ACAB: Systemkritik, die verstanden werden kann.

09. November 2020

Wenn der Anschlag von vergangenem Montag zum Grund wird, um über Parolen wie “ACAB” zu streiten, zeugt das nicht nur von komischer Prioritätensetzung, sondern auch von mangelndem Verständnis von Systemkritik.

Kommentar: Sandro Nicolussi

Dieser Kommentar beschreibt eine Gegenmeinung auf den Text vom Kollegen Adam Bezeczky.

Es dauerte nicht lange, bis bürgerliche (und hauptsächlich weiße) Journalist*innen das Attentat von vergangenem Montag nutzten, um in die Echokammern des Internets zu brüllen, dass es richtig dumm sei, ACAB zu schreiben, weil doch alle froh wären, dass es in solchen Nächten bewaffnete Truppen gäbe, die Schlimmeres verhindern würden. Die Forderungen nach einer strengeren öffentlichen Hand wurden wieder lauter und auch vermeintlich linke Personen plädierten teilweise für autoritäre Maßnahmen, um weitere Anschläge künftig zu unterbinden.

Damit einhergehend wurde auf Twitter Politiker*innen der Grünen die Anteilnahme abgesprochen. Schließlich seien sie es gewesen, die die Einsatzkräfte von Montag entwaffnen hätten entwaffnen lassen wollen und sich damit quasi mit in der Verantwortung sehen müssten. Außer Acht gelassen wird dabei, dass der Täter von der WEGA erschossen wurde – einer Einsatzeinheit, die von der grünen Forderung nach Entwaffnung der Streifenpolizei, die sich lediglich auf das Ablegen der Schusswaffe bezieht, in keiner Weise tangiert würde.

Selbstverständlich überrascht es nicht, dass Debatten nach einer Tat, die vergangenen Montag Wien ereilte, emotionalisiert geführt werden. Das ist menschlich, bringt uns aber im Thema keinen Schritt weiter.

ACAB: Ein Überblick

Die Abkürzung ACAB bedeutet, gleich wie das numerische Pendant 1312, “All Cops Are Bastards”. In der Vergangenheit wurde von jenen, die über den Begriff schrieben, ohne sich damit auseinanderzusetzen, allerdings auch schon vermutet, dass es ein türkischer Vorname sei, der vermehrt auf Hauswände gesprüht wird. Wann und wo genau der Begriff populär geworden ist, ist nicht genau zurückzuverfolgen, allerdings hat er relativ wahrscheinlich seinen Ursprung in England im frühen 20. Jahrhundert. „We Are the Lambeth Boys“ ist ein Film aus 1959, in dem der Begriff bereits skandiert wird. Bürgerrechtler*innen wie Angela Davis wiesen mit dem Begriff darauf hin, dass die Polizei nach dem Ende der Sklaverei in den USA institutionalisiert wurde, um die schwarze Bevölkerung weiterhin zu unterdrücken.

Die Geschichte ist allerdings für die Bearbeitung des Begriffs in diesem Fall nicht so wichtig wie seine Bedeutung(en). Eine interessante Interpretation liefert dafür das irische “Workers Solidarity Movement”. Die anarchistische Initiative beschreibt den Begriff als “All Cops Are Bounded” und erklärt damit, dass die Macht, die Polizist*innen als Träger*innen des staatlichen Gewaltmonopols haben, Menschen korrumpiert. Weiterssei es Teil des Berufs, an die Institutionalisierung des Status Quos gebunden zu sein. Und in einer Welt, in der dieser nicht frei von Fehlern ist, sind es auch seine Institutionen keineswegs. Das alles beachtet selbstverständlich, dass es Momente gibt, in denen Polizist*innen unglaubliche Leistungen für die Gesellschaft erbringen. Aber eben nicht nur.  

Natürlich trägt der Begriff einiges an Polemik in sich. Aber was hat in unserer Welt noch Diskussionspotential, wenn es nicht in der pointiertesten Form daherkommt, um selbst im kürzesten Nachrichtenbeitrag oder Instagram-Post auf schockierende Art die öffentliche Aufmerksamkeit zu erhaschen? Oder handelt es sich bei der Kritik an ACAB und Reformvorschlägen schlussendlich eh nur um eine Formfrage? Das würde jedenfalls den Aufschrei etwas übertrieben wirken lassen.
 

 

Probleme angehen, anstatt die Oberfläche zu polieren

Die Debatte wird derzeit unter dem Vorwand, dass ja nicht alle Polizist*innen problematisch seien, und dem Narrativ des Anschlags geführt. Zusätzlich werden jene, die Ideen zu Polizeireformen aussprechen, oft als realitätsfremde Träumer*innen bezeichnet. Systemkritik ist allerdings nicht individualistisch und denkt auch nicht im Vakuum. Das heißt: ACAB meint nicht, dass alle individuellen Beamten Arschlöcher sind, sondern es geht um die kritikwürdige Institution der Polizei an sich. Und der Vorschlag zur Entwaffnung von Streifenpolizist*innen will Beamten nicht einfach nur ihr Schießeisen wegnehmen, sondern denkt die Umstände, in denen diese Vorschläge Realität werden können bestenfalls mit. Dabei werden oft Vorschläge gebracht zur Umverteilung öffentlicher Gelder in Präventionsangebote, Deeskalationstrainings, soziale Arbeit, bis hin zu der Forderung nach Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das Isolation und Kriminalität antreibe. 

Es ist schwer, sich eine solche Gesellschaft vorzustellen. Das hat auch damit zu tun, dass sie niemals ernsthaft thematisiert, sondern aktiv unterdrückt wird. Stattdessen wird die Debatte mit Emotionen verwässert und wir hängen uns noch immer auf Einzelheiten auf, anstatt uns damit auseinanderzusetzen, wie wir den Status Quo, an dem offensichtlich beide Streitparteien Kritikwürdiges finden können, zum Positiven verändern könnten.

Man kann also über die Arbeit der Polizei am vergangenen Montag froh sein und am Dienstag wieder nach Utopien streben. Denn schlussendlich bleibt der Traum einer absoluten Sicherheit, hergestellt durch eine autoritäre und scharf bewaffnete Polizei, realitätsfremd.

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Weiterführend zum Thema empfiehlt sich die Doku „13th“ von Ava DuVernay oder der Podcast von Nicole Schöndorfer in den Folgen 53-57.

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