Time to say "gudbaj!"

14. Dezember 2023

Zum Abschied gibt es kein Trompeten­rambazamba. Einfach ein leises: Ajde ćao, brate!

Von Ivana Cucujkić-Panić

 

Zum Abschied gibt es kein Trompetenrambazamba. Einfach ein leises: Ajde ćao, brate!
Zum Abschied gibt es kein Trompetenrambazamba. Einfach ein leises: Ajde ćao, brate! Foto: Zoe Opratko

Die erste Liebe vergisst man nicht. Die erste Redaktionssitzung mit scharf auch nicht. Es war biber auf den ersten Blick. Ein zusammengewürfelter Haufen Kids of Dijaspora, die auf der Suche nach dem (beruflichen) Sinn des Lebens waren, im Inserat nicht genau gelesen haben, dass das nicht bezahlt wird, oder einfach eine neue Flirtzone abchecken wollten.

Wir saßen zu fünfzehnt, in einem unbeheizten Keller(?)raum und versuchten, das erste deutschsprachige Diversitymagazin zu machen. Pioniervibes lagen in der Luft. Und wir hatten ziemliche Narrenfreiheit.

Biber pioniri

Wir durften Vieles ausprobieren, fast alles war erlaubt. Manches davon peinlich, einiges scharf an der Grenze des guten Geschmacks und würden wir heute wohl so nicht mehr schreiben. Es war ein Open Space der Identitätsfindung junger Menschen, die zum ersten Mal „irgendwas mit Medien“ machten und sich handwerklich ausprobierten. Und da saßen sie dann, die erste Redaktion des biber im Gassenlokal eines Bobo-Bezirks, in dem fast niemand von ihnen nicht ansässig war. Manche mit Kriegserfahrung, manche geflüchtet oder hier geboren. Erste, zweite, dritte Generation. Alle mit einem  Rucksack Identität, Verlust, kulturellem Dilemma, Stolz, Wut, Neugier, Humor und dieser unglaublichen Überzeugung, hier passiert grad etwas Einzigartiges und wir sind dabei. Ja, es war einzigartig.

Pizza gab es als Dankeschön

Manchmal verhedderten wir uns in den Redaktionssitzungen in ethnische Konflikte, trugen die Konflikte der alten Heimat in Wien Neubau aus, waren beleidigt, haben geflucht.

Und weil wir trotzdem alle am Ende des Tages Wiener Tschuxln waren, machten wir in der Redaktion den Griller an und drehten ein paar Čevapi, während die letzten Texte fertiggetippt wurden für die nächste Ausgabe. Die wir dann gemeinsam verpackt und mit Postpickerl beklebt haben. Zigtausende. Bis in die Nacht hinein. Gratis. Nein. Pizza gabs als Dankeschön. Naja. Aber der Pioniergeist war zu sehr angefixt und wir Jugos und Türken zu tief im Muster unserer Gastarbeiter-Eltern, für den Arbeitgeber Leib und (Privat)Leben zu geben.

Genau diese toxische Kombination aus naivem jugendlichen Idealismus und Überzeugung, bei etwas echt Geilem dabei zu sein, und tiefsitzender, generationsübergreifender Dankbarkeitspflicht trieb so viele Leute an, ihre Spuren im biber-Magazin zu hinterlassen.

Ich war jung und...bekam dafür eh kein Geld.

Mich trieb es jedenfalls über Nacht von Belgrad in den Bus zurück nach Wien. Es waren Sommerferien. Runterfahren natürlich. Der Plan war, die nächsten zwei Monate mit einem gehobenen Maß an Ernsthaftigkeit ins Belgrader Nachtleben einzutauchen und vor dem 30. August nicht nüchtern und ohne Wimperntusche wieder aufzutauchen. Der Anruf des Chefredakteurs aus Wien warf diese life goals in die Donau, die auch durch Serbien fließt: „Das Shooting für die erste Ausgabe findet in drei Tagen statt. Du kannst eh kommen gell?“ Jaja, klar, genau das war immer mein Plan gewesen.

Tja, long story short – die Busreise dauerte 15 Stunden. 50 km vor der ungarischen Grenze kam mein Vater mich in Hegyeshalom abholen, weil die Buskolonne einfach nicht kürzer wurde und der Rauch in meinem „Zoran Reisen-Bus (jap, damals durfte mal noch im Busmikrokosmos rauchen) irgendwann arg an die Lungen gingen, nicht so arg wie der Turbofolk, der aus den Boxen dröhnte. Aber hey, ein Shooting in einem echten Fotostudio, von einem echten Fotografen und das nicht für die Seite drei. Ich bin jung und ...bekam dafür eh kein Geld. Aber meine Jugofamily reichte die Ausgabe bis ins vlahische Dorf in Ostserbien weiter.

Damit die Eltern stolz sind

Es war der Stolz der Eltern, die Früchte ihrer Schufterei in diesem Land, die Kompensation für die Wertschätzung, die sie nie bekamen, das respekterweisende Nicken der Verwandtschaft – „Ehhh, dein Junge ist jetzt Žurnalist, ahh?. Solche Motive trieben viele Redakteur:innen an, mitzubibern.

All die Ivanas, Amars, Esers, Delnas, Monikas, Dinos, Aleksandras, Bülents, Alis, Dakis, Ljubos, Damirs, Zwetelinas, Cems, Todors, Güness, Bojans, Antonios, Radas, Darkos, Semras und viele, viele mehr. Zu schreiben, Anzeigen zu verkaufen, die Bürosessel selber zusammenzuschrauben, bei Bedarf das Klopapier beizusteuern oder selber zu modeln für die Fotostrecken und Cover, weil das Budget knapp war, knapp blieb, oder einfach fehlte. Dann haben wir einfach das gemacht, was sonst mit uns gemacht wurde: Wir haben unsere Familien emotional erpresst („Du kommst aufs Cover, ich schwöre!) und sie unbezahlt vor die Fotolinse, in – Hand aufs Herz – unmögliche, teilweise genreübergreifende Outfits und Setups gesetzt.

Ohne scharf

Am Ende ist die Rechnung für das biber doch nicht aufgegangen. So schnell wieder vorbei. Wie ein heftiger Sommerflirt. Die Erinnerung an eine heftige Ferienliebe. Ein bittersüßes Techtelmechtel, das einen über Jahre nicht losließ und prägte.

Was ist das Vermächtnis von biber? So eine Ferienliebe hinterlässt eine Kerbe im Herzen. Diese hier vermachte mir eine Handvoll Menschen, die ich heute Freunde nenne. Mit denen ich Frühstücksdates verabrede, Urlaube plane, Kinderfotos tausche und wenn es die Zeit und die körperliche Verfassung zulassen, hin und wieder mit einem gewissen Maß an Ernsthaftigkeit in den Partyvibe vom Sommer 2006 abtauche. Und dafür, liebes biber-Magazin, bekommst du von mir ein aufrichtiges Hvala, danke & Živeli! Machs gut. ●

 

 

 

Zur Autorin: Ivana Cucujkić-Panić schrieb bei biber 16 Jahre lang ihre Kolumne „Ivanas Welt., davor war sie stv. Chefredakteurin und Chefin vom Dienst. Heute hat sie ihren eigenen Podcast „Mutti ist Kaputti

 

 

IVANAS WELT ENDET NICHT MIT BIBER:

Ivana nennt biber ihr „erstes Baby, das sie als redaktionelle Leihmutter 2006 als Gründungsmitglied zur Welt brachte. Mittlerweile hat sie ihre eigenen zwei Sprösslinge. Als Mutter von zwei Buben findet ihr Leben zwischen Legosteinen, Selfcare und ziemlich dunklen Augenringen statt. In ihrem Podcast „Mutti ist Kaputti“ lässt die selbst ernannte Bobo-Balkanmutter Dampf mit anderen müden Eltern ab. Jetzt überall, wo es Podcasts gibt!

 Ivanas Welt findet außerdem auf Instagram weiter statt: Folgt Ivana unter @ivanaswelt

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