3 Minuten mit Sihaam Abdillahi

01. Dezember 2020

Straight aus der Schule. Wir haben bei Landeschülervertreterin Sihaam Abdillahi nachgehakt, wie sie die Schulpolitik im zweiten Lockdown bewertet und ob im E-Klassenzimmer über den Terroranschlag in Wien geredet wurde.

Von Yasmin Maatouk, Fotos: Zoe Opratko

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

BIBER: Du als Landesschülervetreterin und Schulsprecherin wirst es wissen: Wie ging es den Schüler*innen mit dem 2. Lockdown?

SIHAAM ABDILLAHI: Distance Learning verursacht flächendeckend Unmengen an Stress und Überforderung bei den Schüler*innen. Auch im 2. Lockdown. Viele Schüler*innen haben keinen eigenen Raum, um sich auf das Homeschooling zu konzentrieren. Wie sieht das bei dir zuhause aus? Wir sind zu siebt in einer Dreizimmerwohnung. Dementsprechend teile ich mir mein Zimmer mit meiner Schwester, welche zur selben Zeit auch ZoomMeetings hat. Das kann echt störend sein. Ich persönlich kann mich generell zu Hause nicht so gut konzentrieren. Vor Corona habe ich nie daheim gelernt, weil dort für mich keine Lernatmosphäre ist. Dadurch brauche ich für dieselben Aufgaben noch einmal länger als früher.

BIBER: Was hättest du dir als Schulsprecherin von der Politik in den letzten acht Monaten erwartet?

SIHAAM ABDILLAHI: Ich bin sehr enttäuscht vom Coronamanagement der Politik. Ich hätte mir erwartet, dass man den Schichtbetrieb an den Schulen erweitert. Ich kann dieses Schwarz-Weiß-Denken der Politik nicht nachvollziehen: entweder komplett normaler Schulbetrieb oder harter Lockdown. In meinen Augen wären ein Schichtbetrieb und mehr Raummöglichkeit bei weitem effizienter als mal zu lüften oder von uns Schüler*innen zu erwarten, dass wir ständig eine Maske tragen. Letzteres ist womöglich das Frechste, was der Herr Faßmann je angeordnet hat.

BIBER: Versprochen war ja, dass das Bildungsministerium Laptops für diejenigen zur Verfügung stellt, die einen brauchen. Sind die Laptops auch wirklich angekommen?

SIHAAM ABDILLAHI: Ja und Nein. Von dieser Aktion haben nicht viele profitiert. Selbst ich als Schulsprecherin habe von der Aktion viel zu spät mitbekommen – da stellt sich die Frage, wie seriös die Aktion wirklich war, wenn man sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, alle Betroffenen zu erreichen. Es gibt rund 47.000 Schüler*innen, die sich nicht die digitale Ausstattung leisten können, um Homeschooling möglich zu machen. An 7.000 von ihnen wurden die versprochenen Laptops verteilt. Somit werden immer noch 40.000 von ihnen im Stich gelassen. Das ist eine Frechheit. Die Bildungschance darf nicht von der Geldbörse der Eltern abhängig gemacht werden. (Anm. d. Red.: Auf Anfrage beim Bildungsministerium wurde uns mitgeteilt, dass alle Schulen, die vor Beginn des Schuljahres Laptops angefragt haben, diese auch erhalten haben.)

BIBER: Wie sieht dein aktueller Schultag aus?

SIHAAM ABDILLAHI: Ich stehe um 8 Uhr auf. Dann checke ich meine Unterrichtseinheiten und stelle regelmäßig fest, dass sich etwas verändert oder verschoben hat oder ergänzt wurde. Das Ziel ist es ja, die Arbeitszeit während des Distance Learnings an den Aufwand im normalen Schulbetrieb anzugleiche. Das ist definitiv misslungen! Oft kommen während meines durchgeplanten Corona-Schultages zusätzliche Aufgaben mit knappen Abgabezeiten rein. Schule verschmilzt fast komplett mit meiner Freizeit.

BIBER: Hast du auch etwas Positives seit dem Lockdown 2.0 im Homeschooling beobachten können?  

SIHAAM ABDILLAHI: Weil der eigentliche Unterricht indem Fragen gestellt werden können viel zu knapp kommt, helfen wir uns in der Klasse gegenseitig viel mehr. Wir bringen uns quasi alles, so gut es geht, gegenseitig bei. Zum Glück gibt es die Gaming-Plattform: „Discourt“. Auch wenn nicht ursprünglich dafür gedacht, eignet sie sich voll gut für Videochat und Gruppenarbeiten. Die Pro Version von „Zoom“ zahle ich sicher nicht.

BIBER: Du besuchst eine AHS und bist derzeit in der 7. Klasse. Machst du dir als Schülerin Sorgen um deine Matura?

SIHAAM ABDILLAHI: Ja, klar! Genauso wie die meisten aus meiner Klasse. Schularbeiten in Englisch, Deutsch, Latein, Mathe und Französisch mussten verschoben werden. Zusätzlich muss die VWA geschrieben werden und die Matura steht auch vor der Tür. Es ist einfach frech und schamlos zu erwarten, dass wir Schüler*innen mit den normalen Voraussetzungen maturieren sollen, der Lehrplan nicht der jetzigen Situation angepasst wird und wir keine andere Wahl haben, als zu versuchen gegenseitig die Lehrerin zu spielen! Nicht jeder von uns hat Akademiker*innen-Eltern. Nicht jeder von uns hat die Ressourcen, um digital mitlernen zu können.

BIBER: Wurde im Unterricht über das Attentat vom 2. November gesprochen? 

SIHAAM ABDILLAHI: Das Attentat wurde grundsätzlich gar nicht thematisiert. Nur ein: „Ich hoffe es geht euch gut!“, und ein: „Wart ihr eh daheim?“, bekam ich von Lehrer*innen zu hören. Einerseits fand ich das ziemlich blöd, aber andererseits bin ich happy darüber, dass es zu keiner Diskussion über das Attentat kam. Dadurch wurde ich nämlich nicht unter Druck gesetzt, mich öffentlich distanzieren zu müssen. Von anderen muslimischem Freund*innen musste ich leider oft davon hören, wie sie im Rahmen ihres Unterrichts aufgefordert wurden, Stellung zu beziehen.

BIBER: Wie war es für dich als erkennbare Muslima nach dem Attentat in der Öffentlichkeit?

SIHAAM ABDILLAHI: Ich hatte so Angst, raus zu gehen, dass ich tagelang nicht einmal für einen kurzen Spaziergang die Wohnung verlassen habe. Ich trage sehr gerne über mein Kopftuch einen Bucket Hat, und seit dem Attentat fühle ich mich so, als würde ich das jetzt immer tragen müssen, um mich vor Ausgrenzung und Schlimmerem bewahren zu können. Meine Mutter war sehr aufgebracht. Sie ist wegen Angst und Hass geflüchtet und dann soll es auch in Österreich Grund zur Angst geben?

WER IST SIE?
Name: Sihaam Abdillahi
Alter: 17
Lieblings-Statement: „Die Menschheit ist oarg verkorkst!“
Besonderes: Trägt einen Bucket Hat über ihrem Kopftuch aus Modegründen und weil sie sich damit sicherer vor Rassismus fühlt

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