikanern, die militärische Hilfe in Form von Einschulungen anbieten. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beteiligt sich ebenfalls am angestrebten Friedensprozess. Ihr Ziel ist es zu beobachten, ob der Waffenstilstand eingehalten wird. Die Mehrheit des Westens unterstützt die Ukraine, was nicht weiter verwunderlich ist. Der Kreml nimmt die Worte des Westens jedoch nicht ernst. Der vor einem Jahr vereinbarte Waffenstillstand wird immer wieder gebrochen. Die Lage in meiner Heimat Ukraine ist angespannt. Aber warum kämpfen die ehemaligen orthodoxen „Brüder“ gegeneinander? Ich versuche das Puzzle in euren Köpfen zusammenzusetzen, damit ihr den Konflikt besser versteht.

Wie der Konflikt begann:

Winter 2013. Die ukrainische Bevölkerung wollte sich unbedingt Richtung Europa bewegen. Die Regierung mit dem damaligen Präsidenten Viktor Yanukovich fuhr einen pro-russischen Kurs, was viele Menschen verärgerte. Am 21. November 2013 begann eine Welle blutiger Proteste zwischen der Bevölkerung und der Polizei. Die damaligen Ereignisse gingen in die Geschichte als „Euromaidan“ oder „die Revolution der Würde“ ein, da es um die Würde der Menschen, Freiheit der Demokratie ging. Sie endete in einem Machtwechsel der Politik. Der nächste gewählte war Präsident Petr Poroschenko, er versuchte, die aufgeheizte Lage in der Ukraine zu einem ruhigen Zustand zu bringen. Der Anfang Poroschenkos Präsidentschaft war vielversprechend. Dadurch sah die Normalisierung innerhalb des Landes möglich aus. Trotzdem gab es ein „Aber“. 

Euromaiden war einerseits ein Gipfel der politischen Auseinandersetzungen. Wir konnten uns nie vorstellen, dass sich die Lage so zuspitzen würde. Andererseits war „die Revolution der Würde“ ein Ausgangspunkt des Krieges im Osten. Apropos: der Konflikt wird in Österreich selten als „Krieg“ bezeichnet. Osteuropäische Probleme scheinen im Westen nur die wenigsten zu interessieren. Die traurige Realität wird auch heute in westlichen Medien kaum präsentiert. Die ukrainischen Nachrichtensendungen beginnen ständig mit dem kurzen Bericht aus den Kriegsgebieten (Donezk und Lugansk). Es vergeht kaum ein Tag, an dem ein Soldat nicht getötet oder verletzt wurde. Laut der UNO starben in den letzten sieben Jahren zwischen 42.000 und 44.000 Menschen in Donbass.

Die Spuren der Sowjetunion sind immer noch spürbar

Die Ukraine war immer eine Pufferzone zwischen dem Osten und dem Westen. Die Sowjetunion hinterließ Spuren in den Köpfen der Menschen. Viele EinwohnerInnen der Ostukraine wollten zu Russland gehören. Infolgedessen teilte sich die ukrainische Gesellschaft in zwei Lager: Die europaorientierte Seite einerseits und die prorussische Flanke andererseits. Die Regierung in Kiew musste zwischen den beiden Lagern ausbalancieren.

Für EU und NATO ist die Ukraine zur einer Zone geworden, in der die Verbreitung von „Russkij Mir“ (der sogenannte „russische Frieden“ - so wird die russische Propaganda bezeichnet) gestoppt werden muss. Deswegen wurden mehrere Sanktionen gegen Russland verhängt. Und deshalb setzt sich die westliche Politik vehement für den eingesperrten ukrainischen Oppositionellen Alexej Navalny ein. Die Verstöße gegen Meinungsfreiheit und Menschenrechte sind nur einige Gründe, den moskauischen Einfluss auf die Welt zu bekämpfen.  

Russland bleibt unerschütterlich

Die Ukraine ist ein wesentlicher geopolitischer Spieler. Warum? Die Antwort liegt außerhalb des Landes. Von der Ostukraine bis zum Kaspischen Meer gibt es einen Korridor. Er wird oft als "Wolgograd-Korridor" bezeichnet. Das Land, das das ukrainische Territorium (nämlich den Osten des Staates) beherrscht, könnte Russland den Zugang zum Kaukasus sowie zum Schwarzen und Kaspischen Meer abschneiden. Den Beweis dafür findet man in der Geschichte. Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges versuchte einst Deutschland die Ukraine einzunehmen. Ein Grund dafür war der Wolgograd-Korridor.

„Die beste Verteidigung ist der Angriff“ - Nach diesem Plan agiert Moskau in Bezug auf viele Länder. Der Kosakenheimatstaat, so nennt man im Volksmund die Ukraine, ist keine Ausnahme. Nach der Krim-Annexion könnten weitere ukrainische Gebiete in die Hände der Russen fallen. Die ukrainische Bevölkerung im Süden ist nicht umsonst besorgt: Es geht um eine mögliche Verbindung zwischen Donbass und der annektierten Halbinsel. Das sollte zur vollständigen Kontrolle der Russen über den Nord-Krim-Kanal führen. 75% des Süßwassers wurde durch den Kanal in die Krim gebracht, die momentan katastrophal unter dem Wassermangel leidet.

60% der UkrainerInnen wünschen sich einen EU-Beitritt. Wie groß ist die Chance?

Der siebenjährige Krieg erschöpfte beide Seiten. Russische sowie ukrainische Mütter verloren ihre Söhne, Schwestern sehen ihre Brüder nie wieder, und Ehefrauen müssen ihre Kinder ohne Väter erziehen. BürgerInnen wurden dazu gezwungen, für politische Entscheidungen korrumpierter Elite den Kopf hinzuhalten. Während die EU Russland mit Sanktionen zu erschrecken versucht, verlieren beide Seiten weiter Menschenleben.  Die Ukraine braucht konkrete entschlossene Entscheidungen. Selbst für die Mentalität entsteht ein Dilemma: weitere korrumpierte Zukunft mit Russland oder faires Leben, in dem man gesetztreu sein muss. Leere Versprechungen während der „Friedensgipfel“ bringen de facto keinen Frieden.

Wenn man die Situation mit anderen Weltkonflikten vergleicht, geht es in den meisten Fällen um Selbstidentität (Ethnie, Landezugehörigkeit, Religion). Die UkrainerInnen (60% der Bevölkerung) verstehen sich seit langem als ein Teil der Europa. Deswegen erwarten die Leute Unterstützung von potentiellen politischen Partnern. Der Westen wird aber nur helfen, solange sich die UkrainerInnen bemühen, um für die europäische Angehörigkeit zu kämpfen. Die europäische Neigung zur Ukraine sorgt für eine angespannte Beziehung mit Russland. Der Kreml bekommt wiederum erst dann eine gute Beziehung mit dem Westen, wenn die territoriale Unversehrtheit der Ukraine anerkannt wird. Die Frage ist, ob Russland eine Zusammenarbeit mit dem Westen wirklich braucht. Durch die Freundschaft mit dem Iran und China öffnet Moskau Türen zu neuen Wirtschaftschancen. Mit dem Blick auf neue politische und wirtschaftliche Perspektiven mit Asien und Nahost-Ländern kann der Kreml die Warnungen der EU und USA weiter ignorieren. Den Weltspitzen zuzuhören bedeutet für Putin, sich zu unterwerfen. Daher spielt der Kremlchef mit anderen Spielern und nach eigenen Regeln, die er jederzeit ändern kann. 

 

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