Wieso überhaupt türkisch heiraten?

14. April 2016

Ja, ich habe mich sehr über den Text meines Kollegen Onur Kas „Warum ich keine Türkin heiraten werde“ aufgeregt. Denn ich finde es unglaublich naiv, voraussagen zu wollen, in wen man sich auf keinen Fall verlieben wird. Mit meiner Entrüstung stand ich nicht alleine da, unglaublich viele Türken und Türkinnen haben ihre Wut in den FB-Kommentaren in Worte gefasst. Aber im Gegensatz zu mir hat sie nicht der Aspekt der starren Vorstellung von Liebe gestört, sondern, dass die türkische Kultur in den Dreck gezogen wird. Auch wenn mir Onurs Unterton nicht gefällt, der Titel sehr provokant ist und ich das Inzest-Argument unnötig finde - was Onur in seinem Blog beschreibt, stimmt größtenteils: Wenn man seine türkische Schwiegermutter nicht „Anne“ nennt, bricht man ihr das Herz. Küsst man den Älteren nicht die Hand, gilt man als respektlos, 90 Prozent der Gäste auf der eigenen Hochzeit wurden von den Eltern eingeladen, weil auch die Eltern den Großteil der Hochzeit organisieren. Wer sagt, dass das nicht beim Großteil der in Österreich lebenden Türken zutrifft, der lügt.

Anne und Baba haben das Sagen

Was mich also gewundert hat, ist, dass sich so viele TürkInnen über Onurs Blog aufgeregt haben, obwohl er die Realität abbildet und die ist ja eh okay, Schwiegereltern treffen, Cay trinken – es gibt schon Schlimmeres im Leben. Vielen Usern geht es doch eher darum, dass Onur es wagt, das alles offen zu kritisieren. Dabei habe ich viele junge TürkInnen kennengelernt, die wie Onur denken, die lieber kleine Hochzeitsfeste hätten und nur ihre Mama „Anne“ nennen wollen. Aber sie „trauen“ sich nicht, ihre Wünsche offen zu artikulieren. Sie kommen einfach nicht gegen die Vorstellungen der Eltern an. Und ich spreche hier nicht von streng erzogenen jungen Leute. Das sind auch junge Menschen die Party machen, Alkohol trinken, Minirock tragen, tätowiert sind oder alleine im Ausland studieren.

Doch geht es um die Hochzeitsplanung und die Ehe, haben Mama, Papa und die Schwiegereltern viel Mitspracherecht. Das liegt zum Teil auch daran, dass viele junge Erwachsene einfach zu bequem sind. Schließlich lassen sich viele von den Eltern die Hochzeitsfeste bezahlen und sogar die Wohnungseinrichtung - natürlich erwarten sich Anne und Baba dann ein Mitspracherecht.

Seid selbstständig!

Meine Mutter hat immer gesagt: „Wenn du dir deine Ehe nicht selber finanzieren kannst, bist du nicht so weit, zu heiraten.“ Doch in vielen türkischen Familien ist es eben wichtig, dass die Kinder ab 25 Jahren heiraten. Natürlich hat in dem Alter nicht jeder genug Geld gespart, um sich eine schillernde Hochzeitsfeier und die Wohnung zu finanzieren. Diese Kosten übernehmen dann die Eltern, Hauptsache die Kinder heiraten. Und so dreht sich das Rad immer weiter. Weil es aber zu anstrengend ist, diese Strukturen zu durchbrechen, schreibt man sie der „KULTUR“ zu. „So ist das eben bei uns Türken“, rechtfertigt man die eigene Bequemlichkeit. Natürlich tut es dann umso mehr weh, wenn einer offen Kritik übt, wo wir doch wissen, dass seine Kernaussage stimmt. Ich würde mir weniger falschen Stolz wünschen und mehr Selbstständigkeit. Wenn ihr die Hände von Älteren nicht küssen wollt, es satt habt, als Frau den Kaffee für die Familie vorzubereiten, ihr eure Hochzeit nur mit 50 Gästen feiern wollt, dann kämpft für diese Rechte. Ansonsten werden noch in 100 Jahren alle türkischen Hochzeiten gleich ablaufen. Und die, die immer am gelangweiltesten auf den Hochzeitsfesten dreinschauen, jede Ausrede nützen, um nicht schon wieder auf eine Hochzeit gehen zu müssen, sind trotzdem die, die sich unter diesem Blog aufregen werden, dass ich Blödsinn schreibe. Interessanterweise hat der biber-Blog "Svadbas sind zum Kotzen", der mazedonische Hochzeitsfeste kritisiert, nicht ansatzweise so viele böse Kommentare hervorgerufen, wie Onurs Blog. Bei aller Liebe zur Kultur - Individualität und Kritikfähigkeit sollten immer Vorrang haben.

 

Folgt Melisa auf Twitter @MelisaErkurt

 

 

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