Was hältst du von Erdoğan?

08. August 2016

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Erdogan
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Meinung auf Wiens Straßen

Es verging kaum ein Tag während der letzten Wochen, an dem es die Türkei oder ihr Staatsoberhaupt nicht auf die Titelseiten der europäischen Medien geschafft hätte. Der Tenor war großteils negativ und auch die österreichische Bevölkerung ließ per Social Media ordentlich Dampf ab über die Situation in der Türkei – mit ziemlich extremen Wortmeldungen. Einige Fans des türkischen Präsidenten machten sich mit Demonstrationen in Deutschland nicht unbedingt beliebter. Sofort galten alle Erdoğan-Fans als zurückgeblieben, integrationsunwillig oder dumm. Da ich weiß, dass die Mehrheit der in Österreich lebenden Türken ebenfalls Pro-Erdoğan ist (bei der Türkei-Wahl 2015: 64% für AKP), wollte ich von den türkischen Wienern persönlich wissen, was sie über ihn denken. Auf meiner Suche nach Antworten habe ich mit 10 unterschiedlichen in Wien lebenden Türken gesprochen und sie nach ihrer Meinung gefragt.

„Die Türkei sollte stolz auf ihn sein“

„Ich bin ein Erdoğan -Fan. Ich bin stolz auf ihn. Die Türkei sollte auch stolz darauf sein, dass sie Erdoğan hat“, sagt Onur (16). „Obwohl ich manche seiner Ansichten nicht richtig finde und er sich manchmal nicht formell genug ausdrücken kann, denke ich, dass er ein Präsident ist, der dem Volk wirklich nahesteht. Er repräsentiert das, was die Mehrheit der Bevölkerung möchte“, meint Ebru (23). Uğur (23) steht dem Ganzen schon etwas skeptischer gegenüber: „Persönlich hat er mir am Anfang sehr gefallen. Er hat auch viel für die Türkei gemacht. Mittlerweile ist seine Persönlichkeit aber nicht mehr gut für die Repräsentation der Türkei.“

Reumannplatz; Türke

Mehr Respekt bitte

Die Befragten sind sich jedoch einig: Egal, was man von ihm hält oder ob man seine Meinung teilt, er repräsentiert einen Staat und alleine deswegen sollte man ihn respektieren. Ob das in Europa der Fall ist? Die meisten verneinen diese Frage. „Fast ganz Österreich redet schlecht über Erdoğan und das finde ich nicht so toll, weil er auch nicht schlecht über den österreichischen Präsidenten redet. Im Internet auch. Auf Facebook kommentieren alle ‚Scheiß Erdoğan!‘ Was soll das sein?“, fragt sich Onur.

Lasst die Religion aus dem Spiel

Metin (53) ist Kurde. Er lebt schon seit vielen Jahren in Österreich und für ihn ist Erdoğan ein Diktator: „Er will die Meinungsfreiheit von Journalisten und Schriftstellern unterdrücken und ich bin dagegen.“ Was ihn auch stört ist, dass bei Erdoğan der Islam immer zum Thema wird. Seiner Meinung nach hat Religion nichts in der Politik verloren. Der Präsident möchte die Türken mit dieser Masche nur beeinflussen. Ob er sich aufgrund der neuesten Ereignisse Sorgen mache? „Sie sehen eh, was in Wien passiert. Sie [Erdoğan-Anhänger] haben kurdische Lokale verwüstet, dann haben sie kurdische Vereine verwüstet.“ Angst habe er keine, aber man müsse dagegen vorgehen.

Anderes Land, andere Sitten

Mehr als die Hälfte der Befragten hat regen Kontakt zur Türkei. Die meisten sind zumindest einmal im Jahr dort und auch wenn sie in Österreich sind, informieren sie sich neben den österreichischen Medien auch über türkische Nachrichtensender und Online-Zeitungen. Besonders bei solch heiklen politischen Themen ist es ihnen wichtig, sich beide Seiten anzuhören. Uğur kritisiert die Art, wie in den österreichischen Medien über die Türkei berichtet wird: „Vieles muss nicht stimmen oder vieles muss man anders sehen. Wir sind ein muslimisches Land und wir haben andere Traditionen und andere Sitten.“ Generell werde der ganze Konflikt in den türkischen Nachrichten viel milder dargestellt, als in den europäischen. Ob die einen verharmlosen oder die anderen übertreiben, kann er mir nicht genau sagen – aber wahrscheinlich beides.

„Man sollte nicht groß reden, wenn man kein Türkisch kann“

Auch Selin (23) findet die Berichterstattung in den österreichischen Medien überzogen: „Die ganzen Spitznamen für ihn – ich finde es eigentlich sehr lustig, wie die Medien alles negativ übertreiben können.“ Was sie ärgert ist, dass immer alle mitreden wollen und ihr andere Sichtweisen aufzwingen wollen. „Man sollte nicht groß reden, wenn man kein Türkisch kann und die türkischen Medien nicht versteht“, kritisiert sie.

Uğur hat oft das Gefühl, sich für seine Herkunft und die Aussagen des türkischen Präsidenten rechtfertigen zu müssen. Er sieht es nicht als seine Aufgabe, mit anderen über türkische Politik zu diskutieren. Deswegen geht er solchen Kontroversen meist aus dem Weg. Vielen anderen ist es egal. Onur hatte deswegen schon einen Streit mit seiner Lehrerin. Er war nicht damit einverstanden, was sie über Erdoğan sagte und verteidigte seine Ansichten: „Sie weiß gar nichts über ihn und will mir erklären, was ich darüber denken soll?“

Reumannplatz; Türke

Sie fordern Lösungen

Während der Interviews rechtfertigen sich die Befragten dafür, Erdoğan-Anhänger zu sein. „Sagen Sie dazu, dass ich nur eine sehr geringe Rente habe, wenn Sie Ihren Artikel schreiben“, verlangt Yılmaz (59). Er weiß, dass Erdoğan-Fans in Österreich nicht gerne gesehen sind. Doch das geringe Einkommen ist für ihn ausschlaggebend, warum sich so viele von der österreichischen Politik abwenden. Erdoğan gibt ihnen Hoffnung. Er versteckt sich nicht hinter abgedroschenen Floskeln und leeren Versprechen. Er bietet Lösungen an, meint auch Selin. Und das ist etwas, was sie von der EU nicht bekommen.

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