Wer, wenn nicht wir?

30. November 2015

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jung, Melisa
Glück statt Geld

Wenn ich an meine Generation, die Generation Y, denke, fällt mir sofort ein Begriff ein: Selbstinszenierung. Wir sind Meister darin uns selbst ins bestmögliche Licht zu rücken. Es braucht keine tieferen psychologischen Kenntnisse um zu erkennen, warum: Wie so oft sind soziale Netzwerke die Ursache allen Übels. Wir Leben in einer Welt voller Filter, Schokoseiten und Bearbeitungs-Apps. Die ungeschminkte Wahrheit will keiner sehen, der perfekte Schein interessiert uns viel mehr.

Und mit jedem Like wächst unser Ego. Dass man durch soziale Netzwerke sogar Geld verdienen kann, bestärkt uns noch mehr in unserem Glauben, dass unserer Generation alle Türen offen stehen. Nur wir können mit Videos über unsere Make-Up - Routine zu Millionären werden. So leicht konnte keine Generation vor unserer Erfolg haben.

Etwas Besseres

Durch dieses Wissen haben sich unsere Ansprüche an die Berufswelt verändert. YouTuber, Blogger, Digital Influencer – sie sind selbstständig, arbeiten wann und wo sie wollen, bereisen die Welt und werden dafür bezahlt. Das wollen wir auch, schließlich sind diese Social-Media - Größen Menschen wie wir. Sie kommen weder aus gutem Hause, noch haben sie Connections gebraucht um berühmt zu werden - es reicht, sich selbst zu inszenieren. Wir geben uns nicht mehr mit einer 40-Stunden-Woche zufrieden. Wir wollen nicht von Wochenende zu Wochenende leben. Arbeit soll sich nicht wie Arbeit anfühlen. Unsere Eltern haben nicht umsonst für unsere Zukunft geschuftet. Wir verdienen etwas Besseres.

Wofür?

„Mein Ziel ist es, niemals mehr als 30 Stunden pro Woche zu arbeiten“, erzählt mir meine Bekannte Jasmina. Seit drei Jahren arbeitet sie nun schon auf Honorar-Basis im Bereich Marketing. Während sich ihre Eltern eine Vollzeit-Anstellung für sie wünschen, denkt Jasmina nicht einmal daran: „Wofür? Meine Eltern haben ihr Leben lang Vollzeit gearbeitet. Sie hatten nie Zeit für sich und jetzt, kurz vor der Pension, schauen die Aussichten nicht grad rosig aus.“ Jasmina will nicht Vollzeit arbeiten nur um später bestenfalls mehr Rente zu kassieren. „Heutzutage ist sowieso nichts fix. Wer weiß, wie das sein wird, wenn ich in Pension gehe.“ Mit Mitte zwanzig interessiert sie das alles nicht. Jasmina lebt im Jetzt und jetzt ist sie glücklich, so wie es ist. Ihr Wochenende beginnt schon am Donnerstag. Sie kann Urlaub nehmen wann sie möchte.

Glück statt Geld

Mit 1300 Euro im Monat wird sie zwar nicht reich, aber das ist auch nicht ihr Traum. Für ihr WG-Zimmer und drei bis vier Reisen im Jahr reicht es. Zeit für sich, persönliches Glück - das ist ihr wichtiger als Statussymbole. „Außerdem möchte ich gar nicht ewig im selben Unternehmen arbeiten, vielleicht nicht mal im selben Berufsfeld“, sagt die 24-Jährige. Sie möchte sich nicht so früh an einen Job binden. Angst irgendwann arbeitslos zu sein, hat sie keine: „Ich weiß, was ich drauf habe“, sagt sie selbstbewusst. Ihr einziges Kriterium auch für ihre zukünftige Arbeitsstelle: Nicht mehr als 30 Stunden die Woche arbeiten.

Dass der Trend tatsächlich hin zur 30-Stunden-Woche gehen könnte, beweist auch das Experiment der schwedischen Stadt Göteburg. Im Februar wurde dort Testweise der Sechstundentag eingeführt – das Gehalt bleibt dabei gleich. Das Modell könnte auch Vorreiter für Österreich sein. Laut Better-Life-Index der OECD ist der Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit in Österreich mangelhaft. Österreich ist nach Griechenland Spitzenreiter im Überstunden-machen.

Kein Bock

Wir machen da aber nicht mehr mit. „Kein Bock. Wer schreibt einem vor, dass die Arbeitswoche aus fünf Tagen besteht. Dieses Arbeitsmodell ist veraltet“, sagt Paul. Der 28-Jährige ist Fotograf und selbstständig. Auch er wird mit seinen Aufträgen nicht reich, aber Zeit ist ihm sowieso viel kostbarer: „Meine Eltern haben sich abgerackert, sie hatten nicht einmal Zeit ihr Geld auszugeben.“

Paul sagt, er könne sich nicht vorstellen, jemals für jemanden anderen als für sich selbst zu arbeiten. „Wieso soll ich mich kaputt hackeln nur um den Traum von jemand anderes zu verwirklichen?“ Paul hat kein Büro, er shootet immer woanders, von Zuhause aus bearbeitet er dann die Fotos.

Homeoffice

Von Daheim aus arbeiten, das könnte auch für Angestellte zur Realität werden. In den Niederlanden besteht seit Juli sogar Rechtsanspruch auf Heimarbeit. 32 Prozent der Niederländer nutzen diesen Anspruch bereits. In Schweden arbeiten 26 Prozent von Daheim aus, in Großbritannien 20 Prozent. „Das ist die Zukunft!“, sagt Jasmina. Auch sie geht an manchen Tagen nicht ins Büro, sondern arbeitet von Zuhause aus. „Oft bleibe ich nur bis Mittag im Büro, esse dann gemütlich zuhause und arbeite dann gleich von Daheim weiter“, so die 24-Jährige. „Ehrlich gesagt, bin ich zuhause viel effektiver, ich fühle mich dort einfach wohler und habe mehr Ideen“, sagt Jasmina. Leistung kann sowieso nicht an der Zeit, die man im Office verbringt, gemessen werden. Wir wollen unsere Zeit nicht sinnlos im Büro absitzen – dafür ist sie uns zu wertvoll.

Obwohl die Arbeitslosenzahlen steigen, die Wirtschaft im Keller ist und wir in einer Ellbogengesellschaft leben – irgendwie macht uns das alles keine Angst. Unsere Eltern haben hart geschuftet, damit wir die Schule abschließen, ein Auslandsjahr machen – uns selbst finden können. Wir sind im digitalen Zeitalter groß geworden und haben mitbekommen, was alles möglich ist. Und diese Möglichkeiten werden wir nutzen – wer, wenn nicht wir?

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